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04/12/07

Interview mit dem Dirigenten Christoph Poppen

Von Teresa Pieschacón Raphael


Christoph Poppen ist Chefdirigent der Deutschen Radio Philharmonie in Saarbrücken. ARTE zeigt am 25. 11. 2007 ein Tschaikowsky-Konzert mit der niederländischen Violinisten Janine Jansen.

- In München waren Sie bekannt als Tausendsassa...
... Ja, ich habe in den vielen Jahren immer viel gemacht. Nun bin ich Chefdirigent der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern und habe das Gefühl: Jetzt rundet sich der Kreis. Es gibt nichts, was ich in den letzten 32 Berufsjahren getan habe, was mir jetzt nicht zugute kommt.
- Also fangen wir an...
Ich bin 1956 in Münster geboren, in Bonn aufgewachsen. Nach meinem Abitur bin ich nach Düsseldorf gegangen, an die Hochschule, habe mein Geigenstudium absolviert, mit 21 Examen gemacht und ging nach Amerika, um bei Oscar Shumsky zu studieren. Gleichzeitig war ich seit dem 16. Lebensjahr im Streichquartett engagiert, im Cherubini-Quartett. Zur selben Zeit bekam ich auch meinen ersten Lehrauftrag in Düsseldorf.
- Wann haben Sie begonnen zu dirigieren?
Mit 28 Jahren ging ich noch einmal nach Amerika, um bei Joseph Gingold in Bloomington/Indiana zu studieren. Dort habe ich dann auch Dirigierunterricht besucht, aus purem Interesse an der Musik. In einem Musikgeschäft habe ich mir einen Taktstock gekauft. Irgendwann später kam bei einer Tournee der Moment in Manila, auf der man mich plötzlich bat, zu dirigieren. Was ich dann auch tat, es war eher ein ‚learning by doing’. Aber es entwickelte sich alles so gut, dass ich bald vom Detmolder Kammerorchester und später vom Münchener Kammerorchester gefragt wurde, ob ich die Leitung übernehmen wollte. 11 Jahre war ich insgesamt von 1995-2006 dessen künstlerischer Leiter.
- Parallel dazu folgten Sie aber auch 1995 einem Ruf an die Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, deren Rektor Sie später wurden.
Ja, das war nach meiner Zeit an der Hochschule für Musik in Detmold (von 1988 bis 1995). Ich habe unendlich viel gelernt, obwohl die Arbeit als Rektor, die wohl unmusikalischste aller meiner Tätigkeiten war. Dennoch profitiere ich heute noch von dieser Zeit. Ich habe gelernt mit Menschen Gespräche zu führen, Probleme offen anzugehen und gemeinsam zu lösen.

- Von 2000 bis 2005 waren Sie auch noch künstlerischer Leiter des Internationalen Musikwettbewerbs der ARD, eine Aufgabe, die Sie auch mit Verve und Enthusiasmus anpackten.
Ich führte einige Neuerungen ein, etwa die Regelung, dass alle Kandidaten aufgefordert sind, innerhalb einer bestimmten Zeit ein schweres zeitgenössisches Stück einzustudieren. An solchen Dingen kann man sofort sehen, ob ein Teilnehmer eine starke künstlerische Persönlichkeit mitbringt. Auch habe ich es eingerichtet, dass die Kandidaten ohne Dirigent mit Kammermusik-orchester spielen müssen, weil sich auch da zeigt sich, inwieweit Musiker imstande sind, mit einem Orchester eine Partnerschaft einzugehen. Und die Förderung der Preisträger nach dem Wettbewerb war mir sehr wichtig. So gründeten wir z.B. ein Kammermusikfest, das bis heute existiert.
- Auch bei der Fusion des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken mit dem Rundfunkorchester Kaiserslautern in die jetzige Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern war Ihr Rat gefragt. Sie selbst haben den Überlebenskampf des Münchner Rundfunkorchesters miterlebt, gibt es Parallelen?
© Karin Puslat
Die Situation kann man schwer vergleichen. In München ist man ja auch zu anderen Ergebnissen gekommen. Auch hier bei uns gab es Probleme zu lösen, doch man war in der glücklichen Lage, aus den Fehlern anderer lernen zu können. Zudem sind beide
Intendanten, Herr Voss und Herr Raff sehr weitsichtig die Sache angegangen, und haben das Ganze sehr vielschichtig mit zahlreichen Gremien beider Häuser durchdacht und sozialverträglich abgeschlossen. Im Augenblick hat das Orchester 114 Musiker, in etwa sieben oder zehn Jahren werden es durch zwischenzeitlich fällige Pensionierungen etwa 90 sein. Ich werte es übrigens als sehr positives Zeichen, dass kaum einer das Angebot der Altersteilzeit oder einer Abfindung angenommen hat: alle wollen in dieser Aufbruchstimmung mit dabei sein.
- Sie kamen also nicht als harter Sanierer an...
Nein, ich muss nur für Qualität sorgen, was eine wunderbare Aufgabe ist. Bedenken Sie, welche Repertoire-Vielfalt beide Orchester in der Vergangenheit abgedeckt haben. Auf all dieser Erfahrung können wir jetzt aufbauen! Wir decken nicht nur das große Repertoire des 19./20. Jahrhunderts ab, sondern widmen uns auch ausführlich Neuer Musik – ich habe zum Beispiel die Institution eines „composer in residence“ eingeführt. Außerdem pflegen wir mit besonderer Liebe Vokal-Schwerpunkte, vom Oratorium bis zu Abenden mit Opern- oder Operetten-Arien.
- Aber Sie können ja natürlich nicht alle Musiker immer beschäftigen.
Natürlich haben wir große Programme. Im Moment beschäftigen wir uns intensiv mit Tschaikowsky und haben auch von Jörg Widman bedeutende Musik für große Besetzungen ins Programm genommen. Wir können auch mal die „Alpensinfonie“
machen, aber natürlich sind nicht alle immer auf der Bühne – das ist normal bei einem großen Orchester.
Es gibt sogar die Möglichkeit, das Orchester für eine Phase zu teilen und parallel spielen zu lassen. Wir haben ja zwei Spielstätten in Saarbrücken und Kaiserslautern. Für jedes Orchester ist es gesund, zwischendurch in kleineren Besetzungen zu konzertieren und sich frühklassischen Werken zu widmen. Das kommt dann auch einer Mahler- oder Bruckner-Sinfonie zugute.
- Sind Sie mit dem Orchester auch außerhalb Ihrer beiden Spielstätten Saarbrücken und Kaiserslautern unterwegs?
Selbstverständlich. Schon in dieser Saison sind wir in verschiedenen wichtigen deutschen Großstädten wie München und Frankfurt präsent, nächste Spielzeit führt uns eine längere Tournee durch die Schweiz und Reisen ins fernere Ausland sind im Gespräch. Darüber hinaus widmen wir uns natürlich regelmäßig verschiedenen Aufnahme-Projekten. In den nächsten Monaten erscheint bei ECM eine CD mit Werken von Frank Martin und bei OehmsClassic bringen wir alle Mendelssohn-Sinfonien heraus.
Wir dürfen nicht vergessen: wir sind ein Medienorchester, unser Saal ist klein, aber unsere Hörer sind über die ganze Welt verteilt. Ganz Frankreich hört unsere Konzerte im Radio, vieles wird nach China, nach Südamerika und in viele Länder der Welt übertragen. Dieser Verantwortung müssen wir uns stellen.
Parallel dazu sind wir aber natürlich auch ein ganz wichtiger lokaler kultureller Faktor und müssen zunächst unser städtisches Publikum bedienen.
- Von einem Kammerorchester mit 24 Musikern in einen Apparat mit über hundert Leuten. Was mussten Sie organisatorisch und schlagtechnisch hinzulernen?
Ein Kammerorchester könnte die meisten Werke auch alleine spielen. Man ist als Dirigent nicht so sehr organisatorisch wichtig, muss künstlerisch aber jede Nuance ausformen. Beim Symphonie-Orchester ist das anders. Zusätzlich zu der gestalterischen Verantwortung kommt eine viel größere koordinatorische Aufgabe. Man muss sich überlegen: Wie erreicht man alle, ob im
ersten Pult der Geigen oder die hinteren Posaunen, die gar nicht so genau hören können, was sich vorne abspielt. Die Musiker sind auf die Zeichen des Dirigenten angewiesen.
Inwieweit braucht ein Orchester auch eine menschliche Führung?
Musiker sind immer auch Menschen. Durch die Fusion sind viele Persönlichkeiten neu aufeinander getroffen. Die müssen sich kennen lernen, z.B. müssen wir gemeinsam herausfinden, wer im Orchester am sinnvollsten neben wem sitzt und vieles andere mehr. Da sind auch immer wieder menschliche Führungsqualitäten verlangt. Sie sehen, wir haben viel zu tun. Aber ich liebe diese Aufbruchstimmung, diese Herausforderung, diese challenge!

Interview: Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 28-11-07
Letzte Änderung: 04-12-07