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Maestro - 18/11/09

Interview mit dem Dirigenten Kent Nagano

©2009 Teresa Pieschacón Raphael


Kent Nagano dirigierte im Juni 2006 im Festspielhaus Baden-Baden Richard Wagners meist gespielte Oper "Lohengrin" in einer Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff, mit Klaus Florian Vogt (Lohengrin) und Waltraud Meier (Ortrud).

- „Oper entdecken“ heißt die Dokumentationsreihe   auf ARTE . Was hat Sie an der Einstudierung von Richard Wagner „Lohengrin“ am meisten überrascht?

Jede Einstudierung eines Musikstückes, sei es eine Symphonie oder sei es eine Oper, bringt neue Erfahrungen mit sich. Das hängt neben vielen anderen Aspekten vor allem damit zusammen, dass Musikmachen auf Teamwork beruht und jede Produktion ganz praktisch als Voraussetzung eine jeweils eigene personale Konstellation aufweist.

Wenn  man den „Lohengrin“ zum dritten oder fünften Mal einstudiert, beschäftigen einen als Dirigenten dabei gewiß andere Fragen als beim ersten  Mal, ganz abgesehen davon, dass diese ersten Erfahrungen natürlich sehr hilfreich sind und in die neue Auseinandersetzung mit dem Werk einfließen.

Im „Lohengrin“ hat Wagner eine bestimmte klangliche und klangfarbliche Dramaturgie verfolgt, die mich gerade in der Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsorchester und seiner Wagner-Aufführungstradition beschäftigt. Und dann ist da das Stimmenspektrum der Sängerprotagonisten, das zusammen mit dem Orchesterklang und –gestus in einen integralen Zusammenhang gebracht werden will.

 

- Welches Verhältnis haben Sie als Mensch und als Musiker zu Wagner auch im Hinblick darauf, dass Wagner auch im „Lohengrin“ die eigene Position als  Künstler in der Bürgerwelt andeutet?

Ich finde es in der Tat immer außerordentlich spannend, das, was man aus Wagners Musikdramen heraushört und wahrnimmt in Verbindung mit dem zu bringen, was er selbst geschrieben hat, was aber auch andere, vor allem Zeitgenossen über ihn gesagt haben. Darüber hinaus finde ich die Definition des Künstlers in Wagners „Lohengrin“ faszinierend, weil sie deutlich macht, warum diese Oper, warum die Musik und die Künste im 19. Jahrhundert in der bürgerlichen Gesellschaft eine so elementare Bedeutung gewinnen konnten. Der Künstler war ein Aussenseiter, aber nichtsdestoweniger hefteten sich die Träume, Sehnsüchte und Bedürfnisse an ihn. Bezogen auf den Zusammenhang Wagner – Lohengrin gibt sich in meiner Sicht in „Lohengrin“ ein künstlerisches Selbstbewusstsein zu erkennen, das letztlich Wagner tatsächlich ausmachte und auf die Quelle seiner großartigen Lebensleistung  verweist.

 

- Wagner fing bei der Komposition mit dem Ende, dem dritten Akt an. Wie war das bei Ihrer Einstudierung?Folgen Sie als Sohn eines Architekten einem „Masterplan“?

Natürlich hat man als Dirigent einen Arbeitsplan. Aber der ist sehr komplex und muß sich insbesondere auch nach praktischen Erfordernissen richten. Z.B. verläuft die Probenarbeit mit den Sängern und Darstellern nach anderen Maßgaben als die Arbeit mit dem Orchester.

-  In der öffentlichen Wahrnehmung hat ein Regisseur ein größeres Gewicht als der Operndirigent. Hier führte Nikolaus Lehnhoff Regie. Wieviel hatten Sie noch als Dirigent zu sagen?

Was die Wahrnehmung durch das Publikum betrifft, wage ich Ihre Behauptung zu bezweifeln. Selbst eine gute und originelle Regiearbeit ist im Zusammenhang mit einer konzeptionslosen und uninspirierten musikalischen Darstellung nicht denkbar.

Nikolaus Lehnhoff ist ein sehr musikalisch denkender und musikalisch inspirierter Regisseur, und es ist für einen Dirigenten wunderbar und außerordentlich zufriedenstellend, mit ihm zusammenzuarbeiten.

- Hat die Art der Inszenierung eines Regisseurs  auch einen Einfluss auf Ihre Musizierweise?

Ganz gewiss!  Die Inszenierung ist konkrete Ausprägung der Gedankenwelt, in die man eine Werkinterpretation integriert. Und diese Gedankenwelt sowie Lesart des Werkes teilen Regisseur und Dirigent. Ich verkenne nicht, dass es diesbezüglich auch Probleme geben kann. Aber grundsätzlich sollte in diesem Punkt über eine gemeinsame Lesart zwischen Regisseur und Dirigent Einvernehmen bestehen. Es ist klar, dass das die musikalischen Vorstellungen beeinflusst. Musikmachen  -  und dies gerade im Falle der Oper  -  heisst ja nicht, einfach Noten spielen, sondern all das, was in das „Komponierte“ eingegangen ist, auch zur Geltung und zur Wirkung zu bringen. Und da spielt schon die Tatsache, dass da „singende Akteure“ auf der Bühne stehen, hinter denen Persönlichkeiten stehen, eine unglaublich wichtige Rolle.

 

- Bis nach dem 2. Weltkrieg  hatte „Lohengrin“ eine stark nationalistisch gefärbte Rezeption. Wie kann man das aus der musikalischen Perspektive verhindern?

Musik kann sich generell kaum davor schützen, in falsche Richtungen hin ausgelegt zu werden. Ich bin aber überzeugt, dass die letztlich einzige Möglichkeit, Musik vor Missbrauch zu schützen, darin besteht, dass man sich als Interpret  ausschließlich auf  ihre musikalische Authentizität und Wahrhaftigkeit einlässt und allein diese sich zur Maßgabe und zum Ziel macht.

 

- Was unterscheidet einen Operndirigenten von dem eines Symphonieorchesters? Sie machen ja beides.

Es gibt da prinzipiell keinen Unterschied für mich. Allerdings sieht die Praxis der Erarbeitung unterschiedlich aus. Aber das besagt nichts  über die Art der musikalisch-geistigen  Auseinandersetzung. Die muss immer und überall sich an den Bedingungen orientieren, welche die jeweiligen Werke stellen.

©2009 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 26-02-09
Letzte Änderung: 18-11-09