- Wenn man wie Sie in Belgien, in einer Monarchie aufwächst, hat man da ein anderes Verhältnis zur Tradition?
Die Monarchie bei uns ist hier eher dekorativ und symbolisch, sie haben keine politische Macht, wir leben in einer Demokratie Ich kenne die Leute sehr gut, ich bin selber geadelt. Der König ist hier nur in der Krise wichtig.
- Ich frage Sie dies, weil Sie ein Spezialist der historischen Aufführungspraxis sind
Mein Verhältnis zur Vergangenheit betrifft eigentlich nur die Kunst und die Musik und ich interessiere mich auch für Geschichte.
- Sie sind Sohn eines Arztes, haben eine jesuitische Erziehung genossen. Inwiefern hat diese Sie in Ihrem Verständnis der Musik geprägt?
Dort gab es einen Chor unter Leitung eines Priesters, der wirklich noch ein Musiker war- und wir mussten jeden Tag zur Messe singen, Gregorianik aber auch polyphone Musik und Palestrina, Schütz und Bach. Ich bin also zur Alten Musik sehr früh gekommen und war insgesamt zwölf Jahre an der Schule. Ich habe aber auch Klavier gespielt und nach dem Abitur studiert und mich mit Chopin, Brahms und Debussy beschäftigt. Ich war an vielem interessiert, studierte Psychiatrie und wollte gleichzeitig Bach und Schütz dirigieren. Zu meiner Zeit gab es keine professionellen Dirigenten dieses Repertoires in Belgien. Ich dachte, ich könnte beides verbinden, weil ich ahnte, dass ich nicht gut genug war, um ein Konzertpianist zu werden.
- Zugleich sind Sie ausgebildeter Mediziner und Psychiater, waren kurz als Assistenzarzt tätig, doch Ihre eigentliche Berufung wurde die Musik.
Ja, mit Mitte zwanzig dann beschloss ich mich ganz der Musik zu widmen. 1970 hatte ich bereits das Collegium Vocale gegründet; ein kleiner Chor, Gesang ohne Vibrato. Praktisch vier Familien, Leute, die um die Ecke wohnten.
- … Und Kommilitonen aus der medizinischen, historischen und juristischen Fakultät…
Ja. Alles Universitätsstudenten, damals gab es viele Laienchöre, die auf sehr hohem Niveau musizierten, heute gibt es das nicht mehr. Mein Collegium war eine Mischung, später haben wir uns dann professionalisiert und spezialisiert. Es sind alles Künstler, die auch als Solisten auftreten.
- Neben dem Collegium Vocale gründeten Sie La Chapelle Royale, 1991 kam das Orchestre de Champs Elysées hinzu, ein Orchester, wie es um 1850 in Paris existiert haben könnte und weitere Ensembles
Ja, es ist ein bisschen wie mit einer poupée russe…
- … Ineinander verschachtelte russischen Puppen, die alle miteinander zusammenhängen. Auffällig viele Totenmessen zählen zu Ihrem Repertoire. Zufall?
Sie stellen der Seele die Realität gegenüber. Aber ich bin nicht irgendwie neurotisch verbunden mit der Totenmusik. Nein, auf keinen Fall. Große Musik aus der Vergangenheit ist eben religiöse Musik und oft auch Totenmusik gewesen.
"Wirkliche Kunst ist universell"
- Orlando di Lassos „Lagrime di San Pietro” (Die Bußtränen des Heiligen Petrus), jene 21 auf Luigi Tansillos Gedicht „Lagrime" komponierte Madrigale, ist auch eine solche Totenmusik.
Ja, er hat soweit ich weiß, dieses Werk am Ende seines Lebens geschrieben. Es war kein Auftragswerk, er wollte mit der Musik seine Schuldgefühle abladen. Das ist sehr ungewöhnlich für diese Zeit, dass ein Komponist zu dieser Zeit persönlich entscheidet, er schreibt jetzt ein Werk, um seine Gefühle, seine Befindlichkeit zum Ausdruck zu geben.
Ein Kritiker schrieb: „Mit einer Intimität, die danach wohl erst wieder mit der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts möglich wird, durchforscht und reflektiert der Textdichter Luigi Tansillo (1510-1568) das mutmaßliche Innenleben des Petrus“. Ist es legitim, von heute aus zurück auf einen Schöpfer des 16. Jahrhunderts zu schließen?
Orlando di Lasso war manisch depressiv wie viele andere auch, er hatte fünf Jahre lang nichts geschrieben, dann hat er die „Lagrime“ geschrieben, er fühlte sich sehr schuldig für Gott weiß welche Sünden in seiner Jugend. Das ist ganz neu in der Geschichte. In diesem Sinne ist das Zitat korrekt.
- Die Komposition steckt voller Symbole, besteht aus 21 geistlichen jeweils siebenstimmigen Madrigalen,wobei die Zahl Sieben - als Zahl der Vollkommenheit, aber auch der Trauer - auf Maria anspielt, die „Mutter der sieben Schmerzen". Wird diese Symbolik in der ARTE- TV-Aufzeichnung vermittelt?
Indirekt vielleicht. Trotz seiner Symbolik wurde das Werk nicht für einen kirchlichen liturgischen Rahmen geschrieben, sondern womöglich für den Prinzen am Abend, wenn er nicht schlafen konnte, also für den Privatgebrauch. Große Kunst der Vergangenheit kann in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus wirken, auch wenn sie einst für die Aristokratie oder für die Kirche komponiert wurde. Das wirklich faszinierende aber ist, dass die wirkliche Kunst auch in einem anderen Ambiente funktioniert. Das ist universell. Orlandos Musik haben wir auch in Japan gespielt. Das ist das Mysterium großer Kunst und großer Komponisten, dass sie nicht nur durch ihren Text, sondern vor allen Dingen auch durch ihren Kontrapunkt viele Menschen berühren kann. Sie führt in die tiefsten Lagen der seelischen Befindlichkeit, sodass Menschen aller Epochen und Nationalitäten in unterschiedlichen Räumen sie nachempfinden können.
- Auch akustisch?
Zugegeben, man braucht die passende Akustik. In einer trockenen Konzerthalle wird es da etwas schwerer, Lassos Werk zu vermitteln. Deshalb haben wir die Aufzeichnung in einer sehr schönen Kirche gemacht. Der Text ist sehr kompliziert, doch auch wenn man den komplizierten Text nicht gut versteht, so bleibt die Musik immer noch wunderschön und man muss nicht unbedingt ein Spezialist im Kontrapunkt sein, um das zu verstehen.






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