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Maestro - 24/11/11

Interview mit dem Dirigenten Thomas Hengelbrock

von Teresa Pieschacón Raphael


ARTE zeigt am Montag, den 28. 11. 2011, um 23 Uhr als TV-Premiere ein Portrait des Dirigenten und neuen Leiters des NDR Sinfonieorchesters Hamburg, Thomas Hengelbrock.
Lesen Sie hier unser exklusives Interview mit Thomas Hengelbrock.

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- Herr Hengelbrock: Einer Ihrer Lieblingssätze ist: „Ich möchte lernen“

Ja, man weiß nie genug.

- Sie haben viel erreicht, sind Mitbegründer des Freiburger Barockorchesters, Begründer des Balthasar Neumann-Chores mit Ensemble, ab 2011/2012 Chefdirigent beim NDR, heuer  debütierten Sie in Bayreuth mit „Tannhäuser". Woher der Wissensdurst?

Ich komme aus einer Familie, in der der Glaube eine große Rolle spielt. Meine Mutter war evangelische Theologin, sie starb sehr früh an Krebs in ihrem Glauben aufrecht und unglaublich tapfer. Meinen Vater haben die theologischen Fragen gepeinigt, er hat sich mit Hilfe der Philosophie, er hatte bei Heidegger studiert, von der Strenge des jesuitischen Katholizismus, in der erzogen worden war, befreit. Es war für ihn existenziell. Er brauchte das, um nicht psychisch vor die Hunde zu gehen.

Mein Vater ist ein sehr gebildeter Mensch, ich kenne keinen, der es mehr ist. Er konnte seinen Faust, die gesamte Literatur, sprach acht oder neun Sprachen, die heute tot sind: Altnorwegisch und Altisländisch, Althochdeutsch, Latein und Griechisch sowieso. Ja, das war vielleicht das alte Bildungsbürgertum, das wir heute so belächeln. Heute heißt es ja oft Thomas Mann gähn, gähn…. Es gibt so viele, die von Rilke, Trakl, Benn, Fichte oder Hegel noch nie gehört haben, man kommt sich manchmal ein bisschen einsam vor.

- Es gibt ja oft unter Sängern hochbegabte aber humanistisch ungebildete Künstler, die dennoch zu sehr berührender Interpretation fähig sind. Inwiefern ist eine umfassende humanistische Bildung überhaupt für die Interpretation wichtig?

Die Universalität, die Größe und der Reichtum großer Kunstwerke sowie dessen emotionale Ansprache ist nur durch Bildung erfassbar. Diese großen Kunstwerke haben uns so viel zu erzählen, auch über das Leben vorangegangener Generationen.

 

- Gab es für Sie als Musiker je einen Konflikt zwischen Intellekt, Intuition, Inspiration?

Nicht wirklich. Ich glaube, dass der Verstand schon da sein sollte, dass man in seine Emotionen Klarheit hineinbringen muss und auch ein bisschen Führung. Verstand hilft auch da, wo die Dinge sich im Ungefähren befinden. Man kann sie dann begrifflich definieren und man kann sie besser handhaben. Wenn man allerdings in das Chaos der Gefühle etwas Ordnung bringen dann bringt das auch die Gefahr mit, dass das Kreative ein bisschen eingegrenzt und er Reichtum des Lebens beschnitten wird.

- Wie wichtig ist Lebenserfahrung?

Sehr wichtig. Ich glaube, dass Leben und Musizieren eine Einheit ist. Sie sind als Dirigent unglaubwürdig, wenn Sie den Leuten irgendetwas erzählen, was Sie sich nur angelesen haben. Sie sind nur dann glaubwürdig, wenn Sie etwas tief emotional erfahren haben. Nur so können Sie überzeugen. Wenn Sie groß werden in einer Familie des ‚anything goes’ dann haben Sie auch nicht diesen Stachel im Fleisch. Den Schmerz. Aber bei meinem Hintergrund tragen Sie dieses Wissen um die Vergänglichkeit des Lebens mit sich, scheuen sich nicht, in der Musik jene Stellen herauszuheben, wo schmerzhafte Dinge angesprochen werden. Auch Bach hat das so gut gewusst, innerhalb von zwei, drei Jahren starben ihm sieben Kinder. Ich kann nicht ertragen, wenn Leute behaupten, früher war das ja so üblich und das habe die Leute emotional nicht so mitgenommen. Ich finde das anmaßend, dass wir den Menschen damals den Schmerz absprechen, gerade bei Bach, der den Schmerz so breit ausmalt. Das bedarf der interpretatorischen Nachempfindung und vertieften Nachzeichnung.

- Eigentlich wollten Sie Geiger werden, studierten bei Rainer Kussmaul, und waren dann schnell Professor in Freiburg

Ja, die kleine Professur habe ich überraschend bekommen und musste dann innerhalb ganz kurzer Zeit Examen machen, weil man feststellte, dass dies eine Beamtenstelle war, die man nur mit dem Staatsexamen bekam. Ich war Anfang zwanzig, unterrichtete Geige und Kammermusik. Ich erinnere mich, meine erste Schülerin war 28.

- Und die hat Sie ernst genommen?

Schon. Ich war schon sehr streng in jungen Jahren, wusste, was ich wollte, hatte gen Ende vierzig Schüler. Mit 24 aber dachte ich, das kann es nicht ganz gewesen sein, habe angefangen Geschichte zu studieren. So ein Musikstudium ist ja sehr einseitig, man wird gewissermaßen zum Fachidioten, es hat keine Welthaltigkeit, vieles vom Leben geht an einem vorbei. Mich hat ganz Anderes interessiert: die Politik, die Zoologie, Weltgeschichte, die Völkerkunde, die Musikwissenschaft.

-Interessen, denen Sie dann auch nachgingen

Das bohrende Bedürfnis nach Erkenntnis blieb.

 

- Sie lernten aber nicht nur von Wissenschaftlern, sondern auch von Komponisten wie Witold Lutoslawski und Mauricio Kagel

Mit Kagel lernte, ich wie der Komponist mit seinem eigenem Werk umgeht. Wir hatten sein Stück bestimmt zu Tode geprobt, einigermaßen präzise konnten wir es, und dann war ihm das gar nicht so wichtig, er hat das gar nicht gehört. Lutoslawski wiederum hatte eine sehr präzise Vorstellung, wie er etwas hören wollte. Mit Lutoslawski über Musik zu reden war einfach fantastisch. Ein Grandseigneur, eine sehr wichtige Person für das Zwanzigste Jahrhundert.

- Und Sie waren Assistent von Antal Doráti

Doráti hat mich eigentlich zum Dirigieren gebracht wir hatten Probe und sein Flieger war verspätet, ich war Konzertmeister im Orchester. Dann hieß es: ‚Wir fangen schon mal an’. Ich stellte mich dann hin mit dem Geigenbogen in der Hand und fing an zu dirigieren, Herzog Blaubarts Burg, ein eher einfaches Stück. Und dann kam Doráti, von uns unbemerkt und setzte sich hin und ließ mich einfach proben. Nach der Probe bat er mich sein Zimmer, lud mich nach Bern ein. Er hat mir viele Dinge erklärt und sagte mir: ‚Wenn Sie die Musik wirklich verstanden haben, dann wird Ihr Körper Ihnen schon sagen, wie Sie das nach außen tragen müssen’. Es war eine etwas optimistische Einschätzung, aber im Prinzip schon richtig.

Als Dirigent können Sie nicht einfach nur Schlagtechnik erlernen, Sie müssen versuchen, die Musik wirklich zu verstehen und dann muss man lernen, dieses Wissen durch den Schlag zu vermitteln. Ich halte nichts davon, wenn es umgekehrt geht.

- Das Bedürfnis nach Wissen blieb und so war der Weg zur historischen Aufführungspraxis nicht weit

Ja. Als ich anfing vor dreißig Jahren, gab es geistig sehr rege Diskussionen über die wahre Art der Interpretation, heute ist leider etwas sehr Uniformes daraus gemacht worden, vieles wurde in den Barockorchestern standardisiert; auf technisch sehr hohem Niveau ja, aber standardisiert. Ich finde, das hat mit intensiver Beschäftigung mit Musik nichts zu tun. Zum Beispiel die Stimmung, man sagt, Barockmusik müsse man grundsätzlich einen Halbton tiefer spielen. Das ist falsch, im Barock hat fast kein Orchester auf 415 Hertz gespielt. In Leipzig war der Ton bei 407, Mendelssohn hat 100 Jahre später noch im gleichen Stimmton (etwa 422 Hertz) wie Händel gespielt. In Paris war er zur gleichen Zeit auf 390 – einen Ganzton tiefer. Im Laufe des frühen 19. Jahrhunderts stieg er auf zum Teil 460 Hertz. Verdi fand dies ein Skandal. Das ist nur ein Beispiel über die unendliche Fülle. Es ist ja alles da. Nur wenige Prozent der Literatur sind ediert. Es liegt so unfassbar viel überall herum, in Italien, in Spanien, in Russland, es stapelt sich in den Kirchen, bei den Familien. Ich war mal bei den Strozzis zu Gast, den Nachkommen der Komponistin Barbara Strozzi, die sagten mir: „Wir haben übrigens eine riesige Musikbibliothek, aber kein Verzeichnis, keine Bibliographie, kein Inventar“.

 

 

Wie hilfreich ist das Internet?

Sehr, man kommt schneller voran, kann sich besser informieren, wo etwas vielleicht schon mal ediert worden ist. Und dann setzen wir uns hin und fangen an. Oft habe ich nur Stimmen und keine Partitur, die lege ich mir auf einen großen Tisch und setze sie mir im Kopf zusammen. Von 98 Stücken, die ich sehe, bearbeite ich etwa nur zwei.

- So wenig? Welche sind denn die Kriterien, die zur Auswahl führen?

Wenn Sie viel hören, haben Sie natürlich auch viele Erfahrungswerte. Sie schauen sich das genau an, wie die Musik aufgebaut ist, wie komplex sie ist. Sie schauen sich die melodische, rhythmische Struktur an, den harmonischen Bau, fragen sich: wie geht der Komponist mit dem Text um? Mein Büro beauftragt dann auch einen richtigen Notensetzer mit viel Erfahrung und der stellt dann die Edition zusammen. Und dann geht man in vier oder fünf Korrekturgängen noch einmal das Ganze durch, zum Teil mache ich das selbst, habe aber auch Musikwissenschaftler, die mir dabei helfen.

- Gibt es Werke, die aus gutem Grunde verschollen sind?

Das kompositorische Niveau des Barocks ist sehr hoch, wenn ich an Zelenka, Heinichen oder Fasch denke. Da gibt es unglaubliche Werke, aber ich habe eben nur dieses eine Leben und werde es nicht schaffen, alle auszugraben.

- Glauben Sie, dass man einen zweiten Johann Sebastian Bach findet?

Nein, das nicht, aber man wird immer große Komponisten finden wie Lotti, wie Cavalli, wie Steffani, die nicht den Platz in der Musikgeschichte hatten, der ihnen gebührt.

©2011 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 24-11-11
Letzte Änderung: 24-11-11