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20/10/05

Interview mit dem Geiger Joshua Bell

Von Teresa Pieschacón Raphael


„Good guy, bad guy“ heißt es in der Geigerwelt über Sie und Nigel Kennedy, wobei Sie die nette Hälfte repräsentieren. Wie finden Sie das?
(Lachen) Ach, die Menschen versimplifizieren, eigentlich hasse ich das. Immer diese ewigen Vergleiche zwischen Sängern. Nigel hat natürlich einen ganz anderen Charakter als ich.

Obendrein werden Sie auch noch mit Hugh Grant verglichen...
(Lachen) Schlimmer wäre es doch, wenn ich mit diesem Transvestiten Divine Brown, mit dem er mal etwas hatte, verglichen worden wäre...

Wie finden Sie es diese Reduzierung auf Äußerliches, was besonders bei Ihnen in der Berichterstattung der Fall ist.
Warum nicht? (Lachen) Nein, im Ernst, mich nervt so etwas. Ich versuche es zu ignorieren und gar nicht erst wahrzunehmen. Ich bin bodenständig, auf einer Farm großgeworden, mit Pferden und Hühner. Ich liebe das Land, aber eigentlich mehr die Stadt, etwa New York. Dort lebe ich seit über 14 Jahren. Meine Eltern waren Psychologen, insofern hatten wir ein sehr offenes Haus, es wurde über alles gesprochen. Dies war sehr gut für meine Entwicklung.

Musik und Psychologie. Erkennen Sie eine Verbindung?
Wenn überhaupt dann eher eine sehr vage. Im Hinblick auf Gefühle und Empfindungen vielleicht. Psychologie ist aber sehr wichtig im Beruf des Musikers, weil man mit Menschen zu tun hat, mit anderen Musikern, mit einem Orchester. Man muss es verstehen, Menschen mit Respekt aber auch einer gewissen Entschiedenheit zu begegnen, besonders dann, wenn man eine musikalische Vision vermitteln möchte. Das ist oft sehr schwierig.

Woher kommt Ihre Musikalität?
Meine Mutter spielte Klavier, und ist mir auf dem Gebiet der Musik sehr verbunden. Zudem liebt sie die Herausforderung, Spiele und Sport aller Art und diese sportive Einstellung braucht man in diesem Beruf. Ich hatte in dieser Hinsicht sehr unterstützende Eltern; das braucht man als junger Mensch sehr. Meine Mutter ist Jüdin, obgleich die Religion weniger eine Rolle spielte. Mein Vater war einst Pfarrer, ging aber ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr in die Kirche. Er wollte uns auch nicht in diesem Sinne erziehen. Für mich ist die Musik zur Religion geworden. Ich glaube an etwas Höheres, etwas Erhabenes. Für mich gilt: Wenn man Bach hört, fängt man an Gott zu glauben.

Zugleich sind Sie sehr an der Naturwissenschaft interessiert.
Ich lese gerne. Ich bin sehr neugierig, als Musiker müssen Sie das sein. Sie müssen ewig auf Entdeckungstour gehen. Ich bin fasziniert von der Mathematik, stets auf der Suche nach Erkenntnis, nach dem Wissen, was die Welt zusammenhält. Was ich nicht ausstehen kann sind Dinge wie Astrologie oder Horoskope und anderer esoterischer Hokuspokus. So viele Menschen interessieren sich dafür und fragen mich nach meinem Sternzeichen. Ich finde das ja so langweilig! Offenbar besteht ein Bedürfnis an Geister zu glauben und sich Pseudoreligionen zu konstruieren. Ich finde das schrecklich.

Viele wissen gar nicht mehr was wahre Spiritualität ist
Ja, Sie haben absolut Recht. Wahre Spiritualität ist für mich, wenn man anfängt etwa Biologie zu studieren und lernt, wie eine DNA-Struktur funktioniert. Das ist so unbeschreiblich! Sie fühlen die Magie und Schönheit dieser Dinge! Und können überhaupt nicht mehr verstehen, dass so viele Menschen sich mit diese dämlichen Horoskopen beschäftigen.

Hätten Sie sich auch eine Laufbahn als Wissenschaftler vorstellen können?
In einem anderen Leben. Aber leider glaube ich nicht an andere Leben. (Lachen) Wenn ich ein anderes Leben hätte, könnte ich mir das vorstellen, auch ein Studium der Medizin. Doch Musik ist für mich das Wichtigste. Zudem ist Musik ja auch verbunden mit Physik. Beim Musizieren wird ja der gleiche Teil des Gehirns genutzt. Sowohl in der Musik als auch in der Physik muss man Strukturen, Proportionen und Symmetrien erkennen. Denn Sie können als guter Musiker nicht einfach nur emotional sein. Sie müssen auch ein Mathematiker, ein Architekt sein, Sie müssen die physische Seite der Musik verstehen.

Etliche Komponisten haben Werke für Sie geschrieben bzw. Ihnen gewidmet. Warum, sind Sie bzw. Ihre Art zu Interpretieren für diese Komponisten eine so reiche Inspirationsquelle?
Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich selbst mag es sehr, mit Komponisten zu arbeiten, auch jenen, die auf dem Gebiet der Geige nicht solche Experten sind. Ich mag gerne auch Einfluss nehmen. Zudem ist es eine große Ehre für mich, wenn ein Komponist mir sein Werk widmet.

„Aktion und Adrenalin“ bestimmten Ihr Leben, sagen Sie im Interview.
Ja, leider. Ich begreife langsam, dass ich mehr Ruhe brauche. Obwohl dies meiner Natur widersprechen würde. Doch ich brauche Ruhe für meine Gesundheit, es wird sonst zu gefährlich, da ich gerne meine Grenzen austeste. Ich versuche es mit Yoga, Meditation. Das ist wichtig, das entspannt mich.

Warum sind Sie so?
Ich glaube es ist ein Teil meiner Natur, andererseits ist es aber auch eine Sucht. Wenn Sie überall auftreten, viel Publikum haben, dann kann so etwas wie eine Droge werden. Sie brauchen dann immer mehr von diesem Adrenalinstoß vor jedem Auftritt. Man muss lernen davon loszukommen.

Können Sie sich noch an Ihren ersten öffentlichen Auftritt erinnern?
Mit sechs spielte ich im Klub meines Vaters. Mit sieben zum ersten Mal mit Orchester und im Theater. Ich spielte das Doppelkonzert von Bach mit einem anderen Mädchen. Sie war sehr nervös und dies war seltsam, weil ich es nicht war. Ich war aufgeregt aber nicht wirklich ängstlich. Jetzt wo ich älter bin, kann ich viel leichter nervös werden. Es hängt natürlich auch davon ab, wie gut man das Stück kennt. Das Gedächtnis wird schlechter und das macht mich manchmal nervös. Wenn man als junger Mensch etwas lernt, dann kann man sich die Dinge leichter merken. Es ist wie das Lernen einer Sprache, aber wenn man älter wird, wird es schwieriger. Ich habe manchmal Alpträume: da stehe ich auf der Bühne und weiß nicht mehr wie das Stück weitergeht.

Ein Kritiker behauptete mal, Sie spielten als ginge es um Leben oder Tod.
Das ist natürlich sehr melodramatisch, aber eines stimmt: wenn ich spiele, dann will ich überzeugen. Indifferenz ist das Schlimmste, was einen Musiker passieren kann.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Ich weiß es nicht. Ich bin jetzt 37. Ich hoffe, ich bin dann noch am Leben (Lachen). Und vielleicht verheiratet und mit Kindern. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich als jüngerer Mensch ein erwachseneres Leben führte als heute. Ich hatte über sieben Jahre lang eine Freundin. Mit den Jahren bin ich bin immer mehr zum Kind geworden. Ich weiß nicht, ob das so gut ist. (Lachen)

Erstellt: 14-10-05
Letzte Änderung: 20-10-05