16/12/05
Interview mit dem Geiger Wadim Repin
Von Teresa Pieschacón
Der 1971 in Nowosibirsk geborene russische Violinist Wadim Repin ist u. a. Preisträger des renommierten Königin-Elisabeth-Wettbewerbs in Brüssel
Künstler L-R
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- Pahud, Emmanuel
- Pape, René
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- Rattle, Simon
- Repin, Wadim
- Rolando Villazón und Anna Netrebko
- Ross, Bob
- Rostropowitsch
Herr Repin, wenn Sie die Wahl hätten zwischen einer Stradivari und einem Maserati, was würden Sie nehmen?
(Lacht lange) Beides.... Nein, doch die Stradivari. Die Geige hat noch die Priorität!
Könnten Sie sich überhaupt ein anderes Leben als das eines Musikers vorstellen?
Ich habe noch nichts anderes probiert...
Auch nicht als Rennfahrer, bei Ihrer Leidenschaft für schnelle Autos?
(lacht) Vielleicht...
Haben Sie schon Gemeinsamkeiten entdeckt zwischen Ihrer Geige, einer Stradivarius ‘Ruby’ von 1708, die einst von Sarasate gespielt wurde, und Ihrem Auto?
O ja, eine gute Geige und ein gutes Auto haben eine Seele. Vor allen Dingen italienische Autos; die Italiener sind Pioniere bei neuen Dingen, besonders bei den Autos. Sie finden etwas heraus und machen es sofort. In Deutschland probieren sie erst fünf Jahre lang und erst, wenn es hundertfünfzig Prozent sicher ist, dann geht es in Serie. Deutsche Autos sind sehr sicher...
Das klingt nicht als so, als seien Sie ein Mercedes-Fahrer?
Nein! Ich habe einen anderen Wagen.
Mit dem Sie durch die Gegend rasen?
Ja, ich liebe das. Deutsche Autobahnen sind sehr gerade, deshalb kann man hier auch so schnell fahren, und es gibt keine Geschwindigkeitsbegrenzung. In anderen Länder muss man leider ein Limit respektieren (er seufzt)...
Wie schnell fahren Sie denn, zweihundert, zweihundertfünfzig Kilometer pro Stunde?
Schneller, mindestens dreihundert!
Wurde Ihnen dabei der Führerschein auch schon abgenommen?
O ja, etliche Male... Die Polizei war hinter mir her, so wie im Kino.
Haben Sie auch den Elchtest ausprobiert?
Aber natürlich! Den habe ich sofort ausprobiert! Aber mein Auto ist nicht umgekippt.
Gibt es auch einen Elchtest für Geiger?
Beethovens Violinkonzert zum Beispiel. Es ist ein sehr langes Werk, und für die Intonation ist das Stück die Hölle. Aber was das Rasen angeht, ist es jetzt nicht mehr so schlimm. Ich ziehe es manchmal vor, ein Buch zu lesen, statt zu fahren. In Monaco, wo ich manchmal wohne, ist es sehr schön; da fahre ich, wenn ich Zeit habe, durch die Berge.
Ist Monaco Ihnen zur zweiten Heimat geworden?
Nein, nicht wirklich. Ich bin auf der Suche nach der Stadt, in der ich mal leben möchte. Zurzeit fühle ich mich in London sehr wohl. Aber ich weiß nicht, wo ich wirklich hingehöre.
Was ist mit Ihrer Heimatstadt Nowosibirsk?
Nowosibirsk ist weit weg. Siebzehn Jahre habe ich dort gelebt; meine Mutter war Krankenschwester; als ich dann mit dem Konzertieren angefangen habe, sind wir zusammen gereist. Mein Vater ist nach heutigen Begriffen ein Designer und Maler; früher musste er für bestimmte Feiertage Reklame malen, jetzt macht er mehr mit Öl, als Künstler und das, was er wirklich fühlt. Jetzt ist er ein richtiger Kunstmaler...
Sie sind das einzige Kind?
Ja, ich wollte immer Musik studieren, seit ich drei Jahre alt war. Mit fünf haben sie mich zur Musikschule gebracht, und die Geige war die einzige Klasse, die nicht besetzt war. Nach sechs Monaten habe ich schon erste Konzerte gegeben. Später dann kam ich zu Zakhar Bron und ging mit ihm 1989 nach Lübeck, als er dort eine Gastprofessur erhielt. Er ist mein geigerischer Vater; wir sind viel zusammen gereist und haben viel gespielt.
Er förderte Ihre virtuose Begabung...
Ja, das war für ihn sehr wichtig. Die Technik in Kombination mit Musikalität natürlich. Ein anderer Aspekt von Brons Unterricht war, dass er uns vermittelt hat, dass man wissen musste, warum und wofür man übt. Er hat für seine Schüler immer kleine Konzerte arrangiert, man sollte nur nicht zu Hause vor sich hin üben.
Sie sagten einmal, wenn man in Russland ein Instrument studiere, dann bedeute einem dies das ganze Leben; in Deutschland oder England denke man eher daran, wie man damit Geld verdienen könne und ob man nicht lieber Rechtsanwalt werden solle ...
Früher war das in Russland so - ob das jetzt noch stimmt, weiß ich nicht. Musik war eine Berufung, die man mit sehr viel Respekt behandelte, bei der man nicht an das Geld dachte, das man womöglich verdienen könnte.
Das würde ja die beliebte These stützen, dass der Kapitalismus materialistisch mache...
Nein, nicht unbedingt. Jetzt ist es in Russland besser. Mehr und mehr setzt sich das Sponsorwesen durch, und man hat mehr Freiheit. Früher gab es eine große Agentur in Moskau, und die hat alles für alle gemacht. Die war sehr korrupt. Kam beispielsweise ein Auftrag für Herrn Schmidt, und hatte der, der darüber entschied, ein Präsent von Herrn Müller bekommen, dann hat natürlich Herr Müller den Job bekommen. Niemand wusste, was passiert; man musste immer Kontakte haben; es war immer Zakhar Bron, der uns diese Verantwortung abgenommen hat.
Hat sich das Leben Ihrer Eltern in Russland sehr verändert?
Nein, nicht soviel. Finanziell ist es schwierig, aber dafür bin ich ja da, damit es keine Probleme gibt. Aber die Freundschaften sind noch immer dieselben. Ich vermisse zwar meine Familie, aber meine Freunde treffe ich jetzt in New York, London und Paris. Und doch ... Nowosibirsk, das ist eine andere Welt; man denkt nur an den heutigen Tag. Heute ist wichtig und übermorgen ist egal. Vielleicht genießt man dort mehr das Leben.
Erstellt: 16-12-05
Letzte Änderung: 16-12-05