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20/04/07

Interview mit dem Percussionisten Martin Grubinger

Von Teresa Pieschacón Raphael


MUSICA zeigt ein Portrait des Multipercussionisten Martin Grubinger (Samstag 21. April 2007, um 22.40 Uhr)


- Ihr Vater ist Schlagzeuger, könnte man also frei nach Goethe sagen: „Vom Vater die Natur?
In gewisser Hinsicht stimmt das. Mein Vater ist Schlagzeuger und Lehrer in der Landesmusikschule. Ich bin sehr ländlich aufgewachsen, sehr naturbezogen und hatte als Kind alle Instrumente zur Verfügung. Von klein auf wollte ich gerne zuhören und spielen. Bei meinem Vater habe ich als erstes gelernt. Schlagzeug: Das ist für mich immer noch wie Zauberei. Die Schnelligkeit, die Aktion, die Bewegung diese ganzkörperliche Aktivität mit den Füssen und den Armen, das ist einfach faszinierend
- Wohl nicht für alle: nicht wenige Musikern ist Musik für Schlaginstrumente nicht mehr als bloßes stumpfes, rhythmisches Geklöppel und Gerassel
Ja. Ich kenne Geiger, die mir sagen: ‚Na, Du haust da doch einfach nur drauf!‘ Das sei doch nur Show. Die ist auch dabei, aber das ist längst nicht alles.
- Was macht denn einen guten Schlagzeuger aus?
Drei Komponenten sind wichtig: Technisch muss er das Instrument so sehr beherrschen, dass er alle Möglichkeiten ausschöpfen kann; musikalisch muss er sich dem Stück nähern und der dritte Punkt ist besonders wichtig und wird im Vergleich etwa zu den Spitzensportlern viel zu sehr vernachlässigt: die physische und mentale Stärke des Musikers. Viele Schlagzeuger haben auf dem Podium einen unglaublichen Leistabfall. Das hängt sehr von ihrer physischen Verfassung ab. Ich versuche auch außerhalb des Instrumentes zu trainieren, habe mir zuhause auch einen Fitnessraum eingerichtet, weil ich Fitnesscenter nicht mag. Ich trainiere auf dem Ergometer, lasse aus meinem Blut den Laktatwert ermitteln, ich muss wissen, in welchem Pulsbereich ich die nächste Einheit fahren muss oder darf.
- Dazu gibt es noch die logistischen Probleme vor einem Konzert zu lösen?
Das betrifft nicht nur den Transport der Instrumente zu den einzelnen Konzerten, der meist per LKW abgewickelt wird. Vor jeder Probe muss ich genau überlegen, wie ich die einzelnen Instrumente - oft sind es über dreißig - positioniere, um blitzschnell reagieren zu können. Die Transportkosten sind natürlich ein gewichtiger Grund, wenn es um Gagen geht.
- Könnte Ihr Repertoire vielleicht mehr Menschen für klassische Musik begeistern?
Oh, ja. Ich glaube, es ist besonders gut dafür geeignet auch Menschen für klassische Musik zu begeistern, die davon noch nie gehört haben. Sogar Kinder kommen in meine Konzerte, das Publikum ist breit gefächert, Menschen im Alter von 5 - 80 sind da. Rhythmus ist einfach ein Elementarereignis.
- Die Begeisterung für Musik beschränkt sich aber meist auf Pop- und Rockmusik
Ja, aber die ist heute so simpel, dass ich nicht mehr gewillt bin, die noch nachzuvollziehen. Dabei mag ich Pop sehr, Sting z.B., der hat eine andere Dynamik als die Rolling Stones. Oft kann ich nicht verstehen, dass so viele Menschen stundenlang den gleichen Beat sich ‚reinziehen’ können. Für mich ist das zu eintönig. Ich glaube, dies ist überhaupt eine Entwicklung in der Gesellschaft: es wird alles vereinheitlicht. Mein Vater erzählte mir: vor zehn Jahren sei es so gewesen, dass sechs oder sieben von zehn Schülern eine Begabung hätten. Mittlerweile seien es maximal zwei bis drei. Die Offenheit, die Konzentrationsfähigkeit lässt immer mehr nach. Dieser computer- und fernsehgenerierte Wahnsinn, der da stattfindet! Die Sensibilität ist vollkommen verloren gegangen.
- Sie haben erste Preise auf nationalen und internationalen Wettbewerben gewonnen, Komponisten widmen Ihnen ihre Werke, wie etwa Bruno Hartl mit seinem "Konzert für Marimbaphon, 4 Pauken, Percussion und Orchester"
Ich fühle mich dadurch sehr geehrt. Bruno Hartl hatte das Unmöglichste zusammengeschraubt und er fragte mich immer, ob das technisch geht. Ich will nie einen Komponisten sagen müssen, dass etwas unmöglich ist. Wenn ich eben lange herumtüfteln muss, dann muss ich das eben.
-Wo üben Sie denn?
Zuhause, da wo ich aufgewachsen bin, in Unterdorf in Thalgau nahe Salzburg, da habe ich schallgedämmte Räume. Der Ort hat 5000 Einwohner, die meisten haben Verständnis. Es gibt fünf Bauerhäuser drum herum, wir sind das einzige „nicht Bauernhaus“. Wir haben ja diesen Anbau und daneben ist die Weide mit den Kühen. Die schauen oft zum Fenster herein Und wenn ich große Sachen übe, dann stehen die alle am Fenster und laufen nicht davon. Ich habe wohl einen guten Draht zu Kühen; die müssen ja viel aushalten.

Interview: Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 20-04-07
Letzte Änderung: 20-04-07