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Maestro - 15/01/10

Interview mit dem Pianisten Arcadi Volodos

von Teresa Pieschacón Raphael


ARTE zeigt einen Klavierabend mit Arcadi Volodos aus dem Großen Saal des Wiener Musikvereins. Volodos interpretiert Robert Schumann und Franz Liszt.
Auf ARTE am Sonntag, den 17. Januar 2010 um 19.15 Uhr.

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"Die Stille ist wichtig"


Herr Volodos: Was bedeutet Ihnen Wien?
Eine Stadt mit einer solch großen musikalischen Geschichte; da ist es zugleich eine Freude und eine große Ehre im Wiener Musikverein aufzutreten.

Können Sie etwas über das Repertoire sagen, dass Sie nun in dem von ARTE aufgezeichnetem Konzert spielen?
Die Idee war, ein Konzert " live " aufzunehmen und nicht in ein Studio zu gehen. Diese Entscheidung hatte natürlich Einfluss auf das Repertoire; es musste abwechslungsreich und möglichst kontrastreich sein, zugleich aber auch eine dramaturgische Entwicklung innerhalb der Werke und des Werkablaufes haben. Es war ein sehr langer und schmerzlicher Prozess, bis sich alle auf ein Programm geeinigt hatten. Es gibt einen sehr intuitiven Teil in dieser Wahl, aber auch viel Reflexion, weil man nicht nur an die Vereinbarkeit der Stile der Komponisten, sondern auch an die Tonalität, an den emotionalen Charakter der Werke denken muss. Ich spiele gerne Werke eines Komponisten, die verschiedene Abschnitte seines Lebens wieder spiegeln. Ich habe es für meine Schallplatte von Liszt gemacht und ich habe es auch mit den Stücken von Scrjabin für diesen Recital gemacht. Ich spiele sie ohne Unterbrechung wie eine einzige Einheit. Seit längerem wollte ich Musik von Scrjabin aufnehmen; in einem Konzert allerdings muss man den Zuhörer erst darauf vorbereiten, denn es ist nicht so einfach, Skrjabins Musik vorbehaltlos wahrzunehmen. Man muss also das Repertoire ausbalancieren, indem man die zwei Welten seiner Musik, die mystische und kosmische Welt, gegenüberstellt. Hinzu kam die menschliche und gefühlvolle Welt von Ravel, dem französischen Zeitgenossen. Auch, im zweiten Teil des Konzerts habe ich bewusst ein Werk von Robert Schumann einem von Liszt gegenübergestellt. Da die intime und bilderreiche Welt der „Waldszenen“ und dort das satanische Drama von Liszts „Dante Sonate“.

Mögen Sie es, dass man Sie einen Virtuosen nennt?
Das hängt davon ab, was man darunter versteht. Wenn man es nur im Hinblick auf eine sportliche Leistung sieht, dann gefällt mir das nicht. Übrigens, wenn die Musiker wie die Sportler wären, sähe man keine Instrumentalisten, der älter wäre als 35 Jahre! Und dann gibt es noch ein Vorurteil mit diesem Repertoire: Wenn Sie eine Transkription interpretieren, dann sind Sie ein „oberflächlicher“ Virtuose. Wenn Sie aber einen Schubert oder Beethoven spielen, dann gelten Sie als ein „tiefer“ Musiker. Für mich besteht die wahre Virtuosität darin, am Klavier eine reiche Palette an Farben zu realisieren, eine intime magische Atmosphäre zu schaffen. Nur sie ermöglicht uns, emotionale Zustände aller Art zu vermitteln. Das ist die wahre Virtuosität: es reicht eben nicht nur ohne Fehler schnell zu spielen. Der Pianist Vladimir Sofronitsky ist für mich ein großes Vorbild, er war verheiratet mit der ältesten Tochter von Skrjabin, gab Konzerte im Skrjabin Museum in Moskau.

Hat es Ihnen - psychologisch oder künstlerisch - geschadet, dass man Sie seinerzeit bereits im Alter von 25 zum legitimen Nachfolger von Horowitz ausrief?
Ich denke, dass mich die Presse zum neuen Horowitz ernannte, weil man mich einem breiten Publikum vorstellen wollte, und in eine Kategorie schieben wollte. Und das war sehr leicht, weil die erste CD, die ich aufgenommen hatte, Werktranskriptionen gewidmet war, von denen einige von Horowitz selbst stammten. Aber es gab auch Transkriptionen von Feinberg, Prokofiev und Cziffra, die im Stil völlig unterschiedlich waren und ich verstehe nicht, warum man immer nur über einen einzigen Stil spricht, dem Horowitz-Stil. Ich habe großen Respekt vor der Kunst von Horowitz, aber es gibt noch andere Musiker der Vergangenheit, die mir viel näher sind und die meine Idole immer waren, wie zum Beispiel, Rachmaninoff - er hat übrigens genauso viele Transkriptionen gemacht -, oder Cortot, Feinberg, Sofronitsky, Gieseking, Schnabel …
Jahrelang habe ich viel romantisches Repertoire gespielt: Schubert, Schumann, Liszt, Skrjabin. Ich denke, dass man zu oft tendiert, die Musiker zu klassifizieren. Jeder Musiker folgt einen bestimmten Weg; er kann nie der Erbe einer einzigen Tradition, eines einzigen Stiles oder eines einzigen Komponisten sein; vielmehr sammelt er in sich die ganze musikalische Kultur, ihre Vergangenheit als auch ihre Gegenwart.

Ging die Vermarktung Ihrer Laufbahn einher mit Ihrer künstlerischen Entwicklung?
Nicht notgedrungen. Das kann sie auch gar nicht. Um eine mediale Karriere zu haben, muss man viel Zeit manchen Dingen widmen, die ganz und gar unmusikalisch sind. Man muss ständig im Fernsehen präsent sein, viele Interviews geben und viele Konzerte. Doch die Zeit, die uns gewährt wird zum Überlegen, Lesen, Träumen ist die wertvollste, die wir im Leben haben. Der Rest ist Eitelkeit und der Wunsch nach Anerkennung, nach Erfolg.

Welchen Unterschied sehen Sie in unserer medialen Welt zu einem Virtuosen aus dem 19. Jahrhundert?
Leider habe ich nicht gehört, wie die Musiker des XIX. Jahrhunderts spielten, um mich genau zu diesem Thema zu äußern... Ich kenne nur das, was die Musikologen und die Musiksoziologen im Nachhinein geschrieben haben...
Was ich gegenwärtig feststelle ist, dass die Musik in unserer Gesellschaft gedemütigt wird, ja entwertet wird. Nicht nur das Fernsehen schreibt uns Kulturen, Geschmacksniveaus vor. Überall, in den Restaurants, Fastfood-Restaurants oder Bistros werden wir beschallt. Wie kann man die klassische Musik schätzen, während man ein Sandwich isst? Musik wird trivialisiert, wie eine Klangtapete behandelt und verliert ihren ganzen Wert. Niemand hat daran jemals gedacht, die klassische Musik an diesen Orten zu verbieten. Sie hat aufgehört, ein wertvoller Moment für die Leute zu sein. Wenn die Leute ins Konzert gehen oder wie im 19. Jahrhundert musikalische Abende zu Hause organisierten, dann ist und war das ein besonderes Ereignis. Heute können wir der Beschallung nicht mehr entgehen, die Menschen schätzen die Stille nicht mehr. Doch die Stille ist sehr wichtig, um die Musik erst zu schätzen, als geistige Erfahrung, als Humus unseres Seins...

© Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 15-01-10
Letzte Änderung: 15-01-10