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23/07/08

Interview mit dem Pianisten Lars Vogt

Von Teresa Pieschacón Raphael


Man muss sich von den Vorbildern lösen, und die Dinge wieder einfach werden lassen.

- Herr Vogt, bei der Recherche erfuhr ich von Ihrer Homepage www.larsvogt.de, dass Sie 296 Freunde haben!
(Lautes Lachen). Ja so ist das im Internet! Natürlich kenne ich viele nicht, aber ich freue mich, dass ich eine Plattform geschaffen habe, auf der sich viele austauschen können.
-Wie wichtig ist die Präsenz im Internet heute für einen klassischen Künstler?
Wichtig. Und da ich mich ein bisschen auskenne in den Bits und Bytes, war ich natürlich auf diesem Gebiet sehr aufgeschlossen. Doch wichtiger sind für mich die Konzertauftritte. Ich habe dennoch kein besonderes Pressemanagement wie andere Künstler. Ich laufe den Dingen nicht mehr hinterher, denn vieles ergibt sich.
-ARTE präsentiert nun ein im Sommer 2007 aufgezeichnetes Konzert von Ihnen vom Festival von Verbier.
Ich hatte viel von Verbier gehört und war zum ersten Mal dort. Das ist ein wunderschöner Ort, sehr schön gelegen. Der Starauflauf bei dem Festival war allerdings immens. In der Kirche, wo wir aufgetreten sind, konnte man diesen Rummel etwas entgehen und etwas Intimität schaffen. Es waren einfach fantastische Musiker da, die einen sehr inspirierten. Man ist natürlich gesteigert unter Druck, wenn man weiß, dass da zwanzig, dreißig hochkarätige Kollegen da sind.

-Spielen Sie vor laufenden Kameras anders?
Das wurde eigentlich recht dezent von den Kameramännern gemeistert, dabei kamen sie einem durchaus sehr nahe und man spielt unter diesen Umständen schon unter einer gewissen Anspannung. Aber die Nerven waren an diesem Abend im guten Sinne gespannt. Und als dann die Anfrage kam, ob sie das gedrehte Material verwerten könnten, habe ich natürlich zugestimmt und alles freigegeben, ohne jegliches Schneiden. Nun, man kann ja sowieso nicht schneiden.
-Joachim Kaiser beklagte den Perfektionsdrang der Künstler, der durch die Medien entstehe und kaum mehr Raum lasse für spontane Improvisation...
Als ich zum ersten Mal mit Simon Rattle gespielt habe, war ich zwanzig. Wir probten das Schumann-Konzert und wir hatten ein ziemlich nervöses Tempo drauf. Und wir hatten eben nur eine Probe. Und die wurde auch im Fernsehen aufgezeichnet. Da sagte ich ihm, dass ich zwar begeistert bin über sein Tempo, ich aber nicht garantieren könne, alle Noten sauber zu spielen. Er sagte dann nur: „I’am so sick of all these right notes!“
- Ein schöner Satz!
Das war genau der Punkt. Wir sind eben keine Bürokraten, wir sollen nicht die Steuererklärung abgeben, sondern wir sollen Künstler sein. Wir sollen ein Bild von einer musikalischen Vision entwerfen. Ein Bild von einer Landschaft, einer Emotion oder was auch immer. Das ist viel wichtiger, als alles perfekt zu spielen. Alles andere ist wie ein Gefängnis. Man kann nicht über die Grenzen blicken.
-Bei manchem kommt ja die Eitelkeit hinzu...
Ich habe gerade gestern mir Bilder im Internet angeschaut von einer Tournee mit der Staatskapelle Dresden und da war ein Bild online gestellt, das mich zunächst erschreckt hat. Auf einem Bild sehe ich nämlich unsäglich aus, als würde ich mich in den Flügel hinein übergeben (Lachen). Da musste ich schon etwas stutzen. Aber wenn in einem dramatischen Moment einen die Sache packt, dann kann man ja nicht noch an Äußerlichkeiten denken.
-Alfred Brendel war entsetzt, als er sich selbst zum ersten Mal sah.
Dieser Wunsch alles zu kontrollieren, ist bei den heutigen Medien einfach nicht mehr möglich. Man kann einfach nicht kontrollieren, was von einem im Umlauf ist, inklusive der Aufnahmen. Da habe ich mir eine gewisse Lockerheit angewöhnt.
-Ihre Biographie fängt mit dem ersten Auftritt an und hört mit den letzten auf. Was war dazwischen?
Ich bin 1971 in Düren geboren worden. Meine Eltern waren musikinteressiert, mein Vater war Diplomingenieur, meine Mutter hat bei meinem Onkel im Büro eines Marmorwerkes gearbeitet. Mein Vater war mehr für die fußballerische Seite zuständig. Er hatte sich seinerzeit sein Studium durch Fußball finanziert.
-Stimmt, Sie sind ja ein großer Fußballfan! Welche Liebe war denn zuerst da, der Fußball oder die Musik?
Na ja, ich glaube zum Fußball, ich war ja ein kleiner Junge. Das hat sich aber dann verschoben. Als ich 14 war, wurde es immer körperbetonter, immer härter und ich lag dann öfters auf dem Boden, weil ich dann doch nicht so der harte Kämpfertyp war. Ich hatte eine tolle Klaviermusiklehrerin in Düren, Ruth Weiß, die sich sehr für mich eingesetzt hat. Und da kam der Gedanke auf, ich könnte ja Pianist werden. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutet, und dachte vielleicht noch, ich könnte tagsüber Fußballer und abends Pianist sein. (Lachen)
- Haben Sie trotzdem Parallelen entdecken können?
Fußball: da kommen Bilder komplexen menschlichen Verhaltens auf, gerade bei einem Zweikampf. Und Fragen: Gehe ich jetzt mit voller Entschlossenheit rein oder versuche, dass ich den anderen jetzt nicht unbedingt krankenhausreif schlage (Lachen). Lohnt es sich, wie stehe ich da? Als Kammermusiker finde ich diese Dinge auch sehr wichtig. Wie wird man als Team stark, wie sehr muss man sich zurücknehmen? Ich liebe diese Mischung von: Ego und Ego zurückstellen, Kopf und Herz.
-Das Leben ist wohl dann sehr erfüllend aber auch sehr anstrengend
Ja, das ist es. Man lebt auf großen Höhen und am tiefen Abgrund. Das betrifft alle Bereiche, auch privat.
-1998 gründeten Sie in Heimbach/Eifel das Kammermusikfestival "Spannungen", das sich nach wie vor sehr erfolgreich hält.
Das Entscheidende ist: wir haben von der Organisation her ein Dutzend Ehrenämtler, die das mit vollem Herzblut machen. Da steckt ganz viel Leidenschaft drin, das betrifft nicht nur die Organisation, sondern auch die Künstler, die kommen. Die sucht man sich natürlich auch nach gewissen Kategorien aus, ein gewisser Grad an Verrücktheit und Selbstaufgabe sowie Hingabe an die Musik muss da sein, sowie ein gewisses musikalisches Ethos. Das Ego darf nicht im Vordergrund stehen. Diese Art von Frische ist faszinierend. In meinem Erwachsenenleben habe ich nie soviel gelernt wie dort.
- „Man könnte sich vorstellen“, dass sich der Pianist einmal völlig in einer Interpretation verrennt“, schrieb ein Kritiker über Sie und fügte hinzu: „Indifferent oder gar unentschlossen aber erlebt man Lars Vogt nie. Man würde sich so etwas öfters wünschen“
Natürlich kann das passieren, dass man sich in der Interpretation verrennt, das kann man vielleicht mit Ihrem Metier auch vergleichen... Man kann sich sicher schon einmal in einer Meinung verrennen...
- Oh, ja!
Aber viel wichtiger finde ich, eine Meinung zu haben! Wenn man sich nicht traut , eine Meinung zu haben, weil man dann anfängt: oh da könnte der das und jener das denken, dann ist man schon am Ende. Man muss zu den Dingen stehen, nur dann kann man auch überzeugen.
- Gibt es Interpretations-Modeerscheinungen?
Speziell als Teenager verfällt man solchen Sachen. Ich hatte als Pianist, wie vielleicht jeder Pianist, eine ganz starke Horowitz-Phase. Das war bei mir vielleicht schwer vorstellbar (Lachen). Und ich spielte die „Bilder einer Ausstellung“ mit noch ein paar Oktaven dazu. Mein Lehrer Karl Heinz Kämmerling, der eigentlich sehr puristisch ist, der sagte gar nichts. Und dann fragte ich ihn, wie er das fände und dann sagte er: „Ja, das ist jetzt so eine Phase, das geht wieder vorbei“ (Lachen). Der war ja unglaublich weise. Heute kann ich natürlich nicht mehr verstehen, warum ich das so gemacht habe. Das Schwierigste ist bei der Interpretation: Man muss sich von den Vorbildern lösen, und die Dinge wieder einfach werden lassen.
-Rubinstein sagte doch so schön: Mozart ist zu einfach für Kinder zu schwer für Erwachsene.
Ja, gerade Mozart ist so einer, bei dem man sich unglaublich verrennen kann- man probiert, und es wird immer schwieriger. Und doch muss man irgendwann mal sagen, so: Jetzt kappen wir alle Reißleinen, damit man wieder unbelastet heran gehen kann.

© 2008 Von Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 23-07-08
Letzte Änderung: 23-07-08