-Sie haben eine Menge studiert: Philosophie, Kunstgeschichte, Soziologie, Jura, Literaturwissenschaften, Medizin, daneben eine musikalische Ausbildung absolviert. Was wollten Sie eigentlich werden?Ein Mensch.
-(Lachen) Habe lange nicht mehr eine so schöne Antwort bekommen...
(Lachen) Ich bin mit Musik aufgewachsen, habe sehr früh angefangen mit Klavier, war dann auch an der Musikhochschule in Nürnberg. Dann folgte ein Studium der Literaturwissenschaften und der Wissenschaftstheorie, zudem der Soziologie. Hier habe ich mich auf Massenkultur, Fernsehen, spezialisiert, in der Kultursoziologie dann mein Diplom über die Entstehung der Oper geschrieben. Dann folgte das Erste Staatsexamen in Jura, Medizin habe ich auch studiert und über die Creutzfeld-Jacob Krankheit promoviert. Dann war ich lange als Neurologe beschäftigt, an der Uniklinik in München.
-Was hat Sie bewogen dann doch noch Opern- und Schauspielregisseur zu werden?
Es ging immer alles parallel, bei Ponnelle hatte ich an der Staatsoper in München assistiert, und dann 1973 die Chance in Augsburg Cornelius’ „Barbier von Bagdad“ zu inszenieren. Es wurde ein riesiger Erfolg, ich bin als Opernwunderkind hochgeschossen, doch gleich wieder abgeschossen worden nach der Inszenierung der „Götterdämmerung“ in Frankfurt, welche dann zum größten Eklat der Nachkriegsgeschichte wurde (Lachen). ...
-Besser ein Eklat als keiner...
(Lachen) Ja, das stimmt. Doch die vielen Angebote, die ich vorher erhalten hatte, ob in Hamburg, Basel oder San Francisco, die fielen wie ein Kartenhäuschen in sich zusammen. Ich kann im Nachhinein nur sagen: Gott sei Dank. So fiel ich auf die Füße und wurde nicht ein frühes Opfer des Kulturbetriebs. Ich habe dann die ganz normale Laufbahn gemacht über Ulm, Nürnberg, Kassel; die sinnvolle Ochsentour. Bis Ende der 80er Jahre habe ich allerdings noch in der Klinik gearbeitet, dann stand die Habilitation an. Mir war klar, wenn ich dies bei Hanns Hippius, die Koryphäe der NeurologiePsychiatrie, getan hätte, mir ein Ordinariat oder ein Landeskrankenhaus sicher gewesen wäre. Plötzlich hat sich das innere Bild bis hin zu meinem Tode sozusagen von hinten erhellt, ich sah die Tür (Lachen) und wollte sie nicht sehen, es wurde mir ein bisschen schummrig, ich hatte eine Krise. Dann bin ich weg und habe mich für den unsicheren Weg entschieden. Ein wesentlicher Grund war auch, dass ich am Theater länger ausschlafen konnte.
-‚Morgens eitel und abends dumm’ heißt es ja über Frühaufsteher...
(Lachen) Bei mir ist es umgekehrt. Abends eitel und morgens dumm. Als freelancer habe ich viel inszeniert, dann kamen die Angebote wegen einer Intendanz.
- Seit 2002 sind Sie Intendant der Staatsoper Uunter den Linden. Haben Sie Parallelen zwischen dem Krankenhaus und einemn Opernhaus erkennen können?Die Parallelen sind eher äußerlicher Natur und abstrakt; in beiden Häusern gehen Sie mit Menschen um. Als Arzt habe ich mich sehr vor allem mit Erst-Manifestationen von Schizophrenie beschäftigt, oft ging es auch um Leben oder Tod. Beim Theater geht es zwar nicht um Leben und Tod, aber dennoch auch um die direkte Verbindung zwischen Menschen. Insofern ist es vergleichbar, aber ansonsten nicht, es sei denn man würde manches Opernhaus als Psychiatrie- Einrichtung begreifen (Lachen).
-Na ja... So manche narzisstische Störung und Eitelkeit gibt es ja schon.
Gott sei Dank ist die Eitelkeit kein Thema der Psychiatrie. Natürlich profitiere ich von meinem früheren Beruf. Im Zentrum steht ja der Mensch. Theater handelt ja von nichts anderem als der conditio humana.
-Assoziieren Sie grundsätzlich Musik mit Bildern?
Das ist eine sehr interessante Frage. Nein, das tue ich nicht. Ich nehme Musik eher als Bewegungsmuster wahr, in ihrer Bedeutung, aber auf keinen Fall visuell. Gott sei Dank ist das so. Ich übe gerade die Goldberg-Variationen, jede Nacht setze ich mich ein-zwei Stunden hin, das ist ungemein wichtig für mich.
-Haben Sie das Gefühl der inneren Reinigung?
Absolut. Wenn ich dann zwei Stunden geübt habe, bin ich anders als zuvor, die Dinge fallen von einem ab, ich habe ein anderes Selbstverständnis, eine ungeheure innere Ruhe breitet sich aus.
- 2oo3 inszenierten Sie in Kooperation mit dem Festival Aix-en-Provence Verdis „La Traviata“. „La Traviata“ heißt eigentlich: „Die vom rechten Weg Abgeirrte“. Ist sie das auch für Sie?
Die Tragik der Violetta ist, dass sie sich ins Leben stürzt, um das Leben zu vermeiden. Wir wollten alles aus der Perspektive der Violetta zeigen, der Zuschauer sollte die Welt erleben, wie Violetta sie sieht; auch ihre durch ihre Krankheit, die Fieberschübe produzierten Halluzinationen, die die Dinge in irrsinniges Licht rücken. Diese Zustände wollten wir dokumentieren. Ihr Tod als moralische Verurteilung zu sehen, interessiert mich nicht. Dennoch kann Violetta ja nur diejenige sein, wie sie im Stück aufscheint und durch Verdi charakterisiert wird.
- Wie meinen Sie das?
Das Entscheidende für mich war, dass die Vorspiele zum ersten und letzten Akt im Zusammenhang stehen, eine Brücke bilden. Die Musik thematisiert für mich die Transzendisierung von Leben und Tod. Es ist als würde Violetta mit Beginn der Musik, mit dem ersten Akt gleichsam sterben. Für mich stellt die ganze Oper einen Sterbevorgang dar, die berühmten zehn Sekunden, in denen alle Bilder noch einmal vorüberlaufen. Es handelt sich für mich allerdings nicht um einen Traum. Vielmehr bestimmt die Präsenz des Sterbens die Charakteristik des Erzählens. Es ist die Geschichte eine sterbenden Frau.
-Sterben auf offener Bühne... Wie kann man dem Klischee entgehen?
Durch die wunderbare Musik, die ist ja alles anderes als sentimental. Zudem bewahrt einen auch die Klarheit des Erzählvorgangs davor, allzu kitschig zu werden.
-Violetta ist blond und trägt ein Kleid, wie es Marylin-Monroe auch getragen hat.Dieses Kleid leuchtet ja aus sich selbst, symbolisiert die Sehnsucht nach Leben. Und trotzdem ist es ein unerfülltes Leben, was sich da abspielt. Es ging natürlich auch um eine Ikone, am Beispiel der Monroe, die ja in menschlicher Hinsicht ein ähnliches Leben führte: unglaublich attraktiv, ein Idol für viele Menschen war sie, aber gleichzeitig unfähig dazu, zu leben, wirklich Mensch zu sein.






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