28/09/05
Interview mit dem Regisseur Loïc Prigent
Sie zeigen vor allem die hochspezialisierten Schneiderinnen und Zulieferer des Hauses Chanel, die sonst unsichtbar bleiben.Welchen Aspekt der Haute Couture wollten Sie dem Zuschauer nahe bringen?
Ich wollte die Entstehung einer Haute Couture-Kollektion von A bis Z zeigen, mit allen Personen, die in irgendeiner Form an der Fertigung eines Kleides beteiligt sind. Angefangen mit der Zeichnung des Entwurfs haben wir alle Arbeitsschritte und Personen verfolgt, die aus einer Skizze ein Kleid entstehen lassen. Wir wollten uns auf die Handbewegungen der Beteiligten konzentrieren, das war der Redakteurin von ARTE France, Pierette Ominetti, sehr wichtig. Ich wollte vor allem den Aspekt der hochspezialisierten Arbeit zeigen und die menschlichen Beziehungen zwischen den Personen, in denen ja auch sehr viel Komödiantisches liegt. Ebenso wollte ich die Details zeigen, die vielen kleinen Dinge, aus denen am Ende etwas Großes entsteht.
War es schwierig, Karl Lagerfeld und das Chanel-Team zu überzeugen, bei der Dokusoap mitzumachen?
Nach einer ausführlichen Arbeitsessen hat Herr Lagerfeld sofort zugesagt, ebenso Chanel. Sie waren sich dessen bewußt, dass sich ihnen dort eine sehr seltene Gelegenheit bot und sie haben uns ziemlich schnell zugesichert, dass wir alle Beteiligten filmen konnten.
Wie ist die Zusammenarbeit mit Chanel verlaufen? Hatte die Firmenleitung Einfluss auf die Themen des Drehs und auf das Produktionsdesign?
Vor der Ausstrahlung fand eine Projektion des Films bei Chanel statt, und a priori waren sie zufrieden mit dem Ergebnis, jedenfalls haben sie keine Änderungen verlangt. Die Firmenleitung und Herr Lagerfeld haben viel gelacht, besonders Karl Lagerfeld fand es sehr amüsant, er hat viele Dinge entdeckt, und es war sehr komisch, den Film mit ihm und den Ersten Schneiderinnen zu sehen. Ich glaube, sie fanden es auch sehr lustig, und darüber bin ich bin darüber erleichtert, denn man hat ja doch als Regisseur eine andere Beziehung zu den Bildern.
Hatten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Werkstätten und Abteilungen bei Chanel?
Wir waren nicht in den Abteilungen Prêt-à-porter und Parfums, wir waren nur dort, wo wir auch hinwollten. In den ersten Tagen wurden ein wenig komisch angeschaut, und die Angestellten fragten sich, wer wir seien, warum dort auf einmal zwei Kameras waren, warum wir sie beobachteten. Es kommt anscheinend selten vor, dass sich Fernsehteams dort länger als 10 Minuten aufhalten. Am Anfang verstanden die Schneiderinnen nicht ganz, worum es ging, sie waren etwas misstrauisch, und das haben sie uns auch wissen lassen. Nach ein paar Tagen wussten sie, worum es ging sie haben gesehen, dass wir auch Humor haben und dass wir uns nicht zu aufdringlich verhalten. Wir sind auch nicht den ganzen Tag im selben Atelier geblieben, wir haben uns im ganzen Haus bewegt, und wenn wir gemerkt haben, dass es den Angestellen gerade nicht passt, sind wir weitergezogen und später wiedergekommen.
Eine Dokusoap erweckt beim Zuschauer oft den Eindruck, alles sei quasi „live“ gefilmt, dabei ist wahrscheinlich das meiste minutiös vorausgeplant. Wie haben Sie den Dreh bei Chanel geplant, und wieviel Details blieben noch offen?
Zusammen mit Pierette Ominetti haben wir entschieden, dass wir starke Persönlichkeiten wollten, wir wussten z.B., daß wir etwas über die Ersten Schneiderinnen machen wollten. Ebenso war uns von vornherein klar, dass Herr Lagerfeld eine starke Persönlichkeit ist und er eine wichtige Rolle in der Narration verkörpern würde. Auch das Brautkleid war von Anfang an als ein wichtiges Element in der Erzählung eingeplant, nicht nur wegen seiner Bedeutung als emblematisches Kleidungsstück, sondern auch, weil viele Spezialisten an seiner Fertigung beteiligt sind. Genauso wussten wir, dass wir die zuliefernden Handwerker filmen würden, wie z.B. die Federnschmücker. Aber am ersten Drehtag kannten wir noch nicht die Entwürfe von Karl Lagerfeld, wir wussten nicht, ob sie mehr Stickereien oder eher andere Details enthalten würden, insofern war ein Teil Improvisation von Anfang an eingeplant. Im Verlauf der Dreharbeiten war vieles nicht vorausplanbar, es gab Personen, die erst relativ spät in Erscheinung traten, und man lernt auch erst während des Drehs die Persönlichkeiten besser einzuschätzen: welche sind leichter im Umgang und sympatischer als andere, wer ist interessanter von der Tätigkeit her? Vieles ergab sich vor Ort und später im Schnitt.
Ihre Hauptfiguren machen einen guten Teil des Charmes der Dokusoap aus. Inwieweit ist das bei einem Casting vorhersehbar?
Das kann man nicht wirklich voraussagen. Es gibt natürlich Schlüsselfiguren wie Virginie Viard, die Studioleiterin und rechte Hand von Karl Lagerfeld, die unsere Hauptansprechpartnerin war und von der wir wussten, dass sie eine wichtige Rolle innehaben würde. Wir wussten, dass Madame Pouzieux auf jeden Fall Posamenten nähen würde und dass die Arbeit von Madame Martine sehr wichtig ist. Abgesehen davon gibt es viele kleine und große Unwägbarkeiten wie unvorhersehbare Gesundheitsprobleme etc…
Den Bildern nach zu urteilen, ist es im Hause Chanel sehr eng. Wie haben Sie und ihr Team sich so verhalten, dass Sie nicht störten und trotzdem so nah wie möglich an den Protagonisten waren?
Es ist tatsächlich sehr eng bei Chanel, denn die Ateliers befinden sich ja noch im gleichen Gebäude wie zu Zeiten Coco Chanels. Dass die Bilder trotzdem gelungen sind, ist der Magie und des Könnens der Chefkamerafrau zu verdanken. Die Kamera konnten sich dank eine geschickten Konstruktion des Toningenieurs weit von den Protagonisten entfernen, weil er das Mikro in einem kleinen Nähkörbchen versteckt hatte. Das Mikro lag also auf dem Tisch zwischen diesen Garnrollen, und die Kamera konnte auf Distanz gehen. Selbtverständlich haben wir niemals heimlich gefilmt oder O-Töne aufgenommen, wir haben den Anwesenden immer Bescheid gesagt, ebenso, wenn wir jemandem ein Micro an die Bluse gesteckt haben. Das heisst aber nicht, dass alle immer einverstanden waren. Manchmal kamen wir in ein Atelier und merkten, dass niemand Lust hatte, von einer Kamera gestört zu werden. Aber wir hatten auch richtig freundschaftliche Beziehungen mit den Schneiderinnen, die sehr sympatisch und humorvoll sind.
Chorgesang aus den Südalpen im Vorspann und eine markante Erkennungsmelodie für jede Person …Musik spielt eine wichtige Rolle bei Ihrer Inszenierung. Hat das Thema Sie dazu inspiriert oder war es der Wunsch der Produktionsleitung?
Wir hatten einige Beschränkungen bei der Produktion, und wir hatten nicht besonders viel Geld für die Musik. Also haben wir den Chor Corou de Berra gefragt, ob sie die Musik für den Vorspann komponieren und aufnehmen würden. Ich kannte den Chor durch die von ihnen gesungenen südfranzösischen Anarchistenlieder aus dem 19. Jahrhundert, die ich genial finde. Wir haben sie um eine Komposition gebeten, die gleichermaßen verständlich ist für Deutsche und Franzosen, mit erkennbaren Schlüsselwörtern. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Hätten wir für das Thema Haute Couture klassische Musik gewählt, so würde sich das sehr prätenziös anhören, sehr dick aufgetragen. Mit der Chormusik wollten wir eine gewisse ironische Distanz schaffen. Auch die Auswahl der Musik in den Episoden war sehr amüsant. Jede Ankunft von Karl Lagerfeld haben wir z. B. mit Kriegsmusik unterlegt.
Welchen Bezug zur Haute Couture haben Sie selbst?
Ich habe viele Fernsehbeiträge zum Thema Mode gemacht. Über die Haute Couture hatte ich eher Vorurteile, nach dem Motto : « Das ist etwas für die Reichen, für geliftete Milliadärinnen ». Ich habe z.B. bei einem Champagnerempfang von einer dieser Damen gehört, dass sie es toll findet, dass an ihrem Kleid 3000 Stunden gearbeitet wurde, und das fand ich sehr merkwürdig und abstrakt als Rechtfertigung. Irgendwann habe ich gedacht, dass es vielleicht interessant sein könnte, diese 3000 Stunden zu filmen, und zu hören, was die Frauen zu sagen haben, die diese Arbeit machen. Es liegt etwas wirklich Menschliches darin, und alles Menschliche kann interessant sein. Andererseits habe ich mir auch nicht zu viele Fragen vor dem Dreh gestellt.
Warum eine Dokusoap zu diesem Thema?
Was war zuerst da, das Thema oder das Format?
In gewisser Hinsicht beides. Das Format ist genial, weil es etwas spielerisches und humorvolles hat und weil bei einer Fernsehserie die Zuschauer besser dranbleiben. Wir konnten mit diesem Format eine gewisse Spannung aufbauen und eine Art von Beziehungzum Betrachter. Deswegen haben wir manchmal Teaser an das Ende der Episode gesetzt, die fast schon eine Parodie des Genres sind. Und natürlich eignet sich die Grundidee, die Entstehung einer Kollektion von A bis Z zu verfolgen, sehr für dieses Format. Was mir auch sehr gut gefiel, war die Möglichkeit, jede Folge unter ein bestimmtes Thema zu stellen. Die erste Episode z.B. ist eher ruhig, während des Wartens auf die Entwürfe entdecken wir ganz vorsichtig die hierarchischen Beziehungen im Hause Chanel, wer welche Aufgaben erfüllt und wie der Umgang ist Karl Lagerfeld ist. In der dritten Episode wiederum wollten wir die Rituale der Schneiderinnen zeigen und haben sie deshalb über ihren Aberglauben befragt. Wir sehen die Veteraninnen des Handwerks, zeigen ihre Kunstfertigkeit und hören ihren Geschichten zu. Die Spannung und die Aufregung steigern sich bis zur fünften Folge, in der die Modenschau gezeigt wird.
Doku-Soaps existieren nun bereits seit einigen Jahren in Frankreich und wesentlich länger in Deutschland. Wie erklären Sie sich das noch immer bestehende Interesse an dem Format?
Ich glaube, das das daran liegt, dass ein gewisses Reality-Element hinzugekommen ist, was das Format etwas aufgepeppt hat. Und es hat ein sehr menschliches, universelles Element, das jedem gefällt und mit dem jeder etwas anfangen kann, auch wegen der Spannung, die aufgebaut wird. Es ist etwas ganz anderes als geschminkte Leute in künstlichem Licht, die vorgefertigte Reden halten. Es ist natürlicher, und viel humorvoller, und das Resultat ist viel weniger vorausplanbar, und ich glaube, das mögen die Leute.
Interview: Yvonne von Zeidler Nori
Erstellt: 28-03-05
Letzte Änderung: 28-09-05