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Maestro - 18/11/09

Interview mit dem Vokalkünstler Bobby McFerrin

von Teresa Pieschacón Raphael


ARTE zeigte am Sonntag, den 11. Oktober 2009, im Rahmen des Themenabends "Die Macht der Musik" den Dokumentarfilm "Noten und Neuronen: Der Schlüssel zum Musikgefühl" von Elena Mannes, mit dem Sänger, Dirigenten und Vokalkünstler Bobby McFerrin.

-Der a-capella song ‘Don’t worry be happy’ machte Sie weltberühmt. Immer noch „happy“?
Aber klar! Das ist schon über zwanzig Jahre her, als ich den komponierte und ich habe mir geschworen, dass ich den Song nie mehr singe. Doch auch jetzt, da ich viel Klassik mache und dirigiere, bleibt für mich die Botschaft die Gleiche. Ich glaube, Musik kann einem gewaltig helfen in den schwierigen Momenten des Lebens. Mit ihr kann man tanzen und weinen, Musik kann heilen und vielleicht auch klüger machen. Und wenn man große Sorgen oder Probleme hat, dann sollte man immer das tun, was man am liebsten tut.
Und das ist bei Ihnen das Singen?
Ja. Singen ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, ich kann nicht ohne und ich glaube, es tut allen Menschen gut. Gesang ist mehr als Technik. Es ist ein Ausdruck von Gefühlen, von Ehrlichkeit.
Sie bringen nicht nur ganze Konzerthäuser zum Singen, sondern auch das Publikum des „World Science Festivals“ wie im Dokumentarfilm „Noten und Neuronen“ zu sehen ist
Egal wo ich bin, und welches Publikum ich vor mir habe, sie alle machen mit und wissen, um was es geht, sie verstehen alle die gleiche Sprache. Wie eben Haydn sagte: „Meine Musik versteht man auf der ganzen Welt“.

"Ich singe die ganze Zeit!"


Berühmt wurden Sie als Vokalkünstler, Ihr Stimmumfang beträgt faszinierende vier Oktaven; gleichzeitig sind Sie auch Komponist, Dirigent und Pianist
Nein. Ich habe nur ein Talent, ich bin ein Sänger, und bleibe es auch. So dirigiere ich mein Orchester, ich singe die ganze Zeit, ich sehe mich nicht als Dirigent, das Dirigieren ist wie eine Harley, die auf Trab gebracht werden muss. Es gibt viele Dirigenten, die die Fähigkeit haben, mit Worten zu überzeugen, ich aber singe. Ich weiß genau, was ich hören möchte, und das versuche ich umzusetzen. Doch ich muss es erst ersingen.
Ihre Eltern waren Opernsänger, Ihr Vater der erste farbige Sänger (Bassbariton), der an der Met engagiert wurde
Ja, er war sehr stolz darauf, die ganze afrikanische Community war es. In dieser Zeit gab es ja sehr viel Diskriminierung. Ich (Jahrgang 1950) bin New York aufgewachsen, ich kann mich noch sehr gut an das Leben dort erinnern und auch die vielen Sänger, die bei uns ein und ausgingen. Auch meine Schwester ist Pop- Sängerin geworden. Auch ich habe immer gesungen und liebte es, ein Musikstudent in den Siebziger-Jahren zu sein. Es war eine Zeit der Experimente, des Aufbruchs. Das was die Beatles aus Indien brachten, war faszinierend. Und als ich zum ersten Mal Herbie Hancock, Miles Davis und Charles Ives hörte war ich wie weg, da beschloss ich endgültig, Musiker zu werden.
Zunächst wurden Sie als Jazzvokalist sehr berühmt, in den 1990ern aber wandten Sie sich der klassischen Musik zu. Warum?
Ich bin ja selbst durch meinen Vater mit der Musik aufgewachsen: Verdi, Beethoven, Rachmaninoff. Da fällt es mir schwer, zu entscheiden. Mein herz gehört beiden Stilrichtungen, dem Jazz und der Klassik. Ich liebe beide. Bachs Musik ist voller Freude, Mozart ist für mich das Größte. Ich kann seine Musik gar nicht beschreiben, das Geheimnis hinter den Worten erfassen. Es ist ein Mysterium.
Was können Klassik-Interpreten von Jazzmusikern lernen?
Klassische Musik ist ja immer auf Papier fixiert; das „Material“ ist also schon da. Aus diesem Grund kommt das improvisatorische Element, das Spielerische zu kurz, da könnten die Klassik-Musiker von den Jazzmusikern profitieren
Mit Ausnahme der Musik des Mittelalters und der Renaissance
Ja, das stimmt. Sogar bei Bach steht noch vieles nicht in den Noten. Die Jazzmusiker wiederum können sich durch klassische Musik mehr Struktur, Entwicklung und Disziplin aneignen. Damit will ich nicht sagen, dass Jazzmusiker undiszipliniert sind…
Aber?
Im Jazz wird jedes Stück aus dem Moment heraus erschaffen, es ist also immer ein anderes Stück. Sie wissen nie, wann was passiert, das ist sehr aufregend. Wenn also das Publikum das Stück zum ersten Mal hört, dann hören auch wir Musiker es zum ersten Mal. Beim Jazz muss man nicht viel besprechen oder bestimmte Phrasen ausdiskutieren. Wir spielen einfach.
Und bei der Klassik?
Wenn ich dann mit dem gleichen Ensemble Mendelssohn oder Mozart spielen will, dann verstehen die einfach nicht, dass man über bestimmte Passagen im Werk sprechen muss, wie man sie phrasiert, wie man sie angeht. Es ist auch schwer zu vermitteln, dass der Einsatz präzise zu einem bestimmten Moment da sein muss. Und dass wir Punkt 8 Uhr beginnen (Lachen).Es ist eben eine ganz andere Welt. Doch auch in der Klassik ist jede Interpretation anders, die Unterschiede sind nur wesentlich subtiler als im Jazz.

©2009 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 09-10-09
Letzte Änderung: 18-11-09