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06/12/04

Interview mit dem Wagnertenor Peter Seiffert

Wer ist Tannhäuser?


von Teresa Pieschacón Raphael


- Wann kamen Sie mit der Musik von Richard Wagner zum ersten Mal in Berührung?
Schon als Kind durch die Eltern, sie waren große Musikliebhaber und haben viel musiziert. Mein Vater war früher Opernsänger, aber er war durch eine Kriegsverletzung geschädigt und konnte seine Laufbahn nicht mehr aufnehmen, meine Mutter spielte gerne und sehr gut Klavier. Wenn man mich als Kind fragte, was willst du werden, antwortete ich: Schauspieler, am liebsten Winnetou. In den Fünfzigern waren ja die Karl May-Filme herausgekommen. Als Knabe bin ich dann an die Oper, habe in der Statisterie und im Knabenchor mitgemacht. Dann habe ich mir großen Sänger angesehen. Die Musik hat mich total aufgefressen. Ich wollte nur noch dort sein, das wurde zur Sucht, allein schon die Bühnenluft fand ich toll. Ich wurde ein bisschen gedämpft in meinem Enthusiasmus. Aus diesem Grunde habe ich zwei vernünftige Berufe erlernt. Ich war Orthopädiemechaniker und später dann Physiotherapeut. Ich wäre auch Frisör geworden, nur um beim Theater bleiben zu können.

- Von Winnetou zu Tannhäuser... was ist so mörderisch an der Partie?
Die Stimmlage ist kompliziert, die Partie unendlich lang. Sie stehen ungebrochen lang auf der Bühne, haben keine Zeit, um mal Luft zu schnappen, und Sie gehen durch viele musikalische Herausforderungen. Sie müssen stimmlich flexibel und leicht sein, zumindest in den ersten beiden Akten, und dann baritonal und schwer am Ende von der Oper. Da wird es dann sehr sehr dick und laut und dann muss noch die Kraft da sein, deshalb darf man am Anfang auf keinen Fall forcieren, etwa in der Jägerszene. Der Interpret darf sich hier nicht fest beißen. Wenn das Ganze mit voller Kraft gesungen wird, dann ist keine Dynamik in dem Ganzen. Dann wird alles sehr robust und langweilig.

- Wagner glaubte, nur wer die Partie zu rezitieren verstünde, könne sie auch singen
Ich lerne die Texte leichter durch die Musik. Erst dann versuche ich den Text zu durchleuchten und nach seinem Sinn zu fragen. Man lernt ja manchmal die Dinge wie ein Papagei. Später dann fängt man an, nach dem Sinn zu fragen.

„Was hilft´s mir denn,“ schrieb Wagner, „wenn ich noch so schöne Noten schreibe, und keinen Sänger finde, der sie zu singen versteht?“ Warum gibt es einen Mangel an Heldentenören?
Sagen wir es mal so: es gibt viele Heldentenöre, aber immer wenig wirklich gute. Heute wird ja alles geschluckt was da kommt. Die Qualitätsunterschiede werden gar nicht mehr wahrgenommen. Das hängt mit der Allgemeinbildung zusammen, wie ja auch durch die Pisa-Studie belegt wurde. Kunst und Kultur, die beiden Wörter scheinen der Jugend Angst zu machen, und das ist ganz schlecht. Irgendwie scheint man in den Schulen, aber auch in den Medien zu versäumen, die Kinder auf etwas anderes einzustimmen als auf Remmi-Demmi. In der Popmusik kennen sich ja alle bestens aus. Doch ohne die Klassik wäre ja auch die Popmusik nicht entstanden. Das wird immer wieder vergessen. Als ich den Grammy für den Tannhäuser bekam, glauben Sie, irgendjemand von den Medien hätte davon berichtet? Den Preis scheint man nur mit Popmusikern zu assoziieren.

- Es gibt die These, der Mangel an mächtigen Stimmen habe auch etwas mit dem gewandelten Schönheitsideal zu tun. Gibt’s keine kräftigen Mannsbilder mehr?
(Langes Lachen). Was soll man schon dazu sagen? Ich bin groß und schlank, aber ich unterwerfe mich auch nicht dem heutigen Schönheitswahn. Wir werden alle älter und wir werden alle sterben, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Ich habe durch meine Jugendzeit und auch durch meine Eltern immer großen Respekt vor älteren Leuten gehabt. Man kann soviel von denen lernen. Das ist heute fast nicht mehr zu finden.

- Wie ist Tannhäusers Charakter und was hat er mit Ihnen gemein? Schließlich ist es ja ein Künstlerdrama
Ich finde immer mehr Parallellen. Tannhäuser ist ein Künstler, ein Schwärmer, ein Freigeist, und das kommt mir persönlich sehr entgegen. Er ist ein Individualist. Natürlich können wir nicht ein Volk von Individualisten sein, dann würde gar nichts gehen. Doch manchmal könnte es schon mehr Individualisten auf dieser Welt geben, Bekenner, die sich für etwas einsetzen auch auf die Gefahr hin, dass sie nicht Lob dafür ernten.

- Was wird Tannhäuser um Verhängnis?
Das Reine. Er hat Elisabeth schwer verletzt. Er zerbricht an dieser - ihrer Reinheit. Er findet, er hat einen riesigen Fehler gemacht und Elisabeth irgendwo auch zerstört. Er hat sich in seinen Exzessen verloren und kann damit nicht mehr in die normale Welt zurückgehen. Deswegen ist er selbst zerstört.

- Kennen Sie einen solchen Konflikt aus dem eigenen Leben?
Ja. Solche Momente hat man schon. Ich habe aber dann immer noch die Kurve gekratzt, im guten Sinne. Jeder Mann, der lebt und liebt, kommt an solche Momente.

- Die Rolle verlangt ein hohes Maß an Psychologie und Lebenserfahrung
Man muss wissen, was ein Rausch ist, ein Alkoholrausch, ein Musikrausch. Man muss gelebt haben, und nicht nur als braver, lieber Hinterwäldler. Man muss etwas erlebt haben, gereist sein, man muss die Liebe kennen, den Schmerz, Erfahrungen haben auch mit dem Tod etwa von Menschen, die man geliebt hat. Sonst kann man sich nicht in Tannhäuser einfühlen. Aber ich glaube, da gibt es keine so große Gefahr, viele Sänger, die das machen, die wissen wie das ist, wenn man „einen sitzen hat“.

Der Dirigent Franz Welser-Möst hält sich an die Dresdner Urfassung von 1845 , die, im Gegensatz zu der späteren Pariser Version, vieles lediglich andeutet. War das schwierig für Sie?
Nein. Gerade darin liegt ja die hohe Kunst. Ich brauche mich nur an bestimmte auch schmerzhafte Situationen in meinem Leben erinnern, muss mich auf der Bühne nicht viel bewegen oder ein Rad schlagen.


Zudem leitete die Produktion ein erfahrener Schauspielregisseur und gewiefter Dramaturg menschlicher Gefühle: Jens-Daniel Herzog
Ja, das war sehr gut. Beim Fernsehmitschnitt war die Kamera oft auf mich gerichtet, vieles spielt sich ja nur im Gesicht und in den Augen ab. Das kann man in der ersten oder zweiten Reihe ja gar nicht mehr sehen.
Sie haben auch hässliche Bilder benutzt, Bilder, in denen mir der Schweiß herunterrinnt, auf denen die Anstrengung zu sehen ist. Am Ende von solchen Aufführungen ist man total kaputt. Deshalb finde ich es auch nicht richtig, wenn man solche Vorstellungen alle zwei Tage ansetzt. Aber das wird ja meistens von Bürokraten organisiert.

Erstellt: 08-10-04
Letzte Änderung: 06-12-04