20/12/05
Interview mit dem argentinischen Tenor Marcelo Alvarez
Von Teresa Pieschacón Raphael
Künstler A-K
- Alvarez, Marcelo
- Anderszewski, Piotr
- Antonioni, Giovanni
- Argerich, Martha
- Artemis Quartett
- Barenboim, Daniel
- Bartoli, Cecilia
- Batiashvili, Lisa
- Bell, Joshua
- Biondi, Fabio
- Blomstedt, Herbert
- Boulez, Pierre
- Bychkov, Semyon
- Celibidache, Serge Ion
- Cura, José
- Dessay, Natalie
- Diener, Melanie
- Fassbaender, Brigitte
- Fischer, Julia
- Flórez, Juan Diego
- Garança, Elina
- Gerhaher, Christian
- Gheorghiu, Angela
- Goebbels, Heiner
- Goebel, Reinhard
- Graham, Susan
- Grimaud, Hélène
- Grubinger, Martin
- Hahn, Hilary
- Hampson, Thomas
- Harnoncourt, Nikolaus
- Henkel, Alexandra
- Honeck, Manfred
- Interview mit Filmautor und Regisseur Julian Benedikt
- Interview mit der Sopranistin Vivica Genaux
- Jacobs, René
- Jansons, Mariss
- Kasarova, Vesselina
- Kirchschlager, Angelika I
- Kirchschlager, Angelika II
- König, Dietmar
Herr Álvarez, noch vor fünfzehn Jahren hatten Sie eine Möbelfabrik und konnten nur die argentinische Nationalhymne singen. Hätten Sie je gedacht, dass Sie einmal Sänger werden würden?
Marcelo Álvarez: Ich hatte nicht die geringste Berührung mit klassischer Musik. Ich hatte gehört, dass es einen Pavarotti, einen Domingo gab. Aber die anhören? Nein, daran habe ich nie gedacht. Ich bin in Córdoba geboren und war als Kind auf einer Musikschule, aber mit siebzehn Jahren gefiel mir der Sport viel besser. Zudem begann ich ein Betriebswirtschaftsstudium, und ich hatte das Gefühl, dass Musik nicht viel mit meinem Leben zu tun hatte.
Wie kamen Sie dann zu dem Gesang?
Ich war dreißig und plötzlich fragte meine Frau, die damals noch meine Verlobte war, ob ich nicht Oper singen wollte. Ein bekannter Tenor hielt sich damals in Córdoba auf und gab eine Vorsingaudienz. Geh doch mal hin, ermunterte sie mich - und ich habe das dann gemacht. Er wollte, dass ich eine Opernarie singen, aber ich hatte keine Ahnung davon und sang ihm die Nationalhymne vor.
Die hatten Sie noch in der Schule gelernt?
Ja, natürlich. Und er sagte mir: Du hast eine gute Stimme, aber Córdoba ist achthundert Kilometer von Buenos Aires entfernt und nur dort gibt es eine große Oper. Der Gedanke, eine gut laufende Fabrik zu verlassen, um irgendwo anzufangen zu singen, war mir suspekt. Ich hatte Angst und das Gefühl, ich sei zu alt. Auch meine Eltern waren überhaupt nicht einverstanden damit. Ich sei verrückt, in diesem Alter mit so etwas anzufangen. Aber meine Frau hat mich immer unterstützt. Sie half mir mit Geld.
Und dabei wollen die Frauen immer, dass der Mann eine feste Arbeit hat ...
Sie wollte vor allen Dingen, dass ich etwas eigenes habe. Denn die Fabrik war irgendwo auch im Besitz der Familie. Sie hat mehr an mich geglaubt als ich.
Was hat sich am meisten an Ihrem Leben geändert?
Ich habe meine Begabung entdeckt; auch das Studium hat mich lange nicht mehr interessiert; ich suchte immer Ausreden, um es nicht abschließen zu müssen. Beim Singen gab ich alles, ich liebe es wirklich. Jetzt weiß ich, was mir gefällt, was mir gut tut. Ich bin innerlich sehr viel ruhiger geworden.
Sie bewegen sich jetzt in anderen Kreisen ...
Natürlich ändern sich die Welten. Doch ich hatte immer die Maxime: Ich möchte meine Künstlerkarriere mit den gleichen Freunden beginnen und sie mit den gleichen auch wieder beenden. Es gibt Momente des Erfolgs, und dann vergisst man manchmal die anderen Menschen. Vor kurzem war ich in Argentinien, und meine Geschwister und Freunde haben mir das Gefühl vermittelt, dass ich immer noch der gleiche Marcelo bin von eh und je. Wenn ich wirklich groß sein möchte, dann muss ich das auf der Bühne sein. Aber unten kann ich mich nicht aufspielen.
Haben Ihnen Ihre Erfahrungen in der Betriebswirtschaft für Ihre Sängerkarriere genützt?
Singen ist ein Beruf, in dem das Geld sehr schnell kommen kann. Zugleich muss man auch einiges bezahlen. Wenn man keinen richtigen Umgang mit Zahlen hat, dann gibt man sehr viel aus und plötzlich ist, wenn man Steuern zahlen muss, alles weg. Ich mache die gesamte Buchhaltung selbst, habe alles in meinem Computer gespeichert. Ich investiere. Ich bin kein Bohemien.
Gibt es einen Unterschied zwischen dem Verkaufen von Möbeln und dem Singen einer Arie?
(lacht) Ich erinnere mich daran, wenn die Baumstämme mit dem Lastwagen geliefert wurden und wir sie auseinandernehmen und bearbeiten mussten, um daraus ein Möbelstück anfertigen zu können. Ähnlich ist es mit einem Musikstück. Der Unterschied ist: Früher hatte ich Angestellte, die einiges übernahmen, heute muss ich alles alleine machen. (lacht) Alles hängt von mir ab. Derzeit kommen die Tenöre aus Süd- und Mittelamerika sehr gut an. José Cura und Sie stammen aus Argentinien, Ramón Vargas aus Mexiko. Wie erklären Sie sich den Erfolg? Etwas habe wir zu unseren Gunsten. Wir haben noch die alte Gesangstechnik erlernt, die hier in Europa zu sehr perfektioniert wurde. Man sollte wunderschöne perfekte Töne singen, aber das wirklich Entscheidende, das Herz, die Seele, wurde vernachlässigt.
Prompt meinte man, mit Ihnen eine Tango-Platte machen zu müssen. Das ist so, als wenn man Fischer-Dieskau angeboten hätte, eine Aufnahme mit bayerischer Volksmusik zu machen ...
Diese Tango-Platte wollte ich ursprünglich gar nicht machen. Tango ist bei uns etwas für Alte. Das fanden wir langweilig, sentimental, weinerlich. Erst bei der dritten Anfrage habe ich zugestimmt. Ich habe es nach meiner Art gemacht, nicht weinerlich, sondern wirklich gefühlvoll.
Sie schätzen das deutsche Publikum sehr ...
Es war das erste Publikum, das mir Kraft gab. Ich sang 1996 in Hamburg. Das Publikum hat mich auf der Straße angesprochen, auch in Baden-Baden, dann in Berlin. Auch die Engländer haben sich mir sehr entgegenkommend gezeigt. Die Italiener sind da ganz anders; wenn man Erfolg hat, dann glauben die, man hat einfach nur Glück gehabt. Sie genießen es nicht. Ganz anders als der Deutsche, der genießt das. Ich hätte als Argentinier niemals geglaubt, dass es hier so etwas wie "latinita" gibt. Die Italiener sagten damals zu mir, als ich zum ersten Mal in Deutschland sang: Finde erst einmal ein Publikum, dass dir so applaudiert, wie das unsere. Und dann war es ganz anders!
Erstellt: 20-12-05
Letzte Änderung: 20-12-05