20/12/05
Interview mit dem italienischen Tenor Salvatore Licitra
Von Teresa Pieschacón Raphael
Künstler L-R
- Lang Lang
- Li, Yundi
- Licitra, Salvatore
- Marthé, Peter Jan
- Masur, Kurt
- Meier, Waltraud
- Menuhin, Zamira
- Morricone in Concert
- Mussbach, Peter
- Mutter, Anne-Sophie
- Nagano, Kent
- Ostermeier, Thomas
- Otter, Anne Sofie von
- Pahud, Emmanuel
- Pape, René
- Poppen, Christoph
- Raabe, Max
- Rattle, Simon
- Repin, Wadim
- Rolando Villazón und Anna Netrebko
- Ross, Bob
- Rostropowitsch
- Im Dezember 2000 entfachte sich um Sie in der Mailänder Scala ein Skandal, weil der Direktor Riccardo Muti das hohe C aus Manricos Cabaletta im "Troubadour" herausgestrichen hatte, weil es nicht in der Partitur stand. Und das zum Auftakt des Verdi-Jahres!
Ja. Die Menschen waren empört, dabei hat Verdi dieses hohe C überhaupt nie geschrieben! Ich bin vollkommen der gleichen Ansicht wie der Maestro Muti.
- Buh-Salven hagelte es von den Galerien, wie steht ein junger Tenor das durch?
Ich kann ja diese hohen Noten singen. Hören Sie? (singt das hohe C). Möchten Sie noch mehr davon? (Lachen)
- Gibt es so etwas wie ein „High C“- Fetischismus?
Ja, ich fürchte ja und das ist wirklich ein Problem. Ich aber glaube nicht daran. Es ist wichtiger was man davor und danach macht. Wichtiger als das hohe C ist der gesamte Affekteindruck, der Ausdruck des Ganzen.
- „High-notes are the bank notes for a tenor“ titelte die amerikanische „Times“. Warum ist den Leuten das so wichtig?
Ich glaube aus Tradition. Es ist wie ein spektakulärer Sprung, auf den alle warten wie im Sport oder im Zirkus. Doch es geht nicht um einen Wettbewerb, sondern um Kunst. Viele der hohen Noten hat Verdi gar nicht hineingeschrieben, es war eine Entscheidung des Theaterdirektors, der sich so mehr Publikum erhoffte. Es ist einfach unglaublich! Diese Mentalität muss sich ändern. Wenn wir hohe Noten singen, dann müssen sie kommen wie ein Seufzer. Wenn Verdi hier stünde, würde er sagen, da kann man nicht einfach ein hohes C reinsetzen, das zerstört die harmonische Balance im Orchester. Alle Musikologen wissen das, sie wissen um den Konflikt und trotzdem sagen sie nichts.
- Radames‘ Arie ‚Celeste Aida‘ hat so manche hohe Töne. Die sind aber autenthisch ...
Und ausgesprochen schwer zu singen! Verdi gab dazu die Vortragsanweisung ‚morendo‘ und wenn man so hoch singt, ist es sehr schwer ein Pianissimo zu singen. Ich habe versucht es so zu machen (fängt an das ‚Un trono vicino als sol‘ zu singen) und auf keinen Fall zu forcieren. Also nicht spinto, nicht puschen sondern ganz sanft angehen. Nur so kann man wahrhaftig bleiben. Sonst wird man ein Popstar.
- Wie würden Sie Ihre Stimme charakterisieren?
Alle Menschen sagen, ein Tenor hätte einen grossen Oberkörper und einen kurzen Hals und seien nicht sehr gross. Mit 1,74 bin ich nicht so klein, aber der Rest weist auf einen Tenor hin. Meine Stimme hat einen ganz eigenen Klang; Mozart, Rossini oder Donizetti sind nicht das Richtige für mich. Ich habe das Glück sehr tief singen zu können aber auch sehr hoch. Mein Repertoire ist eher Verdi, Puccini, Mascagni, Ciela. Also auch Verismo.
- Carlo Bergonzi, an dessen Akademie in Busetto Sie studierten, sagt: „Ein Sänger, der Verdi gut singt, wird sich bestimmt auch in Verismo-Rollen wacker schlagen. Aber der umgekehrte Schluss ist alles andere als richtig!“ Welcher ist der Unterschied?
Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Verismo und Verdi. Ich singe Verismo genauso wie einen Verdi.
- Aber sind Verismo-Rollen - wie viele Tenöre betonen - nicht einfacher, weil sie keine perfekte Technik verlangen, weil es weniger auf klare Linienführung, auf akzentuierte Wortverständlichkeit ankommt?
Ich versuche nie, weder in Verismo-Rollen noch bei Verdi, zu puschen. Ich bin mal an eine falsche Lehrerin geraten, die immer meinte, ich müsste bei den hohen Noten forcieren. Sie sagte mir: „Du musst singen wie ein Schlag“. Ich glaubte ihr und tat es, dann aber blieb ich hängen oder meine Stimme kippte. Man darf sich nicht müde fühlen, wenn man singt. Und ich fühlte mich aber so. Sie hat mich immer beruhigt, aber ich war beunruhigt.
- Und Sie wurden krank
Ich hatte zwei Polypen auf den Stimmbändern und vergrösserte Mandeln; wären es Knötchen auf den Simmbändern gewesen, hätte ich mich wohl von meiner Sängerlaufbahn verabschieden können. Man kann sich bei falscher Technik den Körper und die Stimme zerstören. Das Ganze muss ganz natürlich fliessen. Als Baby ist unserer erster Instinkt, zu schreien. Da man sich noch nicht artikulieren kann, muss man es sogar tun. Doch ein Kind kann fünf Stunden schreien, und auch in sehr hoher Lage, ohne allerdings zu ermüden, weil es natürlich atmet. Ein Baby könnte auch stundenlang singen. Zu diesem Zustand muss man zurückfinden, wenn man singt.
- Ist es sowieso nicht manchmal besser etwas kindlich, vielleicht auch schlichten Geistes zu sein, gerade wenn man auf eine Bühne muss?
Sie schauen mich an? (Lautes Lachen). Sehe ich so blöd aus? Aber Sie haben Recht, man darf nicht soviel analysieren. Aber natürlich muss man auch einmal eine Partitur lesen können. Das wäre nicht schlecht. Man darf nur nicht ängstlich sein. Das ist das Problem. Ich mache immer Spässchen, das ist mein Charakter und es ist wichtig, immer zu lachen. Denn wenn Sie auf die Bühne gehen, dann sind Sie völlig alleine und einsam. Sie haben die ganze Verantwortung und das ist nicht einfach. Ich habe einen kleinen Bruder und er hat auch eine sehr gute Stimme. Er aber will nicht singen, weil er schüchtern ist.
- Sie sind in Bern geboren, wuchsen aber in Sizilien auf.
Mein Vater kam aus Sizilien in die Schweiz. In Italien war es seinerzeit so schwierig, einen Job zu finden; er ist Techniker von Beruf. Jedes Jahr gingen wir in den Ferien nach Sizilien. Ich bin mit dem Dialekt gross geworden und auch mit der Mentalität des Sizilianers. Es ist wichtig als italienischer Sänger, Wurzeln zu haben. Es ist wichtig zu wissen, woher man kommt. Es ist ein schönes Leben, das ich führe; ich fühle jeden Tag, dass ich Glück gehabt habe. Heute lebe ich in Mailand. Meine Eltern glaubten mir von Anfang an. Das war sehr wichtig, weil es ist ein langer Weg in diesem Job. Und ein sehr harter.
- Braucht es sehr viel Disziplin?
Eigentlich ja, dabei bin ich es nicht immer. Schauen Sie mich an, ich mag zwar nicht trinken, aber ich mag gut essen. Aber ein Schälchen um den Hals, wie viele Sänger ihn tragen, werde ich nicht haben. Und auch nicht andere nerven mit Sätzen wie: „Ach, ich muss auf meine Stimme aufpassen“; ein solches hysterisches Getue finde ich schrecklich.
- Speziell Tenöre sind da sehr empfindlich
Oh ja. Ich habe nie meine Ursprünge vergessen und werde mich nie wichtiger fühlen als andere. Eine grosse Leidenschaft aber musste ich aufgeben: das Motorradfahren. Ich habe es über alles geliebt, dieses Gefühl von Freiheit. Nun habe ich ein Cabriolet und dann kann ich das Dach öffnen und ich fühle die Freiheit. Schauen Sie: ich habe mir alles gebrochen (zeigt überall hin), was man sich vorstellen kann. Ich war einfach zu schnell. Deshalb musste ich das Rasen aufgeben. Ich muss ja auch an die Arbeit denken und kann nicht einfach im Gips auftreten und „Una furtiva lagrima“ singen (äfft singend und melodramatisch einen Tenor mit Gipsarm nach, lautes Lachen)
- Gibt es noch andere gefährliche Dinge für einen Tenor?
Wie meinen Sie denn das? (Lacht). Die Frauen? Nein, ich habe eine Freundin und bin sehr glücklich, doch das Skifahren ist nicht so ungefährlich, aber ich liebe es einfach.
- In einem Interview sagten Sie, Sie wollten die Rolle des Pinkerton in Puccinis „Madame Butterfly“ nicht mehr singen, weil die Figur so „stupide“ sei.
Im Allgemeinen sind Tenor-Figuren stupide Figuren. Ich finde sie manchmals so blöde (äfft einen Tenor nach. Lautes Lachen). Aber ich bin nicht ganz so stupide (Lachen), wie die Rolle. Ich versuche ihnen Würde zu geben. Ich weiss nicht, warum die so angelegt sind. Ist es vielleicht wegen der hohen Stimme? Aber vielleicht sollte man das Ganze nicht so realistisch sehen.
Erstellt: 20-12-05
Letzte Änderung: 20-12-05