Oh, das ist natürlich eine sehr sehr große Ehre für mich und etwas ganz Besonderes. Es gibt ja hier eine große Strauss-Tradition, besonders beim „Rosenkavalier“. Die Musik liegt mir sehr tief im Herzen. Alle diese Charaktere - die Marschallin, Oktavian, Sophie, Faninal, zeigen die menschliche Natur in ihren unterschiedlichen Dimensionen.
- Der Komponist Strauss, der Dichter Hofmannsthal und der Regisseur Max Reinhardt gehörten zu der Gründergruppe der Salzburger Festspiele. Fühlen Sie eine bestimmte Verantwortung?
Verantwortung ist immer da, es ist die Verantwortung gegenüber unserem Publikum. Aber ich gebe zu, Salzburg ist ein besonderer Ort; da kommen natürlich noch besondere Empfindungen dazu.
- Strauss schrieb an einer Stelle zum „Rosenkavalier“: „Meine neue Oper ist nur mit erstklassigen Opernkräften und Orchester zu machen“. Wie fühlen sich?
(Langes lautes Lachen) Ach wissen Sie, das könnte Strauss über all seine Opern sagen! Es ist immer eine Herausforderung für alle Künstler, für das Orchester und den Dirigenten. Der „Rosenkavalier“ ist vielleicht noch etwas schwieriger. Es klingt alles ganz einfach, aber ist doch so komplex, wie bei Mozart. Man findet in diesem Stück so viele Diamanten; man muss sie alle in Harmonie bringen, sodass kein Diamant einen anderen überstrahlt.
- Ja, aber wie hält man die Balance in diesem Meisterwerk von Dichtung, Musik und Darstellung?
Jede Figur erlebt ihren eigenen Konflikt und da muss man eine Harmonie finden. Es muss alles ausbalanciert werden, das ist immer wieder schwer. Es gibt so viele Stimmungen in diesem Stück, man kann das mit den Jahreszeiten vergleichen. Zum Beispiel die Marschallin, die eigentlich im Herbst ihres Lebens ist, obwohl sie erst 32 Jahre alt war. Doch im 18. Jahrhundert war eine Frau da schon ziemlich alt. Oktavian und Sophie hingegen sind im Frühling. Es gibt also Nostalgie und Melancholie und auch ziemlich viel Humor. Besonders Humor ist nicht einfach herzustellen.
- Hofmannsthal hat Strauss sehr bewundert, ihre intensive Zusammenarbeit ist wohl einzigartig. An einer Stelle aber sagt er, Strauss habe „so eine fürchterliche Tendenz zum Trivialen, Kitschigen in sich“. Sind Sie gefährdet, der zu verfallen?
Das ist absoluter Quatsch, was Hofmannsthal da sagt! Es passiert so oft, dass geniale Künstler andere geniale Künstler nicht wirklich verstehen können. Ich glaube, dass diese polemische Aussage nicht wirklich etwas bedeutet hat in der Zusammenarbeit der beiden und auch nicht im Bezug zum Werk.
- Sie haben das Stück mit verschiedenen Regisseuren einstudiert, zuletzt in einer Neuproduktion in Dresden. Hat die Art der Inszenierung eines Regisseurs auch einen Einfluss auf Ihre Musizierweise?
Es ist immer die gleiche Partitur. Wenn die Inszenierung sensibel ist, dann hilft sie, eine Balance zwischen Musik und Theater zu finden. Aber nur dann.
- Einen ‚Zauberer‘ nannte nicht nur Hofmannsthal den Regisseur Max Reinhardt. Welches ist Ihr Attribut für Herrn Carsen?
Ich finde ihn extrem begabt, extrem intelligent und extrem sensibel, besonders was die Musik angeht. Ich schätze diese Künstlersensibilität sehr. Er ist jemand, der sehr gut mit anderen Künstler arbeiten kann. Er bringt eine sehr gute, sehr ruhige Stimmung in die Probe. Natürlich gibt es immer wieder Fassetten oder Elemente, die man nicht ganz genau versteht. Man kann aber darüber diskutieren und sich dann einigen.
- In der öffentlichen Wahrnehmung hat ein Regisseur ein größeres Gewicht als der Operndirigent. Ärgert Sie das?
Ja. Aber natürlich (lacht)! Aber nicht aus egoistischen Gründen. Die Betonung in unserer Zeit liegt nun mal auf dem Visuellen und Optischen. Es ist auch viel einfacher über die Regie zu reden. Da kann jeder mitreden. Um aber über die Musik zu reden, muss man sie wirklich kennen, braucht man eine fundierte Kenntnis der Zusammenhänge. Zudem ist es ja so: Die Musik bleibt gleich, doch die Regie ändert sich bei jeder Neuproduktion. Und unabhängig davon, ob diese überzeugt oder nicht stellt sie doch immer eine Vision des Regisseurs dar. Das provoziert ein besonderes Interesse. Obendrein wird der Dirigent erst sehr spät in den Prozess einer Produktion eingebunden. Ein Regisseur braucht mehr oder weniger sechs Wochen, um eine Produktion auf die Beine zu bringen. Der Dirigent kommt vielleicht zwei Wochen vorher, manchmal auch nur wenige Tage vor der Premiere dazu und ist kein natürliches Element im Produktionsprozess. Was soll man denn sagen, wenn man nicht da ist?
- Haben Sie als Dirigent überhaupt noch etwas zu sagen?
(Lautes Lachen) Aber ja, die ganze Zeit. Solange die Musik durch die Regie nicht völlig zerstört wird, muss man einem Regisseur erlauben, seine Vision aufzubauen. Ansonsten muss man andere Lösungen finden. Man sollte nur nie vergessen: Das Musiktheater ist auf der Musik gegründet und nicht umgekehrt.
- Was unterscheidet ein Opernorchester von einem Symphonieorchester?
Opernorchester haben eine besondere Sensibilität mit den Sängern zu spielen, sie haben ein Gefühl für Musiktheater, sie empfinden die Musik nicht nur durch die Töne, sondern auch durch den Text. Sie sind sehr viel flexibler. Und das ist sehr wichtig, wenn es darum geht eine Geschichte zu erzählen. Ein Symphonieorchester empfindet die Musik am meisten durch die Töne, also mehr abstrakt. Es ist auch meist virtuoser...
- Und sein Dirigent ein bisschen eitler...
Oh, ja, das stimmt. (Lacht)
- Seit 1998 sind Sie Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters Köln. Verdirbt man, wenn man ‚nur‘ Symphonieorchester dirigiert?
Es ist so wichtig für ein Opernorchester symphonisches Repertoire zu spielen und umgekehrt für ein Symphonieorchester regelmäßig an einer Oper mitzuwirken. Das ist ja auch das, was wir in Köln machen.
Wir haben jetzt „Daphne“ gemacht und werden demnächst „Elektra“ aufnehmen. Sie sehen, ich bin nicht in Gefahr (lacht).
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Biografie von Semyon Bychkov:
Seit seinem Weggang aus Sankt Petersburg im Jahr 1975 leitete Semyon Bychkov im Rahmen seiner internationalen Dirigentenkarriere einige der weltweit renommiertesten Orchester in den USA, Europa und der früheren Sowjetunion. Semyon Bychkov lebt heute in Europa und ist Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters Köln.
Nach der Übernahme von Vertretungen für namhafte Kollegen im Jahr 1984 wurde Semyon Bychkov erstmals auch internationale Anerkennung zuteil. Konzerte mit dem Concertgebouw Orchester sowie den New Yorker und Berliner Philharmonikern untermauerten seinen hervorragenden Ruf. Nachdem er sich in Paris niedergelassen hatte, wurde Semyon Bychkov 1989 zum Musikdirektor des Orchestre de Paris ernannt; es folgten Engagements als 1. Gastdirigent bei den Sankt Petersburger Philharmonikern im Jahr 1990, beim Maggio Musicale in Florenz 1992 und als Chefdirigent der Dresdner Semperoper 1997.
Seit seiner Ernennung zum Chefdirigenten des WDR Sinfonieorchesters Köln im Jahr 1997 hat Semyon Bychkov die Tourneeaktivitäten des Orchesters intensiviert, zahlreiche Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen realisiert. Neben den Tourneen durch Deutschland gaben Bychkov und sein Orchester Gastspiele in Japan, auf den Kanarischen Inseln, sowie in Italien, der früheren Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Spanien und Südamerika.
Während seiner Tätigkeit als Chefdirigent der Semperoper in Dresden dirigierte Bychkov Neuinszenierungen von Lady Macbeth von Mzensk (1999/2000), Der Rosenkavalier (2001/02), Das Rheingold und Die Walküre (2001/02). In diese Zeit fällt mit Elektra sein Debüt an der Wiener Staatsoper sowie die Aufführung einer Neuproduktion von Eugen Onegin in Florenz und von Tristan und Isolde an der Chicagoer Lyric Opera und an der Wiener Staatsoper. Er dirigierte Neuinszenierungen von Janáceks Jenufa, Schuberts Fierrabras sowie Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk beim Maggio Musicale in Florenz, für deren Aufführung er mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurde. Sein Debüt am Royal Opera House Covent Garden gab Bychkov im März 2003 mit der Aufführung von Elektra. Im September kehrte er zurück, um die Oper Boris Godunov zu dirigieren, mit der er für Januar 2004 sein Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera geplant hat.
Als ein Künstler, der sich durch eine Vielzahl von CD-Einspielungen verdient gemacht hat, wurde Semyon Bychkov für die Aufnahme der 5. Symphony von Schostakowitsch (für Philips Classics) zusammen mit den Berliner Philharmonikern mit dem belgischen Caecilia-Preis geehrt und bekam dafür von der Fachzeitschrift Stereo Review die Auszeichnung „Bestes Album des Jahres“ verliehen. Gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern, den Londoner Philharmonikern, dem Philharmonia Orchestra, dem Concertgebouw Orchester, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem Orchestre de Paris hat er über zwanzig CDs aufgenommen. Zu seinen neusten Veröffentlichungen gehören neben Ein Heldenleben und Metamorphosen von Strauss auch die 7. und 8. Symphony von Schostakowitsch und die 3. Symphony von Gustav Mahler.
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Alle Bilder © Salzburger Festspiele 2004, Hansjörg Michel






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