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Maestro - 30/11/09

Interview mit der Dirigentin Anu Tali

Maestra Baltica


Anu Tali aus Estland ist eine der wenigen international bekannten Dirigentinnen und geht auch bei der musikalischen Interpretation ihre ganz eigenen Wege: "Maestra Baltica: Anu Tali dirigiert baltische Musik"
Auf ARTE am Sonntag, den 29. November 2009, um 19 Uhr!

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- Kennen Sie Marie Gruner?
Nein, eigentlich nicht. Eine Dirigentin?

- Sie leitete 1860 das Wiener Ludwig Morelli Orchester, und sie inspirierte Joseph Strauss zu seiner Polka "Die Emanzipierte" op. 282
(Lachen) Ach, das wäre schön, wenn man für die Dirigentinnen heute komponieren würde. Aber als Emanzipierte würde ich mich nicht bezeichnen. Ich lebe mein Leben, so wie ich es mir immer vorgestellt habe. Ich bin so froh über mein Glück, den Zugang zur Musik, den ich habe, ich brauche einfach nichts anderes. Deshalb mache ich mir auch keine Gedanken, ob es schwer ist oder nicht, ob ich emanzipiert bin oder nicht. Vielleicht habe ich es verdient, vielleicht hatte ich Glück, ich bin keine politische Person, ich glaube Menschen verlieren zu viel Zeit, wenn sie sich mit solchen Kategorien beschäftigen oder Zustände zu verallgemeinern.

- „Eisblaue Katzenaugen, tartarisch zart“ beschrieb Sie eine eigentlich sehr seriöse Zeitung, nur weil Sie aus Tallinn, Estland stammen. Ärgert Sie das?
Ach, wie gesagt, die Menschen verbringen viel Zeit mit unnützem Zeug und lieben die Klischees. Ich würde mir wünschen, die Menschen würden nur über die Musik reden und nicht über die anderen Dingen. Menschen, die Musik mit mir machen, sehen mich nicht als Frau, .als ‚maestra’ oder Sexbombe, oder was weiß ich. Ich bin für sie eine Vermittlerin, eine Kommunikatorin. Das muss ich aber dann richtig machen, ich muss vorbereitet sein, die Partitur kennen. Sonst klappt es nicht.

- Sie sind bzw. können aber noch viel mehr, denn es gehört schon eine Portion Mut dazu, ein privat finanziertes Orchester,das Nordische (vormals Estnisch-Finnische) Symphonieorchester, zu gründen!
Am 7. Dezember 1997 war unser erstes Konzert, ich werde es nie vergessen. Der Erfolg kam Schritt für Schritt. Ursprünglich hatten wir vor, nur ein einziges Konzert zusammen zu spielen. Dann wurde eine ganze Saison draus, es folgte eine weitere und heute existieren wir immer noch. Zehn Jahre ist eine lange Zeit. Ich glaube unser Orchester gehört zu den ganz wenigen auf der Welt, die ausschließlich privat finanziert werden. Neben Firmen aus der Finanzbranche gehört auch Finnair zu den großen Förderern. Es kommen vermehrt Interessenten aus dem Ausland hinzu.

Ihre eineiige Zwillingsschwester Kadri managt das Orchester und kümmert sich um die Sponsoren?
Ja, und ich muß ihr die Programme, das Repertoire verkaufen! Denn sie muss dann andere überzeugen. Wir tun vieles gemeinsam, in extremen Situationen erkenne ich mich selbst in meiner Schwester, es ist schon erstaunlich. Überhaupt haben wir ein sehr enges Familienleben, das gibt uns sehr viel Kraft, jeder weiß wo der andere ist. Man muss wissen, dass man immer einen Ort hat, wo man hingehört, wo man hingehen kann.

- Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zum ersten Mal vor einem Orchester gestanden haben?
Eigentlich habe ich nur meinem Professor assistiert, ich habe mich auch nie für Macht oder Ähnliches interessiert, ich wollte eigentlich Musik vermitteln. Ich war fasziniert von den Partituren großer Meister, studierte sie unentwegt, versuchte herauszufinden, was die Komponisten meinten. Aber ich sah mich nicht unbedingt in der Funktion des Dirigenten- ich dachte eher, ich würde Musikwissenschaftlerin oder Musikprofessorin werden.

- Waren Sie nervös?
Übermut und Ignoranz ist eine Gnade! Wenn Sie meine erste Aufnahme hören, es konnte nur meinem Übermut geschuldet sein, dass ich das geschafft habe. Nun wird es schwieriger, je älter Sie werden, umso mehr Verantwortung müssen Sie übernehmen. Wenn Sie ganz jung sind, dann machen Sie sich nicht so viele Gedanken. Man will soviel sagen, und geht davon aus, jeder wird einem zuhören. Deshalb mag ich junge Menschen, weil sie noch diese Träume haben und diese Leidenschaft. Wenn Sie die großen Musiker treffen: sie sind wie Kinder, sie haben noch Träume, sie sind noch aufgeregt, wenn sie anderen Musikern zuhören, wollen wissen, wie derjenige es macht. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt eines großen Talents: zu erkennen, wie machen es andere.
©2009 Teresa Pieschacón Raphael

Maestra Baltica
Montag 7. Dezember 2009 um 06.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, Estland, 2007, 44mn)
ZDF

Erstellt: 25-11-09
Letzte Änderung: 30-11-09