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Maestro - 21/07/11

Interview mit der Gamben-Virtuosin Hille Perl

von Teresa Pieschacón Raphael


ARTE zeigt am Sonntag, den 24. 7. 2011, um 19.15 Uhr als TV-Premiere ein Portrait der Gamben-Spielerin Hille Perl, u.a. begleitet vom Freiburger Barockorchester, dem Lautenisten Lee Santana und ihrer Gambengruppe The Sirius Viols.
Lesen Sie hier unser exklusives Interview mit Hille Perl.

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- Die Gambe passe am besten zu Ihrem Charakter, sagen Sie. Warum?

Ich glaube, man passt sich so einem Instrument an; Menschen, die Doggen haben, sehen ja dann nach vielen Jahren auch so aus wie die. Mehr als 30 Jahre meines Lebens habe ich mich mit diesem Instrument auseinandergesetzt, ich habe die Tiefen dieses Instrument ergründet und deren Geschichte und es dann zu dem gemacht, wie ich es haben wollte. Mich fasziniert der Klang, den gibt es bei anderen Instrumenten nicht; er ist ein bisschen wie die menschliche Stimme, hat etwas sehr warmes aber gleichzeitig auch etwas sehr Abstraktes. 

- Gambisten sind Außenseiter, sagen Sie auch.

Ja, auf jeden Fall. ‚Was ist denn das für eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme?’, hieß es oft aus den Orchesterreihen, wenn ein Dirigent einen Gambisten holte, um die originale Klangvorstellung eines Johann Sebastian Bach oder der Renaissance zu rekonstruieren. Es gibt also keine festen Orchesterstellen für Gambisten. Sie müssen freiberuflich klarkommen mit ausgefallenen Konzertprogrammen, die sie organisieren und verkaufen  müssen.

- So wie Sie auch.

Ja. Wir werden überall fündig, ob in Schottland oder in Mexiko und haben die interessantesten Programme schon zusammengestellt. Die Musik des Komponisten und Gambisten Marin Marais ist für einen Gambisten natürlich das Tollste. Er hat etwa achthundert Stücke geschrieben. Man muss wissen: Marais hat ungemein genau beschrieben, was er haben wollte. Die Ornamentik ist sehr klar beschrieben, es gibt Fingersätze, sehr strikte Regeln und Ausführungsregeln. Und trotzdem bleibt stets noch etwas Neues zu entdecken, egal wie viele Schnörkel und Feinheiten man in der Notenschrift findet.

- Alain Corneaus 1991 gedrehter  Spielfilm über Marin Marais,  'Tous les matins du monde', mit Gerard Depardieu in der Hauptrolle, verbesserte  das Image der Gambe etwas.

Ja. Den Soundtrack hatte Jordi Savall gemacht. Wenn man damals mit dem Gambenkasten über die Strasse lief, fragten die Leute nicht ‚Hey, ist das eine Gitarre?’ sondern: ‚Ist das eine Sechs oder eine Siebensaitige?‘ Der Film wurde natürlich von der Alten-Musik Szene sehr kritisiert mit dem Argument,  der Sound sei nicht historisch. Mir war das so egal. Ich fand ihn großartig. Mit einem Schlag war ein unbekanntes Instrument in Mode. Wir hatten gleich sehr viel mehr Aufträge. Dennoch bleiben wir exotisch.

- Symbolisiert Gambespielen also auch so etwas wie ein Lebensgefühl?

Auf jeden Fall. Alle Formen des Zusammenlebens werden abgedeckt. Mal ist man mit Leuten zusammen in einem gleichberechtigten Ensemble, mal begleitet man, mal ist man Solistin in einem Konzert. Historisch gesehen ist das Repertoire sehr divergent, so, wie man überhaupt ein Leben leben sollte

- So divergent wie  Ihre über vierzig Instrumente, darunter auch Gitarren und Lauten, die Sie in Ihrem Bauernhaus in der Wildeshauser Geest bei Bremen haben?

Ja, egal ob die klassische Quietschfiedel, die Diskantgambe, auf der man ziemlich üben muss, oder die vielen Bassgamben, die ich habe: jede riecht anders, klingt anders und fühlt sich anders an. Meine Tielke-Kopie ist stark und direkt. Meine französische Cheron-Kopie hat Schmelz und vereinigt die Akkorde zu wunderbaren Klangwolken. Es wäre für mich grauenvoll, wenn mit nur einer dieser Gamben etwas passieren würde.

 

- Für Ihre wertvollste Gambe, das einzige Original, haben Sie allerdings keinen Kasten.

Ja, es ein echtes flämisches Meisterstück mit einem leuchtend mittelbraunen Holzkörper mit abfallenden Schultern und dem wunderschönen Kopf einer Lady. Mein Vater hat es bei Southeby’s in London erstanden, da war sie 12. Da gab es Ärger in der Familie, er hatte ein bisschen Geld geerbt; meine Geschwister und meine Mutter waren nicht begeistert. Niemand konnte ahnen, dass ich Gambistin werde. Ich habe an meinem Vater immer sehr gehangen:  ein unglaublich kluger Mensch, der im Alter immer klüger wurde und mit fast sechzig promovierte.

- Carl Friedrich Abel hat einmal gesagt, dass man 30 Jahre braucht, bis man nicht mehr ein Opfer des Instrumentes ist.

Wenn man immer versucht, Ausdruck durch Kraft oder Druck zu erreichen, dann geht es nicht. Dann klingt alles furchtbar bemüht. Viele sind so emotional in der Musik drin, der eine schnauft, der andere verzieht sein Gesicht. Der Affekt, den man beim Zuhörer erzeugen will, ist leichter zu erreichen, wenn man emotional nicht zu sehr involviert ist. Man muss sehr kontrolliert, sehr cool sein, dann wird die Gambe zum schönsten Instrument, das man spielen kann. Wenn man nicht cool ist, dann kann es zum Alptraum werden. Natürlich passiert mir das auch, zum Beispiel bei der Matthäuspassion muss ich oft heulen; ich glaube aber nicht, dass ich dann dabei besser bin. Man muss Bewegungsabläufe trennen. Die müssen unabhängig voneinander ablaufen.

- Sie wirken oft sehr analytisch.  Haben Sie nicht Angst, dass Ihnen Ihr Intellekt Ihrer Intuition und Inspiration ein Schnippchen schlägt?

Oh, ich weiß nicht. Ob er das nicht manchmal tut? Musik ist ja auch eine Sprache. Man denkt nicht so darüber nach: ich denke ja auch nicht wirklich darüber nach, was ich sage. Ich spreche die Sprache der Gambe, und das beinhaltet, dass ich mich in verschiedenen Stilen, Dialekten, Gerüchen auskenne, alles Dinge, die über die normale Sprache hinausgehen. Ich weiß auch wie man emotionale Korrespondenzen schaffen kann und ich kann Affekte auf dem Instrument produzieren. Aber ob ich beim Musikmachen wirklich analytisch bin wie manchmal beim Erzählen, das weiß ich nicht so wirklich.

- Wie logisch kann denn Musik sein?

Sehr und dennoch sollte sie der Zuhörer nicht erst studieren müssen, um sie zu verstehen. Musik muss sich jedem erschließen, Musik muss sich selbst erklären. Die akademische konstruierte Musik ist nicht mein Ding. Ich möchte nur Musik machen, in der jeder für sich Analogien oder Berührungspunkte finden kann.

©2011 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 13-07-11
Letzte Änderung: 21-07-11