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16/06/06

Interview mit der Mezzo-Sopranistin Brigitte Fassbaender über die "Hosenrollen" in der Oper

Von Teresa Pieschacón Raphael


Kurzbiografie: Brigitte Fassbaender wurde am 3. Juli 1939 in Berlin als Tochter der Schauspielerin Sabine Peters und des Baritons Willi Domgraf-Fassbaender geboren. Bereits 1961 debütierte sie an der Bayrischen Staatsoper und sang bald verschiedene Rollen unter so berühmten Dirigenten wie Hans Knappertsbusch und Karl Böhm.
Sie ersang sich im Laufe der Jahre alle bedeutenden Partien ihres Faches Mezzosopran und gastierte an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt. 1995 beendete Brigitte Fassbaender ihre Gesangskarriere und widmete sich ausschließlich der Regiearbeit. Seit dem 1. September 1999 ist die Kammersängerin Intendantin des Tiroler Landestheaters in Innsbruck.


-Warum wurde ausgerechnet der Oktavian aus Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier“ zu Ihrer Paraderolle?
Das kann man selber wohl kaum beurteilen. Ich glaube, ich habe diese Rolle in vielen ihrer Facetten glaubwürdig erfüllen können. Durch meinen Typ, durch meine Präsenz auf der Bühne, durch meine Darstellung, durch die Stimme, die ein echtes Mezzotimbre hatte, das sehr gut korrespondierte mit den Sopranstimmen der Sophie und der Marschallin . Und offenbar entsprach mein Bühnentemperament der Rolle . Die Partie des Oktavian bietet schauspielerisch sehr viel.

- Ihre Mutter war die Schauspielerin Sabine Peters. Sie selbst wollten ja auch Schauspielerin werden.
Ja, das stimmt. Deshalb haben mich immer die Rollen interessiert, in denen ich mich auch schauspielerisch sehr ausleben konnte.

-Sie haben mit der Partie des Oktavian zwanzig Jahre auf den Bühnen der Welt brilliert...
... (Lachen) Ach länger! Zum ersten Mal habe ich den Oktavian 1967 in München gesungen, damals bin ich für Hertha Töpper eingesprungen. Und dann bekam ich die Premiere der Neuinszenierung. Zuvor hatte ich die Partie auch schon in London gesungen. Nach dem großen Erfolg der Münchner Produktion fing ich an, den Oktavian auf der ganzen Welt zu singen: An der Met, der Scala, in Wien – überall…

- Hat sich das Bild, das sich mit dieser Hosenrolle verbindet, in all den Jahren verändert?
Ja, ich denke schon. Ich glaube, der „junge Herr aus großem Hause“, der Hofmannsthal und Strauss vorschwebte, ist heutzutage manchmal etwas bürgerlich geworden. Die moderne Regie schaut hinter die Fassade und setzt andere Schwerpunkte, die weit über das Opernübliche, die Kulinarik hinausgehen. Wenn ich etwa an den „Rosenkavalier“ in der Inszenierung von Peter Konwitschny in Hamburg denke, dann zeigt der schon ganz andere Aspekte auf, als wir uns damals träumen ließen…Eine derart desillusionierende Durchleuchtung einer Partie gab es damals so nicht.
Vielleicht hat man sich damals noch mehr nur von der Musik inspirieren lassen und den Text nicht hinterfragt...


- Welche Inszenierung blieb Ihnen am nachhaltigsten in Erinnerung?
Natürlich der Münchner Rosenkavalier von Otto Schenk und Carlos Kleiber 1972. Das ist ja inzwischen Legende.Das Flair dieser Produktion, so altmodisch manche sie auch heute empfinden mögen, war ganz besonders. Es war eine sehr komödiantische, sehr handfeste und großartige Inszenierung und was Carlos Kleiber einbrachte war einfach einmalig und unvergesslich. Das hat mich geprägt, das gebe ich zu. Es gibt einen Videomitschnitt. Doch Kleiber hat die Veröffentlichung der Aufnahme als CD nie genehmigt. Ich weiß nicht, wie weit die Dinge nach seinem Tod gediehen sind.

- Wie macht sich die Ambiguität, die ja in einer solchen Hosenrolle liegt, musikalisch bemerkbar?
Die Rollen der Kastraten, die es irgendwann nicht mehr gab, wurden von Frauen übernommen. Die Stimmlage Mezzosopran, das dunkle Timbre des Mezzo eignet sich wohl besonders gut für die ganz jungen bzw. etwas androgynen Liebhaber wie etwa den Cherubino, den Oktavian oder Sesto im Titus von Mozart. (Im Übrigen ist ja der Mezzosopran in der Tessitura dem Tenor sehr ähnlich.) Dies übt klanglich einen besonderen Reiz aus, den sich Richard Strauss zunutze macht für seinen ganz spezifischen Klang. Dann ist da noch der erotische Reiz, der immer in solchen Travestien steckt. Er bedient einen gewissen Voyeurismus, dem bestimmte Menschen erliegen.

- Wie meinen Sie das?
(Lacht) Jeder einigermaßen schlanke, gutgewachsene Mezzo bekommt seine Hosenrollen verpasst.(Lacht) Ich habe mich immer dafür fit halten müssen. Nach den Theaterferien musste ich mir jedes Mal 2-3 Kilo herunterhungern, um wieder in meine Hosen hinein zu passen (Lachen) Das war mühsam. Es gab diverse Frauenrollen, die ich genauso gerne gesungen habe, wie den Oktavian. Ich mochte nie, dass man mich auf Hosenrollen festgelegt hat. Aber der Oktavian ist nun mal eine sehr wirkungsvolle Partie, ebenso der Prinz Orlowski...

…aus Johann Strauß’ „Die Fledermaus“, den Sie ja auch interpretiert haben.
Ja, man hat mich regelrecht abgestempelt. Dabei ist das eine vergleichsweise kleine Partie. Er ist der „Entertainer“ im zweiten Akt. Aber wenn man gut aussieht im Frack, Hosen glaubwürdig tragen kann und gute Beine hat... tja dann schauen die Leute gerne hin (Lachen)

- In Zeiten der Homo-Ehe und übersexualisierten Medien: Haben Hosenrollen da nicht ihre einstige Brisanz eingebüßt?
Ach, man verkörpert ja auf der Bühne mit solchen Figuren immer ein ästhetisches Bild und eine Welt, in die sich viele Menschen hineinträumen, sie idealisieren und dann mit diesen Rollen leben. Das habe ich ja auch erlebt, man wird identifiziert mit etwas, was man gar nicht ist. Man hat wohl auf der Bühne eine ungeheure Wirkung auf Menschen, die ihre Träume an Bühnengestalten ausleben und von der Realität nicht trennen können. Das kann manchmal schwierig und sehr lästig sein.


- Sie haben den Rosenkavalier inszeniert…
Ja, zuerst am Staatstheater in Oldenburg. Gott sei Dank hatte ich Anfang der Neunziger die Inszenierung von Ruth Berghaus gesehen und erlebte einen regelrechten Schock. Sie hat ‚das Glück’ der Sophie und des Oktavian hinterfragt und das Stück radikal aus seiner Zeit gelöst. Mir wurden ganz neue Perspektiven eröffnet, die mir Mut für eine eigene Inszenierung gaben. Meine Phantasie war so besetzt von dem, was ich als Interpretin in der Rolle machen musste. Zugleich hatte sich in mir selbst das Spielerische als Interpretin erschöpft. Ich hatte das Gefühl, ich habe nichts mehr zu „erfinden“ (Lacht). Deshalb habe ich auch aufgehört, den Oktavian zu singen. Denn irgendwann fängt man an, ein Rollenbild zu erfüllen, die Phantasie ist ausgeschöpft. Das wollte ich nicht, weil ich Routine hasse.

- Zurzeit sind Sie Intendantin des Tiroler Landestheaters in Innsbruck. Welche Erfahrung aus Ihrer Sängerlaufbahn hilft Ihnen heute besonders?
Geduld und Verständnis für die Kollegen auf der Bühne. Ich weiß, was man durchmacht, wenn man auf der Bühne steht; dass man als Sänger Zeiten der Regenration braucht, dass man höchst sensibel und voller Selbstzweifel ist. (Die meisten Kollegen, die ich kenne, jedenfalls.) Ich selber habe sehr unter Lampenfieber gelitten und manchen Veranstalter sicher oft an den Rand der Verzweiflung getrieben mit meinen Unsicherheiten und „eingebildeten Krankheiten“. Und heute erlebe ich das auf der anderen Seite mit und weiß, dass man Verständnis haben muss. Und das habe ich meistens auch.

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Interview: Teresa Pieschacón Raphael (8. Juni 2006)

Erstellt: 16-06-06
Letzte Änderung: 16-06-06