01/10/09
Interview mit der Opern-Regisseurin Anja Horst
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Am 29. September sendet ARTE „La Boheme im Hochhaus“. Sie haben das Ganze inszeniert, wie sind Sie vorgegangen?
Das Ganze spielt sich zwischen einem Hochhaus in Berns Gäbelbachquartier und dem 800 Meter entfernten Einkaufszentrum „Westside“ ab. Obwohl einiges schon vorhanden war, habe ich das Stück peu a peu neu bearbeitet und immer wieder überlegt, wie ich es arrangiere. Vieles hatte mit den technischen Gegebenheiten zu tun, man kann sich Dinge wünschen, aber ob sie dann realisierbar sind ist dann noch einmal etwas Anderes. Besondern die Szenen im Einkaufszentrum mussten immer wieder umgestellt werden, weil die von der Tontechnik her unglaublich aufwendig sind.
Warum?
Alle Sänger sind mit einem drahtlosen Sender verbunden, damit sie das Orchester hören. Wir wollten sie ursprünglich mitten durch das Modehaus Globus spazieren lassen, um da die Auslagen zu nutzen. Sobald aber Glas zwischen die Sender und Empfänger kommt, hat man ein Problem, das zu lösen sehr kostenaufwendig ist. Inhaltlich musste ich mir immer wieder überlegen, über welchen Weg ich die Leute führe: vom Supermarkt Migros bis ganz nach hinten oder nur vom Supermarkt aus?
Der andere Standort ist ein Hochhaus
Ja. Es ist 800 Meter entfernt, ich bin die Strecke ziemlich oft gelaufen. Die Sänger werden an dem Tag bestimmt betreut und gefahren bzw. geleitet, damit sie rechtzeitig im richtigen Raum sind.
Welche Probleme gab es hier?
Im Hochhaus gab es andere Schwierigkeiten, die Räume waren sehr eng. In einer Szene wie der mit den vier Freunden und Mimi, kommen praktisch ebenso viele Leute für die Technik noch einmal dazu. Aber darin lag der Reiz. Im Vergleich zur „Traviata“, die in einem großen Raum, an einem Ort der öffentlichen Begegnung inszeniert wurde, haben wir diesmal die größte Privatsphäre des Menschen, seine Wohnung, aufgesucht. Das wollte ich nutzen. Und nicht nur das Wohnzimmer oder der Garten, sondern auch die enge Küche.
Inwiefern konnten Sie in dieses kleinbürgerliche Ambiente die Stimmung von Puccinis Bohemiènviertel Montmartre übertragen?
Ich habe mir natürlich auch darüber viele Gedanken gemacht. Ich entschied mich für historische Kostüme, beließ die Maske aber sehr dezent, verzichtete auf Perücken. Die Kamera geht sehr nahe ran, ich wollte auch nicht die große Geste des Sängers, es sollte realistisch aussehen. Die Sänger mussten sich dessen bewusst sein. Es findet ja alles in einem wesentlich kleineren Rahmen statt als auf der Bühne. Wichtig war für mich gar nicht so sehr Puccinis Geschichte der Bohemièns im 19. Jahrhundert, sondern dass es Oper zur „Prime time“ ist. Oper soll für ein ganz breites Publikum zugänglich gemacht werden. Aber nicht, indem man die Oper auf heutige Verhältnisse frisiert, sondern, indem man sie selbst in das Lebensfeld dieser Menschen stellt.
Ein logistisch ziemlich kompliziertes Unterfangen
Oh ja und natürlich auch ein Experiment. Ich möchte, dass Parallelwelten entstehen. Man möge sich vorstellen: Opernfigur Shaunard kommt mit dem Essen für die Freunde nach Hause, die packen das am Tisch aus, dann kommt die echte Hausfrau des Hauses, sieht die Wurst offen auf dem Tisch liegen und tut sie in den Kühlschrank. Ich möchte beide Welten nebeneinanderstellen, ohne dass sie Kontakt miteinander aufnehmen.
Moderatorinnen werden durch die Sendung führen
Sie haben mehrere Funktionen: zum einen führen von Bild zu Bild, schalten sich zum Teil auch zwischen die Szenen ein, damit die Leute eine Vorstellung haben von dem, was geschieht. Unter anderen werden auch Interviews mit den Solisten und mit Statisten und den Bewohnern des Hauses gemacht.
Also wenn Mimi und Rodolfo die Liebesszene hinter sich haben, dann kommt der Moderator und fragt: „Wie war es?“
Nicht ganz so krass, aber im Prinzip ist das schon richtig. (Lachen)
Damit könnte man die Oper aber auch ad absurdum führen?
Ja, das könnte man. Ich glaube aber nicht, dass das passieren wird, weil man mit der Kamera eine Intimität schafft, die so auf den Figuren ruht, das man die Geschichte wahrhaftig erlebt.
Inwieweit unterscheidet sich Ihre Arbeit von der des Fernsehregisseurs Fred Breisach?
Ich frage mich: was bewegt die Figuren, wie möchte ich dies zum Ausdruck bringen, wie bewegen sich die Figuren im Raum? Herr Breisach wiederum wird die Bilder, die ich im Kopf habe, mit der Kamera umzusetzen. Er hat natürlich eine wahnsinnig wichtige Aufgabe. Er ist am Abend derjenige, der entscheidet, welche Kamera, welches Bild gesendet wird. Und da alles Live ist, muss er sehr schnell entscheiden. Ich gebe ihm die Vorlage, er muss mit der Vorlage arbeiten. Es ist die Arbeit eines Regisseurs mit dem Material eines Regisseurs. Er wäre natürlich in der Lage, alles was ich inszeniert habe, völlig anders zu deuten. Das wird er aber nicht tun, denn er ist bereits bei den Proben dabei. Dennoch bleibt es spannend bis zuletzt. (Lachen)
©2009 von Teresa Pieschacón Raphael
Erstellt: 25-09-09
Letzte Änderung: 01-10-09