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Maestro - 18/11/09

Interview mit der Sängerin Anja Silja

Seit über 50 Jahren ist die außergewöhnliche Sängerin eine prägende Figur im internationalen Opernbetrieb. Interview mit Anja Silja.

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-Bereits als Kind galten Sie als ein "Wunderkind“. Ein Segen oder eine Last?
Weder noch, es war etwas Selbstverständliches. Ich bin ja nie in die Schule gegangen, jedes Kind produziert sich gerne, spielt Theater, ich habe es als Spaß gesehen.

-Mit zehn standen Sie zum ersten Mal auf der Bühne, können Sie sich noch daran erinnern?
Ach, man weiß nicht, ob man sich daran erinnert oder ob jemand einem das erzählt hat. Ich weiß nur, wenn die Leute sich schon ins Konzert aufmachten, um mich zu sehen, und ich spielte zu dem Zeitpunkt noch im Sand, dann sagte ich denen nur: „Ich habe ja noch eine halbe Stunde Zeit“. Es war alles ein Spiel, deshalb hatte mein Großvater mich auch aus der Schule genommen, damit ich meine Unbefangenheit behalte.

-Wie kam es dazu, dass Sie nicht mit den Eltern aufwuchsen?
Ich bin Jahrgang 1940. Meine Mutter war Truppenbetreuerin, sie war ja Schauspielerin, und als sie zurückkam, hatte mein Großvater bereits mit meiner Gesangsausbildung begonnen und wollte mich sozusagen nicht zurückgegeben. Viele Briefe gingen hin und her, es kam fast zum Prozess. Meine Mutter war bei meiner Geburt schon geschieden, deshalb habe ich meinen Vater kaum kennengelernt, erst als Erwachsene.

-Welche Erinnerungen haben Sie an das Nachkriegsdeutschland?
Wir sind außerhalb von Berlin aufgewachsen, wir hatten das Glück, dass kultivierte Russen unser Haus belagert haben, der eine war Pianist, der andere Geschäftsmann, sie waren sehr nett, haben uns mit Schokolade gefüttert. Es war ruhig. Mein Bruder und meine Mutter, die mitten in Berlin waren, haben ganz andere Erfahrungen. Da war ja alles kaputt. Doch an die Ruinen erinnere ich mich auch. Vor der Wende, wenn ich Ruth Berghaus besuchte, die außerhalb von Berlin lebte, dann war das wie in meiner Kindheit. Mitten im Feld ein Posten, eine Bus-Haltestelle, und sonst nichts. Da habe ich mich gleich wie zu Hause gefühlt.

-Sind Künstler, die in ihrer Jugend schwere unsichere Zeiten erlebten, anders geprägt als jene, die ihre Karriere in demokratischer Sicherheit regelrecht planen können?
Heute geht man alles kommerzieller an, obwohl jetzt schon wieder eine ganz junge Generation heranwächst, die das nicht so sieht. Vielleicht hatten wir mehr Disziplin, mehr Bescheidenheit und mehr Demut, das sind ja Worte, die man heute gar nicht mehr benutzt. Auch Begriffe wie Autorität sind heute nicht mehr gängig, obwohl doch damit ein Mensch beschrieben wir, der Kraft und Stärke und etwas zu sagen hat.

-Wieland Wagner war eine Autorität, er nannte Sie gar "die Kindertrompete“!
Weil meine Stimme Resonanz hat, es war eigentlich ein Scherz, ich selber wusste ja nicht, als ich nach Bayreuth kam, ob die Stimme groß genug ist für das Haus.

-Zwanzig Jahre alt waren Sie, als Sie nach Bayreuth kamen.
Mein Großvater war ein großer Wagnerianer. Für mich war es selbstverständlich, dass man in Bayreuth Wagner singt und nicht anderswo. Heute pilgern die Menschen dorthin und sehen dies als Höhepunkt einer Karriere. Das war es bei mir nicht, das liegt aber nicht daran, dass ich besonders mutig war, sondern ich hatte das Gefühl, nur dort muss man dieses Repertoire singen. Peu à peu habe ich das gesamte Wagner-Repertoire, alle Rollen gelernt. Habe erfahren, dass es Schwierigkeiten gibt, die waren ja sehr gegen mich, die etablierten Sänger.

-Auch wegen Ihrer Beziehung zu Wieland Wagner?
Ja. Jeden Tag stand etwas in der Zeitung über mich, und was für Artikel! Aber ich hatte Wieland hinter mir, der alles heruntergespielt hat; labilere Menschen wären daran gescheitert. Man braucht viel Stärke für diesen Beruf. Doch mit einer relativen Unbefangenheit habe ich es dann auch geschafft zu ihnen, zu der Wieland-Zeit in Bayreuth zu gehören. Ich wurde selbstbewusster im künstlerischen Sinne, denn im alltäglichen bin ich es gar nicht so. Ich betrete nicht gerne einen Laden alleine. Auf der Bühne aber fühle ich mich sicher. Da wusste ich immer, was ich kann.

- Sie haben stets von Menschen gelernt und nicht von Institutionen?
Da ich bei meinen Großvater aufgewachsen bin, hatte ich eine andere Beziehung zu älteren Menschen als andere. Das waren sehr große Persönlichkeiten, ich wollte das auch und fragte viel. Ich lese fast ausschließlich Biographien, das ist meine große Leidenschaft.

- 26 Jahre alt waren Sie, als Sie wieder gingen, mit Erfahrungen, die für drei Leben gereicht hätten.
Ja vor allen Dingen, was ich schon gesungen hatte! Das machen viele in ihrem ganzen Leben nicht. Wieland hat eine Inszenierung an die andere gereiht, vielleicht weil er wusste, dass er nicht viel Zeit hat, für mich viele sehr große Rollen. Nach dem Tod von Wieland und André Cluyton wollte ich zunächst nicht mehr, obwohl ich andererseits auch die Verpflichtung und das Gefühl spürte, für die beiden weitermachen zu müssen.

Normalerweise fängt mit 26 Jahren erst die Karriere an. Was konnte das bisher Erlebte noch übertreffen?
Die Geburt meiner Kinder aus meiner Ehe mit Christoph von Dohnanyi brachte mich in eine ganz andere, ja heile Welt – sprich eigenes Haus, Garten. Nach 25 Jahren aber scheiterte die Ehe.

Nicht aber Ihre Laufbahn, Dennoch habe ich Sie irgendwo sagen hören, Sie wollten als Sängerin nicht alt werden!
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man ewig so singt, ich bin ja schon 40 Jahre dabei. Aber ich kann Ihnen auch nicht mehr sagen, wie ich das gemeint habe. Nach Wielands Tod wollte ich tatsächlich aufhören, ich konnte mir tatsächlich keinen anderen Regisseur für mich mehr vorstellen.

Dennoch ging es weiter. Wie ist es Ihnen gelungen, Ihre Stimme zu erhalten?
Die Ausbildung war einfach sehr fundiert, mein Großvater hatte mit mir ja angefangen, als ich sechs Jahre alt war, und er ist gestorben während einer Vorstellung in Bayreuth. Da war ich auch schon fast 23. Während dieser Zeit habe ich fast täglich Unterricht bekommen. Ich weiß genau, wie man eine Stimme benutzt. Eine Stimme ist auch nur ein Muskel, der immer wieder trainiert werden muss, wie bei Sport. Viel Bewegung ist wichtig, und wach, aktiv zu sein.

-Viele Sänger werden in die falschen Rollen gedrängt ...
Ja. Einige scheitern auch an sich selbst. Man dar sich nicht so vermarkten lassen. Damals klopfte sogar Hollywood an, aber mein Großvater hat das einfach nicht zugelassen.

-Dennoch sind Sie zur Legende geworden, wie lebt es sich damit?
Ja, ich merkte dies, als ich ‚Lohengrin’ in Brüssel inszenierte, meine erste Regiearbeit. Eine Darstellerin, die an sich eine sehr gute Sängerin war, tat sich sehr schwer mit mir, litt an einer Art ‚Anja Silja-Frustration“ und sagte immer, sie können neben mir nicht bestehen. Das tat mir leid und ich habe mich bemüht, aber es ging nicht. Jetzt habe ich gerade ‚Pique Dame’ in Turin inszeniert mit einer russischen Besetzung. Hier hat die Bewunderung für mich die Menschen eher beflügelt, sie waren bereit, alles zu geben. Für andere ist es eine Bürde. Jetzt bin ich jenseits von Gut und Böse. Ich finde das blöd, jeder wird doch zur Legende, der über sechzig ist. Auch Rex Gildo wurde zur Legende. Ich bin die letzte Überlebende der sogenannten Bayreuther Goldenen Zeit um Wieland Wagner. Da bin ich auch sehr stolz drauf.

-Letzte Frage: Was halten Sie von der Niveaulosigkeit, mit der die Nachfolge von Wolfgang Wagner in Bayreuth gehandhabt wurde?
Ja, ich fand es schrecklich. Aber ich bin mit Eva Wagner Pasquier befreundet, die andere kenne ich nicht. Es ist sehr problematisch.
©2009 Teresa Pieschacón Raphael (Juni 2009)

Erstellt: 24-06-09
Letzte Änderung: 18-11-09