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Maestro - 24/09/10

Interview mit der Sopranistin Elina Garanca

von Teresa Pieschacón Raphael


Die lettische Mezzo-Sopranistin Elina Garanca singt unter der Leitung von Mariss Jansons mit dem Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam Arien von Mozart, Bizet und Chapi.
Sendung auf ARTE am Sonntag, den 26. September 2010 um 19.15 Uhr.
Ein Porträt der Sängerin folgt am Montag, den 27. 9. 2010 um 21.50 Uhr !
Ab November wird Elina Garanca auf ARTE die monatliche ARTE Lounge-Sendung moderieren.

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- Sind Opernsänger wirklich faul wie Sie in einmal in einem Interview gesagt haben?

Oh, ja. Es kostet so viel an Energie, Emotion, Konzentration, um eine Carmen zu tanzen und zu singen. Vielen reicht einfach dazustehen und Klack Klack zu machen. Für mich aber nicht. Ich stachele mich und die anderen Künstler bei den Proben an. Frage dann direkt: also, alles ok? Aufwachen! Zusammenarbeiten, etwas Neues finden! Aber viele kommen, singen und das war es dann. Aus die Maus.

 

- „Auf jeden Letten kommt ein Lied" heißt es in Ihrer Heimat, unzählige Dainas (lettisches Volkslied) umfasst das Volksliederbe!

Ja, das ist eine ganz eigene Kultur, ein riesiges Erbe. Einmal im Jahr, am 23. Juni, findet ein riesiges Singfest, statt, da kommen Tausende hin, alle in Trachten, auch ich war oft dabei, mit dem Chor  meines Vaters, habe viel erlebt. In der ganzen Stadt wird dann gesungen, ob in der Straßenbahn, im Park, im Taxi. Bis vier Uhr früh geht das, durchgehend, es wird nicht geschlafen. Die Nacht vom 23. Juni ist die  kürzeste  im Sommer, da schläft keiner, da wird nur gesungen, Bier getrunken, Käse gegessen, Feuer gemacht. Alle warten, bis die Sonne aufgeht.

 

- Wollten Sie schon immer Sängerin werden?

Nein, eigentlich wollte ich Schauspielerin werden.  Aber ich wurde abgelehnt. Damals hieß es, ich hätte kein Talent, inoffiziell aber war ich wohl vielen viel zu dick und zu groß. Die Schauspielerinnen damals in Lettland hatten wie Kate Moss auszusehen. Ich war ganz anders. Beim Vorsprechen war ich natürlich gehemmt. Ich kann nicht einem Interviewer irgendetwas vorspielen. Das wäre zu anstrengend, etwa für Sie mal die brave Charlotte mit Zöpfen zu sein, oder die sinnliche Carmen,  die ich gerade in München interpretiere. Natürlich verstellt man sich immer etwas, wenn man in die Öffentlichkeit tritt, aber  Ehrlichkeit ist ungeheuer wichtig.

 

- Was Sie oft auch auf erfrischende Weise in Interviews sind.

Bei Interviews bin ich manchmal ehrlicher als ich sein sollte. Das liegt vielleicht daran, dass ich mit meinem Image der „kühlen Blonden“ aufräumen möchte.  Ich weiß nicht woher das kommt. Sind es meine blonden Haare, meine Erscheinung, meine große Stirn, dass ich kräftig gebaut bin, meine Größe 1,75? Mein Selbstbewusstsein macht oft den Eindruck, dass ich unnahbar bin. Aber ich bin es nicht. Gleichzeitig ist ein Gespräch, ein Foto, oft nur eine Momentaufnahme, ich will dass die Leute mich auf der Bühne besser verstehen.

 

- Was hilft Ihnen?

Es ist ja auch ein großer Teil von mir selbst, den die Menschen da auf der Bühne sehen und hören. Ich kenne ja all diese Leidenschaften, die Verzweiflung, den Hass und die Eifersucht, der Opernfiguren; ich brauche natürlich nicht jemanden zu ermorden, um einen Mörder glaubwürdig zu spielen. Aber wenn ich so etwas machen müsste, dann würde ich schon in Kontakt mit der Familie eines Mörders treten oder einen Häftling besuchen, um etwas herauszufinden. Die menschliche Psychologie interessiert mich sehr und auch die Frage: warum reagieren wir so oder so? Ich liebe es, Menschen zu beobachten, die etwas vorspielen. Irgendwann, ein paar Sekunden vielleicht, sieht man, warum dieser Mensch sich so verstellen muss.

 

- Viele Sänger behandeln ihre Stimme wie ein rohes Ei. Hatten Sie je Angst um Ihre Stimme?

Eine zeitlang war das so, da dachte ich mir: oh, jetzt kann ich kein Eis essen. Irgendwie war mir das dann zu anstrengend, vor einem Jahr habe ich damit aufgehört. Natürlich werde ich im Winter vor einer Premiere nicht barfuss durch den Schnee gehen. Ein Chirurg wird sich ja auch nicht vollaufen lassen vor einer Gehirnoperation.

 

- Ich hoffe nicht (Lachen)

Das sind professionelle Dinge, die man einhalten muss. Die Stimmbinder sind zwar fein und filigran und es ist mein Beruf, aber ich bin auch ein Mensch. Mit dem Alter wird man selbstbewusster, gewinnt Sicherheit durch eine solide Technik. Ich weiß, ich kann mich darauf verlassen, auch wenn die Stimme ein bisschen knarzt.

 

- Sie singen auf Französisch, dessen Phonetik die Sänger oft vor schwierige Artikulationsprobleme stellt. Wie haben Sie das gelöst?

Man arbeitet mit verschiedenen Coachen, mit Kollegen. Nobody ist perfekt, für Französisch braucht man viel Zeit. Bei mir funktioniert auch vieles visuell. Dennoch bleibt es sehr viel Arbeit, stets weiß man nicht wohin mit der Zunge und den Lippen.

 

- Was ist schwieriger darzustellen:  Laszivität, Tragik oder Komik?

Die Komik ist am schwierigsten. Bestes Beispiel ist Mr. Bean. Wir lachen uns über ihn zu Tode, weil er nicht rumblödelt, sondern weil er so ernst ist. Die Tragik kommt  von alleine, wir alle kennen Verlust oder Tod. Über sich selbst zu lachen muss man erst lernen, denn keiner will blöd da stehen. Wir Letten sind sehr stolz,  halten unseren Rücken ganz gerade, obwohl wir uns oft beugen mussten unter immer anderer Herrschaft, sei es unter den Deutschen, den Russen, den Wikinger, Skandinaver. Unser Stolz blieb und unser Realismus; das hilft mir im Opernbetrieb.

 

-Wieso?

Diese Welt kann sehr oberflächlich sein; was ich dort mache ist Entertainment, das wahre Leben aber  ist in meinen eigenen Garten in Spanien. Ich jäte Unkraut, zerkratze mich an Rosen, ziehe meinen eigenen Salat. Meine Kindheit verbrachte ich im Sommer bei meinen Großeltern, wo ich Kühe gemolken und Schafe gehütet habe. Meinen Freundinnen sage ich immer: Ich bin die beste singende Melkerin und die beste melkende Sängerin.

 

- Sagen Sie es nicht so laut, sonst kommt bald das Fernsehen und dann müssen Sie Kühe melken.

Bei Thomas Gottschalk, im Abendkleid?! Gute Idee. Das wäre doch was. Die Garanca gewinnt die Wette…

 

- Jetzt aber werden Sie erst einmal im November gemeinsam mit Patrice Bouédibéla die ARTE-Lounge moderieren und auch singen!

 Ja, ich freue mich sehr darauf. Zu Gast werden wir die "12 Cellisten" der Berliner Philharmoniker haben, die Pianistin Lise de la Salle sowie den französischen Rapper und Sänger FéFé.

©2010 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 24-09-10
Letzte Änderung: 24-09-10