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(Lachen) Mein Gott, wer hat denn das geschrieben?
-Ein männlicher Kollege der „Welt“...
(Lachen) Eine Frau hätte bestimmt ganz anders formuliert, obwohl ich zugeben muss, dass Prokofjews Werk ja ganz schön teuflisch ist.
-Alfred Brendel hat 2001 ebenfalls eine wunderbare Kritik über Sie geschrieben, wenn auch nicht in diesem Ton. Was halten Sie überhaupt von Kritiken, helfen sie einem Künstler weiter oder nicht?
Die Kritik von Alfred Brendel war für mich sehr wertvoll und ich habe mich sehr gefreut. Ich musiziere ja mittlerweile auch mit seinem Sohn. Man muss allerdings Distanz zu den Kritiken halten. Zu Konzerten lese ich seltener Kritiken, weil ich dann auch schon wieder weg bin. Es ist nett, wenn man eine gute Kritik bekommt, aber ist das wirklich so entscheidend? Ich bewundere immer die Agenturen, wie sie aus den gesammelten Kritiken große dicke Mappen daraus machen.
-Sie hören auf den georgischen Namen Batiashvili. Was bedeutet das?
Die Endung shvili ist immer ‚Kind von’. Und Batia ist einfach ein Name.
-Sie kamen 1991 mit 12 Jahren nach Deutschland. Haben Sie viele Erinnerungen an Ihre Kindheit in Tiflis?
Ja sehr, sehr viele und vor allen Dingen sehr starke. Meine Mutter ist Pianistin und Lehrerin, mein Vater Geiger und hat seit vierzig Jahren ein Streichquartett (Georgisches Streichquartett) in der gleichen Besetzung. Die haben sehr oft bei uns geprobt. Er hat mich bis zum elften Lebensjahr unterrichtet. Schon mit vier habe ich auf der Bühne gestanden und das war für mich sehr natürlich, denn mit zwei hatte ich bereits angefangen, mich mit der Geige zu beschäftigen.
-Die Musikerausbildung in der damaligen Sowjetunion galt seinerzeit als sehr intensiv und sehr gut.
Ja, das stimmt. Auch danach versuchte man noch daran festzuhalten. Doch dann änderten sich die Dinge, die Mentalität der Gesellschaft. In den Schulen von Georgien, auf denen auch ich war, stand die Musikschule neben der normalen Schule. Beide Systeme ergänzten sich und waren aufeinander eingespielt; man wurde bereits als Kind schon zum Musiker erzogen, und nicht wie hier, wo man erst einmal auf das Gymnasium geht und Abitur macht und erst dann entscheidet, ob man auf die Musikhochschule kommt. In diesem Sinne war es viel einfacher, man wusste, wir sind Musikerkinder und wurden auch unterstützt. Das Problem war eher: es gab wenig Kontakt zur Außenwelt, d.h. für mich war es immer sehr sehr wichtig, was in Europa los war.
-Inwiefern hat die kommunistische Politik eine Rolle in Ihrer Kindheit gespielt?
Kaum ein Mensch, den ich kannte, hat nicht unter dem System gelitten. Als Kind musste ich natürlich diese Pionieruniformen tragen mit diesem roten Tüchlein (Lachen). Und dann mussten wir natürlich auch an Paraden teilnehmen und Kommunistensprüche nachplappern. Kein Mensch hat daran geglaubt, wenn Lehrer uns irgendeinen Quatsch erzählten, in der Art: ‚Wenn ihr mal in den Westen kommen solltet, und euch jemand einlädt, dann dürft ihr kein Essen annehmen’. Das Verhältnis von Georgien zu Russland war immer sehr angespannt und natürlich hat man auch das gespürt. Andererseits, wenn man als Kind nichts anderes kennt, sondern die Dinge nur vorgeschrieben bekommt und alles irgendwie auch so funktioniert, dann stellt man auch vieles nicht in Frage und kommt irgendwie zurecht.
-Welcher war der Anlass dann das Land zu verlassen?
Mein Vater wusste durch seine vielen Konzertreisen, wie es im Westen zuging. Dennoch war es ein jahrelanger innerer Prozess. Schließlich wollten meine Eltern auch für uns Kinder mehr Chancen. Für meinen Vater war rs eine unglaublich harte Entscheidung, weil er das Quartett und seine Arbeit an der Musikhochschule verlassen musste. Er ist eine ziemlich wichtige und bekannte Figur im georgischen Musikleben und in Deutschland musste er dann an einer Musikschule Anfänger unterrichten. Das war sehr hart für ihn und auch der Grund, weshalb er sich pensionieren ließ und zurück nach Georgien ging. Sein Quartett hatte natürlich auch Georgien verlassen, aber irgendwie war das alles nicht mehr das Gleiche. Ich verstehe sehr gut, dass er zurück wollte in seine Heimat. Meine Mutter lebt heute in Ingolstadt und unterrichtet dort.
-Was haben Sie aus Georgien damals mitgenommen?
(Lachen) Mich selbst. Anfangs war es sehr schwierig für mich. Es war alles so anders, ich könnte gar nicht mal sagen, ob positiv oder negativ. Ich kam direkt auf ein deutsches Gymnasium nach Hamburg und habe sehr gute Erfahrungen gemacht, obwohl ich zunächst nichts verstanden habe. In Bayern wäre ich bestimmt zuerst auf eine Schule mit Förderunterricht gekommen. Der größte Schock aber war eigentlich der Wechsel drei Jahre später von Norddeutschland nach Bayern an ein naturwissen-schaftliches Gymnasium in Ingolstadt. (Lachen) Ich hätte nie gedacht, dass man hier wesentlich konservativer ist als im Norden. Und diese unfreie Art zu unterrichten erinnerte mich eher dann an das alte Sowjet-Prinzip, das ich allerdings so auch nicht miterlebt habe. Ich habe dann meinen Schulabschluss an einer georgischen Schule extern gemacht, also von hier aus, um ein Diplom für die Hochschule zu haben. Dann hatte ich das große Glück zu Anna Chumachenco zu kommen und ihr vorzuspielen zu dürfen.
-Sie kamen also in eine berühmte Talentschmiede der Ana Chumachenco, aus der ja derzeit Stargeiger wie am laufenden Band herauskommen.
Vor allen Dingen Stargeigerinnen! Etwa Julia Fischer, Arabella Steinbacher, Susanna Yoko Henkel. (Lachen) Vor kurzem sagte sie mir aber auch, sie habe jetzt auch sehr gute männliche Studenten.
-Was ist das Besondere an ihrem Unterricht?
Sie hat eine klare Einstellung zu den Dingen, ist weise und großzügig und sehr menschlich. Sie ist natürlich dadurch bekannt geworden, weil innerhalb von zehn Jahren viele ihrer Schülerinnen berühmt wurden. Unter diesen Umständen kommen dann ja auch die Leute zu einem.
-Sie wie auch Ana Chumachenco wurden in der „Russischen Schule“ unterwiesen, Ich habe viele Geiger gefragt, doch keiner konnte mir wirklich erklären, was diese Geigerschule wirklich bedeutet.
Ich habe viel mit Frau Chumachenco darüber gesprochen. Es handelt sich hier um ein bestimmtes Übungssystem, dem man folgen muss, um auf eine bestimmte Art und Weise spielen zu können. Ich muss dabei an bestimmte Stücke denken; für deren Vorbereitung wird eine feste Zeit vorgeschrieben, um etwa Tonleitern oder andere Techniken zu üben. Es ist ein sehr klares System, aber mittlerweile hat man auch festgestellt, dass jeder sich selbst einschätzen lernen muss, um das richtige effiziente System zu finden. Man muss sich selbst vertrauen und eigene Verantwortung übernehmen. Wenn man älter ist und noch andere Prioritäten als die Geige hat, wie etwa ich mit meiner Familie, dann muss man lernen, mit der Zeit hauszuhalten.
- Welche Gedanken verknüpfen Sie mit Sibelius’ Violinkonzert, das Sie jetzt auf ARTE unter der Leitung von Sakari Oramo zum 50. Todestag spielen?
Zum ersten Mal spielte ich es beim Sibelius Wettbewerb 1995, das war eine ganz besondere Erfahrung. Da war ich 16 Jahre alt, lebte bereits seit einem Jahr in Bayern und ich dachte mir nur: ‚Mein Gott, ist das ein schönes Konzert’! Dann habe ich es mit vielen anderen Dirigenten gespielt, doch nie wieder als so schön, so natürlich empfunden, wie damals unter der Leitung von Sakari Oramo (Lachen), mit dem ich es auch für Sony aufgenommen habe - was übrigens nicht heißt, dass ich nicht tiefen Respekt für die anderen Dirigenten empfinde. Das Konzert ist eine Liebeserklärung an das Publikum.
Interview: Teresa Pieschacón Raphael
Aktuelle CD: Fokus Finnland
Lange Zeit verband man die Musiknation „Finnland“ ausschließlich mit dem Namen Jean Sibelius. Mit Komponisten wie Magnus Lindberg, Esa-Pekka Salonen und Kaija Saariaho ist eine Generation nachgerückt, die international längst zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen Musik gezählt wird. Ihre undogmatisch sinnliche und farbenreiche Klangsprache spiegelt sich besonders im Schaffen des 1958 in Helsinki geborenen Magnus Lindberg wider. Nach Solo-Konzerten für Klavier bzw. Violoncello hat Lindberg für die georgische Violinistin Lisa Batiashvili ein Violinkonzert komponiert, das von der Widmungsträgerin im August 2006 beim New Yorker „Mostly Mozart Festival“ uraufgeführt wurde. Obwohl das Violinkonzert für die im 18. Jahrhundert übliche Orchester-Besetzung komponiert wurde, steht es mit seiner Expressivität und Virtuosität in der Tradition des berühmten Violinkonzertes von Jean Sibelius. Für ihr Sony Classical-Debüt hat die mehrfache Preisträgerin Lisa Batiashvili (u.a. Beethoven-Preis Bonn) jetzt das 1905 uraufgeführte Violinkonzert von Sibelius neben die Weltersteinspielung des Lindberg-Konzertes gestellt. Seitdem Lindberg Lisa Batiashvili 1995 beim Sibelius-Wettbewerb in Helsinki zum ersten Mal gehört hat, wo sie als 16-Jährige mit dem Sibelius-Konzert den zweiten Preis gewonnen hatte, ist Lindberg von der jungen georgischen Geigerin fasziniert.
Begleitet wird die 28-jährige Wahl-Münchnerin von dem Finnish Radio Symphony Orchestra unter seinem Chefdirigenten Sakari Oramo. Das Orchester feiert im Herbst 2007 sein 80-jähriges Bestehen und hat inzwischen über 520 Werke uraufgeführt. Sakari Oramo zählt mit Salonen und Jukka-Pekka Saraste zu den erfolgreichsten finnischen Dirigenten. 1999 wurde er als Nachfolger von Simon Rattle zum Musikdirektor des City of Birmingham Symphony Orchestra berufen. Seine Aufnahme mit Werken von Magnus Lindberg wurde 2006 mit dem renommierten Classic FM Gramophone Award ausgezeichnet.
Lisa Batiashvili: Sibelius / Lindberg
Sony BMG 88697129362
(2007)






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