Über Carl Maria von Webers „Freischütz“ denke ich schon sehr lange nach. Ich glaube, der erste Plan entstand um das Jahr 2000 und ich war 2001 eigentlich mit dem Regisseur Herbert Wernicke auch einig, dass wir den Freischütz zusammen machen, übrigens auch schon damals mit der Idee, Thomas Hengelbrock als Dirigenten zu gewinnen. Und dann ist Herbert Wernicke leider 2002 verstorben, so dass sich die Idee zunächst nicht weiter konkretisieren ließ. Ich habe mit dem Freischütz immer auch insofern ein gewisses Problem gehabt, weil ich nie einen naturalistischen Freischütz machen wollte, so wie es in den sechziger und frühen siebziger Jahren üblich war. Aber alle Versuche, die ich kenne, den Freischütz zu aktualisieren, scheiterten meist am Werk, wie für mich zuletzt 2007 in Salzburg die Falk Richter-Inszenierung gezeigt hat, die für mich einfach ein Bubenstück war und gar nicht so lustig.
In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns: Man tastet sich entlang der traditionell-naturalistischen Kitschgrenze vor – Stichwort „Deutscher Wald“, der natürlich eine enorm wichtige Rolle spielt, aber eben nur als Hintergrundfolie. Oder man beachtet das in meinen Augen bei dieser Oper durchaus sinnvolle Aktualisierungsverbot, weil die angestrengten Aktualisierungen das Werk seines inneren Kerns berauben. Und der Kern ist das Mystische, ist der deutsch-romantische Hintergrund, der bei jedem Aktualisierungsversuch auf der Strecke bleibt.
Und dann kam eben die Idee, ich weiß gar nicht mehr, ob im Zusammenhang mit einem Video von Wilsons „Black Rider“, Bob Wilson direkt zu fragen. Schließlich beschäftigt er sich schon seit so vielen Jahren mit diesem Stoff, aber niemand hatte ihn bisher gefragt, die Oper von Weber auf die Bühne zu bringen. Ich habe mir gesagt, diese symbolistische Herangehensweise von Wilson, die Distanz und Stilisierung, die sowohl dem aktuellen wie dem historischen Hintergrund einbezieht, das ist vielleicht eine Chance, das Werk heute neu zu sehen und dabei auch den Akzent sehr stark auf das Musikalische zu legen. Dazu ermutigt hat mich natürlich auch die sehr eindrucksvolle Aida-Arbeit von Wilson, die in Brüssel entstanden war, und die wir hier in Baden-Baden gezeigt haben.
Und Robert Wilson war auch gleich für diese Idee zu gewinnen, nachdem er sich schon so lange mit dem Thema beschäftigt hat, jetzt auch die Oper selbst zu inszenieren?
Nun, ich kenne Bob Wilson schon sehr lange, und wir hatten bei der Aida darüber gesprochen, wie es wäre, ein großes Werk in Baden-Baden auf die Bühne zu bringen. Da hatte ich schon im Hinterkopf den Freischütz, und als ich dann die Oper nur erwähnte, war er sofort elektrisiert. Also es war in diesem Fall kein großes Kunststück, Bob Wilson zu gewinnen!
Was könnte es sein, was Robert Wilson als Regisseur an dieser Oper so fasziniert, dass er diesen Stoff nach "Black Rider" erneut aufgreift?
Ich glaube, dass das Thema der Romantik ihn immer schon sehr interessiert hat, zumal er in seiner Stilistik eigentlich das pure Gegenteil dazu macht, also zu den ausgelebten Emotionen auf der Bühne. Er friert die Charaktere geradezu ein, spielt aber gleichzeitig immer mit den Antinomien, die in den Rollen angelegt sind, zwischen Bosheit, Hass, und auf der anderen Seite der Liebesehnsucht.
Beide Pole sind Eckpunkte im Freischütz, und ich denke, dass dieses Spannungsfeld ihn besonders interessiert. Bob Wilson ist ja keiner, der viele Interviews gibt, aber wir haben natürlich viel geredet über das Werk und dabei sind auch spontan ganz spannende Sachen passiert. So kam ihm auch plötzlich der Gedanke, dass die Amsterdamer Modedesigner Viktor & Rolf die Kostüme machen sollten. Diese ziemlich hippen Holländer liefern mit ihren Entwürfen einen extremen Kontrast zu dem sehr abstrakten Bühnenbild, das wie immer bei Wilson auch im Freischütz zu sehen sein wird, und das mich schon jetzt schwer beeindruckt hat. Die Kostüme sind überbordend, üppig farbig, gleichzeitig auch sehr ironisierend in der Übertreibung. Man kann das vielleicht als einen Versuch sehen, eine gewisse Distanz zu dem naturalistischem Hintergrund des Werkes zu schaffen.
Wie das auf der Bühne funktionieren wird, das wird man dann bei der Premiere sehen, jetzt, wo wir dieses Gespräch führen, haben die Bühnenproben gerade begonnen. Da bleibt immer ein gewisses Restrisiko für den Intendanten, das man eingehen muss. Aber mit diesen künstlerischen Eckpunkten - Bob Wilson für die Regie, für das Bühnenbild und für das Licht, Viktor & Rolf für die Kostüme, und mit dem mir sehr eng verbunden Thomas Hengelbrock für die musikalische Realisierung – da sind wir sehr stark und aufregend besetzt.
Es gibt das berühmte Adorno Zitat in den Musikalischen Schriften, „Der Freischütz“ könne mit großer Berechtigung als die deutsche Nationaloper angesehen werden, mehr noch als Wagners „Meistersinger“. Was ist so deutsch am „Freischütz“?
Das ist einfach der ganze Hintergrund der Frühromantik, der nirgendwo so stark ausgeprägt ist, wie in Deutschland. Das ist sehr stark verknüpft mit der deutschen Geschichte, von daher ist es kein Zufall, dass gerade diese Oper wie kaum eine andere so sehr mit der deutschen Seelenlandschaft verbunden erscheint – wenn man sie ungebrochen eins zu eins inszeniert. Aber so wird unser Freischütz mit Bob Wilson sicherlich nicht sein, nicht zuletzt eben auch durch die Kostüme. Im Vorfeld haben die Kostüme von Viktor & Rolf eine internationale Welle von Zeitungsartikeln und Spekulationen ausgelöst, was dieses Kostümdesign bedeuten könnte usw. Das war gar nicht gewollt, aber es entwickelte sich plötzlich von alleine. Ich nehme an, dass durch die Abstraktion des Bühnenbildes und des Bewegungsvokabulars bei Wilson, schon eine gewisse Distanz zu der deutschen Romantik geschaffen wird, und das brechen diese Kostüme wieder auf, die im Grunde genommen selbst hoch romantisch sind. Aber eben nicht im Sinne der naturalistischen Romantik, wo man Lederhosen und zweiläufige Gewehre erwartet, sondern in einem, wie ich hoffe, faszinierenden Spiel mit den Chiffren der Romantik. Wenn das eintreten würde, dann wäre die Inszenierung für mich gelungen.
Unterschätzen wir eins nicht: die Musik ist doch sehr romantisch - und damit meine ich jetzt nicht nur den Jägerchor, sondern die ganze Anlage des Werkes, die musikalische Dramaturgie. Das ist eine starke Bank und die wird nicht nur erkennbar bleiben, die wird in der Interpretation von Hengelbrock, im Gegensatz zu Wilsons Arbeit, sehr stark auf die Entstehungszeit bezogen sein, schon dadurch, dass die Musiker auf historischen Originalinstrumenten spielen werden.
Also die Musik wird mit dem tiefen, dunklen Klang den Urgrund der Romantik betonen, und ich glaube, dass da eine echte Überraschung im Orchester passieren wird. Das wird auch nicht zugedeckt werden durch riesige Streicherbesetzungen, was wiederum der Textverständlichkeit zugute kommen kann.
Es handelt sich beim „Freischütz“ um eine vollständige Eigenproduktion des Festspielhauses. Ist das jetzt eine Veränderung in der Programmpolitik, weg von Übernahmen und Gastspielen, hin zu mehr Eigenproduktionen?
Vielleicht überrasche ich Sie jetzt, aber wir haben in diesen 10 Jahren bestimmt 15, vielleicht sogar 20 eigene Produktionen gemacht, Produktionen, die vollständig hier in Baden-Baden entstanden sind. Ich erinnere nur an die Wagner-Linie, die dann gipfelte in dem neuen „Lohengrin“; wir haben neue Arbeiten zu Mozart gemacht, wir haben die Verdi-Linie angefangen mit dem „Rigoletto“ und dem „Falstaff“, und viele andere, kleinere Arbeiten auch. Richtig ist, dass wir zwar nicht schon seit vielen Jahren ein produzierendes Haus sind, aber es ist doch so, dass ich mehr und mehr daran arbeite, dass wir die Premieren von Co-Produktionen auch hier in Baden-Baden erarbeiten können. Schon aus purem Egoismus, weil ich dann natürlich in der Entstehungsphase mehr Einfluss nehmen kann, und es ist ja bekanntlich eines meiner Arbeitsprinzipien, jede Oper auch im Szenischen möglichst aus der Musik heraus entstehen zu lassen.
Beim „Freischütz“ gibt es eine Besonderheit in der Kooperation mit ARTE: ARTE überträgt die Oper am 1. Juni 2009 live im Fernsehen, aber ARTE zeigt die Oper gleichzeitig als Live-Stream im Internet und es gibt zusätzlich auf der ARTE-Website Backstage-Reportagen, Live- Interviews, Hintergrund-Impressionen. Glauben Sie, dass diese multimediale Form der Opernübertragung ein neues, vielleicht auch ein jüngeres Publikum an die Oper heran führen kann?
Ich kann mir schon vorstellen, dass sich die jüngere Generation über das Medium Internet auch von der Oper angesprochen fühlt, deshalb sollten wir dieses Experiment auch machen. Für uns hat es den Vorteil, dass die Live-Übertragung nicht nur im ARTE Sendegebiet - was schon groß ist - sondern praktisch auch weltweit, zeitgleich erlebbar gemacht wird. Das ist schon ein spannendes Experiment, was einige anderer Veranstalter ja auch versuchen, und wir haben mit ARTE dafür einen hervorragenden Partner – und jetzt schauen wir mal, wie das funktioniert.
Bei jeder Übertragung, ob im Fernsehen, auf DVD oder im Internet muss man ja auch Abstriche machen, das Live-Erlebnis ist nach wie vor nicht zu ersetzen. Aber es gibt eben auch die bereits genannten Vorteile der Multimedialität, die Sänger hautnah zu erleben, die Großaufnahme, die Backstage-Reportagen – das ist eine spannende Entwicklung. Ich fände es jedenfalls schön, wenn sich diese Form der Kooperation weiter entwickeln ließe.
Gibt es einen lang gehegten heimlichen oder weniger heimlichen Programmwunsch des Intendanten, der sich bisher noch nicht verwirklichen ließ?
Es gibt einen mittelfristigen Plan an dem ich kontinuierlich arbeite, das ist unserer eigener “Ring“, der soll jetzt 2013 starten, mit Christian Thielemann, und bei dem – um Ihre Frage gleich vorweg zu nehmen, die Regiefrage ist immer noch nicht endgültig entschieden ist. Andere Wunschträume, habe ich momentan eigentlich nicht, weil ich die meistens Sachen verwirklichen konnte, oder sie in den nächsten Jahren werde verwirklichen können. Manche Wünsche haben sich auch nicht verwirklichen lassen, weil die Mitspieler verstorben sind, wie der am Anfang unseres Gesprächs erwähnte Herbert Wernicke, oder es gab natürlich auch mal den Wunsch, etwas mit Carlos Kleiber zu machen.
Ich dachte bei meiner Frage auch mehr an die Moderne, an die Gegenwart. Gibt es da etwas, das Sie gern mal riskieren würden, denn die zeitgenössische Musik ist ja immer ein höheres Risiko?
Vor der Gegenwart steht eine Forderung von Pierre Boulez, der mir einmal sagte: “ Mensch Andreas, beschäftige dich erst einmal mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert!“
Ich bin da auch ganz folgsam und habe noch einen „Wozzeck“ von Alban Berg in der Planung, und dem folgt vielleicht eine "Lulu" und dann könnten andere Werke aus dem Zeitraum der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts folgen.
Ich denke schon, ein Uraufführungshaus wird das Festsspielhaus Baden-Baden vielleicht in 10 Jahren auch sein. Aber das hat bestimmte ökonomische Voraussetzungen, und wenn ich wie hier ein Haus mit 2500 Plätzen habe, und nur diesen einen, großen Saal, dann sind natürlich die Uraufführungen mit zeitgenössischen Komponisten nicht ganz einfach zu realisieren.
Interview: Thomas Neuhauser (Mai 2009)







per E-Mail verschicken







Facebook
Twitter
RSS

