Mit der fiktiven Aufarbeitung der Krawalle in den Pariser Vorstädten und speziell des tödlichen Zwischenfalls in Clichy-sous-Bois ist Philippe Triboit ganz bewusst ein Wagnis eingegangen. Ein Gespräch mit dem Regisseur, der die Realität aus der inneren Erlebniswelt heraus zu entschlüsseln versucht, ohne vorab ein Urteil zu fällen.
„Der Film zeichnet anhand der uns zur Verfügung stehenden Informationen die Ermittlungen der Ereignisse nach, die zum Tod der beiden Jugendlichen führten. Durch die Mischung von echten Beteiligten, die von Schauspielern dargestellt werden und erfundenen, fiktiven Figuren, soll dabei im weiteren Sinne auch das Klima spürbar gemacht werden, das zu einem der schlimmsten Ereignisse in der jüngeren Geschichte unseres Landes geführt hat.“ Marc Herpoux und Philippe Triboit
- War es nicht sehr gewagt, Fiktion und Realität so eng miteinander zu verknüpfen?
Als die Produzentin Fabienne Servan Schreiber uns den Vorschlag machte, „L’affaire Clichy“, das Tagebuch der Rechtsanwälte der Opfer, filmisch zu adaptieren, hatten Marc Herpoux und ich die Idee, den Blickwinkel noch zu erweitern und daraus auch eine Art „Polaroidaufnahme“ der Situation in den Vorstädten zu machen. Indem sie auch das innere Erleben an den Tag bringt, erlaubt die fiktive Umsetzung einen anderen Blick auf die aktuelle Geschichte als ein Dokumentarfilm – vorausgesetzt, dass man sich Grenzen setzt: Ein rigoroser Umgang mit den Fakten und mit der eigenen Moral. Wir haben uns deshalb ganz präzise an die Chronologie der Ereignisse gehalten und darauf geachtet, dass reale und fiktive Filmpersonen nie in ein und derselben Szene gleichzeitig auftauchen, um jeglichen Eindruck einer Verfälschung zu vermeiden. Lediglich der belgische Journalist, der als Augenzeuge keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge nimmt, trifft sowohl mit den realen als auch den fiktiven Figuren zusammen.
- Warum haben Sie der Version der Opfer Vorrang eingeräumt?
Da die Polizei in dieser Angelegenheit nicht auskunftsbereit ist und das Verfahren noch läuft, wollten wir nichts extrapolieren. Wir haben uns deshalb darauf beschränkt, ihre alltäglichen Empfindungen aus der Sicht von Sylvie darzustellen. Es ist eine Form der romanhaften Erfindung, wie auch im Fall von Ahmed, dem jungen Randalierer. Und, wie es auch im Film zum Ausdruck kommt, beginne ich langsam wirklich zu glauben, dass die Jugendlichen tatsächlich wegrennen, wenn sie Polizisten sehen und die Polizisten hinterherlaufen, wenn sie Jugendliche sehen, auch wenn sich meinem Eindruck nach inzwischen etwas zu ändern scheint an dieser gegenseitigen Verständnislosigkeit. Aber man muss auch sehen, dass dieser Film entstanden ist, um einen Ausgleich zwischen den Standpunkten zu erreichen und der Stimme der Opfer mehr Gehör zu verschaffen. Denn es war ja weitgehend die offizielle Version – die des Innenministers und der Polizei – die in den Medien kursierte, die heutzutage allzu schnell und ungeprüft berichten.
- Wie liefen die Dreharbeiten in Clichy-sous-Bois ab?
Nachdem wir von den Angehörigen der Opfer und der Familie des überlebenden Muhittin Altun die Genehmigung erhalten hatten, den Film zu drehen, wurden wir von dem Verein
Au-delà des mots unterstützt, der sich im Zuge der damaligen Ereignisse gegründet hatte. Ich glaube, es war den Leuten schon wichtig, dass sich Außenstehende um diese Affäre kümmerten und versuchten, Licht hinein zu bringen. Ich habe mich meinerseits darum bemüht, Bewohner des Viertels in unser Team zu integrieren und Statisten vor Ort zu rekrutieren. Die Dreharbeiten liefen dann auch sofort in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und des totalen Vertrauens ab. Und mit Unterstützung der Stadtverwaltung konnten wir die Szenen an den tatsächlichen Schauplätzen nachstellen. Alles in allem waren das wahrscheinlich die bisher einfachsten Dreharbeiten meines Lebens.
Das Interview führte Sylvie Dauvilliers.
BiografiePhilippe Triboit arbeitet seit 1980 fast ausschließlich für das Fernsehen. Er führte Regie bei mehreren Folgen verschiedener Fernsehserien wie „Engrenages“, „Trois femmes flics“, „Avocats & associés“ und „Madame la Proviseur“ und drehte einige Fernsehfilme, darunter kürzlich eine Adaption von „Bel ami“ (2005).