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Die Manns - Ein Jahrhundertroman - 31/01/05

Interview mit Armin Mueller-Stahl

(Thomas Mann)


Wann sind Sie zum ersten Mal mit Thomas Mann in Berührung gekommen?
Meine erste Begegnung war mit 18 Jahren, da habe ich die Buddenbrooks gelesen. Und zwar mit großem Vergnügen und mit großem Engagement. Ich fühlte mich von der Figur Grünlich geradezu umzingelt, weil er so plastisch beschrieben war.

Ich hatte einen Freund, mit ihm studierte ich Musik, der hatte beinahe ein fotographisches Gedächtnis. Er konnte immer sagen, Seite 124 da ist die Toni aus Travemünde gekommen, dann kam sie wieder Seite so und soviel usw.
Er hatte mich mit seinem fotographischen Gedächtnis angesteckt, so dass ich dachte, ich will das auch versuchen. Ich bemühte mich also krampfhaft, mir Situationen aus den Buddenbrooks bezogen auf die Seitenzahl zu merken, was mir allerdings nicht so gut gelungen ist.
Dann bin ich dem Thomas Mann aber entrückt, wenn man das so sagen darf. Erst hier, durch die Arbeit am Film, ist er mir wieder näher gekommen, und gleichzeitig verständlich geworden. Mit seinen Charaktereigenschaften, seinen Eitelkeiten, auch mit seiner Selbstverliebtheit, aber doch immer auch mit seinen großen Qualitäten. Damit hat er ein literarisches Werk mit großem Qualitätsanspruch geschaffen.
Leider sind das gar nicht mal nur angenehme Eigenschaften, da entdeckt man schon viele Eitelkeiten. Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, wie jemand überhaupt funktioniert, der ein Leben lang für das Nachleben schreibt. Auch das hat er alles wunderbar berechnet. In einem Punkt hat er einen Fehler gemacht. Er hat nicht darüber nachgedacht, wie es einmal für einen Schauspieler sein könnte, der ihn nach seinem Tod spielen soll. Darüber hat er nicht nachgedacht. Hätte er das getan, hätte er mehr Spuren hinterlassen, und es uns damit etwas leichter gemacht.

Sind Sie ihm durch die Lektüre der Tagebücher und bei der Arbeit am Film näher gekommen ?
Um die Wahrheit zu sagen, bin ich sehr gefesselt. Einmal ist es die Figur Thomas Mann selbst. Zum Zweiten ist es seine sehr komplizierte und zum Teil gedrechselte Sprache. Zum Dritten sind da die festen Arrangements, die ja schon vorher feststehen, wegen der eingeschnittenen Dokumentar-Aufnahmen, da wird ja nichts neu erfunden.
Aber, was die Frage andeutet, dass er im Tagebuch sehr expressiv war, zeigt nur eins, er hat ein Leben lang verdeckt gelebt, und explodiert ist er schriftlich, in seinem Tagebuch. Da ist er manchmal so offen, dass man sagt, bitte nicht ganz so offen sein. Also, so wie er über manche intimen Dinge schreibt, da denke ich, das will ich gar nicht wissen.
Das ist ein Zeichen dafür, dass er dort explodiert ist. In Wirklichkeit, also im öffentlichen Leben sind Thomas Mann und Klaus Mann beinahe eine Figur. Der eine hat extrem verdrängt und der andere hat alles extrem ausgelebt. All das sind die Widersprüche, die eigentlich in zwei Figuren sichtbar werden. Wir imitieren ja nicht. Ich leihe ihm - wenn Sie so wollen - meine Gefühle, meinen Körper, meine Hand.
Ich verändere ihn dabei auch, er spricht z.B. sehr präzise und überartikuliert. Das ist heute sehr schwer anzuhören, das kann man so nicht nachmachen. Da steigen die Zuschauer nach fünf Minuten aus. Ich habe wirklich studiert, wie er das gemacht hat. Und habe mir gesagt, das darf ich alles nicht machen, das passt zu ihm aber nicht zu mir.

Ich versuche, ehrlich zu sein, und dabei seine Würde zu erhalten, die er gehabt hat, und die er geschützt hat, gleichzeitig aber auch die Emotionen zu zeigen, die häufig bei ihm nicht sichtbar waren,

Wie kam es zu dem Entschluss, die Rolle zu übernehmen ?
Am ersten Abend habe ich den Breloer gefragt, was soll ich denn da spielen ? Er saß doch sein Leben lang hinterm Schreibtisch. Wenn wir da drei Folgen lang hinterm Schreibtisch sitzen, das kann doch kein abendfüllender Film sein.
Dann haben wir gesprochen. Ich muss gestehen, dass Breloers Begeisterung mich irgendwann angesteckt hat. Er ist ja auch ein wirklicher Kenner der Mann-Familie.
Für mich war es dann auch ein guter Anlass, nachdem ich jetzt zehn Jahre fast ausschließlich in Amerika gedreht habe, wieder mal nach Deutschland zu kommen, in deutscher Sprache etwas zu drehen. Darum habe ich ja gesagt. Ich habe mich dazu entschlossen, weil Thomas Mann in gewisser Weise, so eine deutsche Figur ist, die mich als Deutschen wieder nach Deutschland zurück holt.

Hat uns Thomas Mann über das literarische Werk hinaus etwas zu sagen, durch sein Leben, so wie er es geführt hat ?
Ich habe ja nun die Möglichkeit zwei mal auf Deutschland zu schauen. Einmal durch die Augen Thomas Manns, auf das Deutschland der Vergangenheit. Er war der wirkliche Antipode Hitlers, der wirklich ernst genommen wurde. Nicht nur als Literat, sondern als echter Antipode zu Hitler.
Und gleichzeitig darf ich ihn mit meiner Sicht sehen, weil ich ja auch Deutschland durch meine Augen sehe. Das finde ich eine gute Kombination. Was er uns heute zu sagen hat? In gewisser Weise hat er uns zu sagen, abgesehen natürlich von seinem literarischen Werk, das man hin und wieder seinen Mund aufmachen muss. Er hat gezeigt, dass man in gewissen Fragen Charakter haben muss, nicht immer nur gehorchen darf, wie eine Lokomotive auf dem Gleis, nicht links nicht rechts – dass man zu bestimmten Dingen hin und wieder seine Meinung sagen muss.

Interview: Thomas Neuhauser

Erstellt: 31-01-05
Letzte Änderung: 31-01-05