Die Insel der Gegensätze
Island - wie es noch vor Kurzem war: eine idyllische Insel hoch im Norden, zwischen Grönlandsee und atlantischem Ozean. Ein Traum für Freunde von Einsamkeit, Idylle und Elfen. Und dann kam die Finanzkrise.Die Banker in Island haben den Kasino-Kapitalismus auf die Spitze getrieben - und dabei das gesamte Land verzockt. Quasi über Nacht verloren Tausende ihre Ersparnisse. Der Staatsbankrott konnte nur durch internationale Hilfe verhindert werden. Bauprojekte wurden gestoppt, die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordniveau und die Währung befindet sich in freiem Fall. Keiner weiß, wie es weitergeht aber alle befürchten: Es wird noch schlimmer.
Island ist jetzt auch die Insel der Gegensätze. Während das Land zusammenbricht, feiert die Jugend als gäbe es kein Morgen. Auch wenn die isländische Krone im Ausland so gut wie nichts mehr wert ist - zu Hause reicht es noch für einen Rausch.
Die Sofa-Generation
„The good days“ - die guten Zeiten nennen die Isländer die Jahre im Überschwang vor dem Crash. Und die feiern manche ausgelassen. Aber nicht alle Jugendlichen geben sich damit zufrieden, ihr Land durch Bierkonsum zu retten. Studenten wie Jon proben den Aufstand lieber auf der Straße, statt im Pub. Mit ein paar dutzend Studenten will der 24-jährige heute die geplante Parlamentssitzung stören. Mit friedlichen Protesten fordern die Bürger nun schon seit fünfzehn Wochen den Rücktritt der ohnmächtigen Regierung. Jon und Co haben das Warten satt und wollen den Druck auf die Mächtigen erhöhen. Innerhalb weniger Stunden wird der überschaubare Protest zu einem Volksaufstand. Für die Polizei des friedlichsten Landes der Welt eine völlig neue Situation. Auch die Demonstranten müssen sich an diese Behandlung erst noch gewöhnen. Polizeigewalt kannten die meisten bisher nur aus Filmen. Jon wird brutal aus dem Verkehr gezogen und im Parlament festgehalten. Sechs Stunden später kommt er wieder frei und macht da weiter, wo er aufgehört hat. Immer noch protestieren hunderte Jugendliche und tanzen um das spontan entzündete Feuer. Für die jungen Demonstranten ist dieser Tag eine Erlösung. Sie haben sich selbst bewiesen, dass sie etwas bewegen können - und dabei wurden sie von den Medien schon als die Sofa-Generation belächelt.Die isländische Musikerszene
Während die Aktivisten den nächsten Angriff auf das Establishment planen, reagiert die isländische Musikerszene eher gelassen. Es ist Mitternacht in Reykjavik. Heute Abend spielen Haukur und Band auf dem Grapevine-Festival. Eine Veranstaltung, die in der Krise besser funktioniert denn je. Selbst hochkarätige Bands können sich kaum noch Touren ins Ausland leisten und die Clubs verlangen wieder moderatere Mieten. Für einheimische Musikfans paradiesische Zustände. Bands, die woanders Hallen füllen könnten, spielen hier in Wohnzimmeratmosphäre.Was für lokale Bands wie Reykjavik Vorteile bringt, entwickelt sich für international produzierende Musiker wie Petur zu einem echten Problem. Irgendwo in Dänemark lagern Tausende CDs isländischer Bands. Gerne würden die Bands sie auslösen, aber das geht nur mit Sondergenehmigung der Regierung - und die ist dieser Tage schwer zu kriegen.
Petur: "Eines der Probleme mit denen wir wegen der Krise kämpfen ist, dass Platten, die im Ausland produziert wurden, dort beim Zoll hängen bleiben. Wegen der Probleme mit unserer Währung können wir praktisch nichts importieren. Wir können einfach nicht dafür bezahlen, weil wir unsere Währung nicht aus dem Land exportieren dürfen. Also das ist auf jeden Fall ein Problem."
Die Zeit mit Warten zu vergeuden, widerspräche der isländischen Mentalität. Im City-Theater mitten in der Hauptstadt probt Petur deshalb für das erste Rock-Tanz-Theaterstück Islands. Ein Stück, das sich natürlich mit der Krise auseinandersetzt. Eben die ermöglicht ungewöhnlichere Künstler-Zusammenschlüsse als je zuvor. Nicht zuletzt weil die meisten Kreativen im Augenblick viel Zeit haben.
Der Schaffensdrang ist überall zu spüren. Ein paar Straßen weiter entsteht ein Video. Im Keller einer Buchhandlung. Der Künstler Sindri gehört zur neuen Indie-Speerspitze des Landes. Einen Tag vor der geplanten Entbindung, übernimmt seine Frau noch schnell die Regie. Sie haben jetzt Zeit an seinem nationalen Ruhm zu arbeiten, denn Touren im Rest der Welt dürfte in der aktuellen Situation schwierig werden. Und so produziert Multiinstrumentalist Sindri in seinem selbstgebastelten Studio während der Zwangspause munter vor sich hin.
Das Schlusswort gebührt Krummi: Er ist Sänger der Hardcore-Band Minús, nach Björk eine der ersten Bands, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Zukunftssorgen macht er sich keine. Im Gegenteil: Er feiert die Krise als Chance für ganz Island.
Krummi: "Es wird die Leute wieder auf den Boden holen. Das ist das Positive daran. So als ob ein Alkoholiker einen klaren Moment erlebt, irgendetwas sehr schlimmes passiert und er hört mit dem Trinken auf. Wir brauchten erst ein paar Märtyrer, Leute die ihre Jobs verlieren, damit die Menschen kapieren, dass materielle Dinge und Geld nicht alles sind im Leben."
Links
>> Website der Band Minus>> Minus auf MySpace
>> Reykjavik The Band auf MySpace
>> Sin Fang Bous auf MySpace
>> Petur Ben auf MySpace
>> Grapevine Magazine
>> Grapevine Magazine auf MySpace
>> Das Airwaves Festival







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