Cannes 2007 - Offizieller Wettbewerb - 11/09/08
Izgnanie
Ein Film von Andrey Zvyagintsev
In Andrey Zvyagintsevs Film „Die Verbannung“ verheißt die Rückkehr einer Familie in das Geburtshaus des Vaters nichts Gutes.
(Die Verbannung)
Russland, 2007, 150’
Darsteller: Konstantin Lavronenko; Maria Bonnevie, Alexander Baluev
Synopsis: ALEX (Konstantin Lavronenko) kehrt mit seiner Frau VERA (Maria Bonnevie) und seinen beiden Kindern aus der Stadt in das Haus seines Vaters auf dem Land zurück. Dort, inmitten einer paradiesischen Landschaft und in der Geborgenheit seiner Kindheitserinnerungen, erhofft er sich den Seelenfrieden, der seinem Bruder MARK (Alexander Baluev), verlassen von Frau und Kindern, verwehrt blieb. Doch als Vera Alex ein Geheimnis offenbart und dieses eine Kette von Missverständnissen und Schuldzuweisungen auslöst, wird das Haus zum düsteren Ort der Verbannung.
Kritik: Keine leichte Aufgabe mag es für Andrey Zvyagintsev gewesen sein, nach dem phänomenalen Erfolg von „Die Rückkehr“ (2003) – unter anderem erhielt er zwei Hauptpreise in Venedig – sich an seinen zweiten Kinofilm zu wagen, der gemeinhin als Stolperfalle einer Regisseurs-Karriere gilt. Doch Zvyagintsev hat sich dabei weder von Originalitätszwängen leiten lassen, noch den Verlockungen fremder Angebote nachgegeben, sondern ist im Grunde genommen wieder an den Anfangspunkt seiner letzten Erzählung zurückgekehrt. Da brach ein aus dem rätselhaften Exil heimgekehrter Mann mit seinen heranwachsenden Söhnen von Zuhause zu einer seltsam lieblosen und grausamen Initiationsreise auf. Derselbe großartige Schauspieler - Konstantin Lavronenko – spielt erneut einen wortkargen, mit seinem Leben hadernden Familienvater, der – ebenfalls aus dem (Arbeits-)exil heimgekehrt – diesmal mit der ganzen Familie einen Neuanfang wagen will, indem er mit ihr in das verlassene Haus des Vaters auf dem Land zieht. Dies geschieht jedoch eher aus falschem Traditionsbewusstsein und in der trügerischen Hoffnung, dort - im patriarchalischen Ambiente - seine innere Ruhe und seinen angestammten Platz in der Familie wiederzufinden.
Ein einziger kryptischer Satz seiner Frau Vera bringt diesen Alex, der am Anfang des Films noch so souverän seinem aus einer ungenannten Mafia-Schlacht heimkehrenden Bruder verarztet, völlig aus der Fassung. Fortan dominiert eine drückende, vor den Kindern fern gehaltene Brutalität und Kälte das Eheleben. Die sanften Hügel mit ihren gelben Kornfeldern und Schafherden, das steinerne Haus an einem ausgetrockneten Urzeitfluss, der Birkenhain – von alledem geht plötzlich eine unheilvolle Stimmung aus – als sei der Wunsch nach Versöhnung mit der Natur und den eigenen Ursprüngen ein böser Irrtum gewesen, der nur Leid und Entfremdung hervorzubringen vermag.
Der magnetische Sog, der von Zvyagintsevs Familiendrama über familiäre Entfremdung ausgeht, erklärt sich zum einen durch die stille, konzentrierte Bildführung von Kameramann Mikhail Kritchmann. In ruhigen, reptilartigen Schienen- und Kreisfahrten und ungewöhnlichen, leicht verrückten Blickachsen, die ein Eigenleben zu führen scheinen, erschließt sich allmählich ein beredtes Abbild der Seelenlandschaften der Protagonisten. Dazu hat Zvyagintsev seine Fabel, die auf einem Roman des amerikanischen Schriftstellers William Saroyan aus dem 19. Jahrhundert basiert, von allen räumlichen, zeitlichen, kulturellen und religiösen Bezügen befreit. Gedreht in Belgien, Nordfrankreich und Moldawien, mit Filmbauten und Requisiten, die keinerlei ethnische Verortung ermöglichen, entsteht wie auch bei Alexander Sokurovs „Vater und Sohn“ oder früher in Andrej Tarkowskijs „Solaris“ eine Art Paralleluniversum, in dem die ewigen Fragen von Treue, Vertrauen, Liebe und Zugehörigkeit befreit von moralischen und kulturellen Bezügen neu verhandelt werden können. Doch ganz kann auch Zyyagintsev seine Herkunft und die filmische Tradition, aus der er stammt, nicht verleugnen: seine sakralen Gesänge, die singenden, Stroh dreschenden Frauen am Ende mögen zwar keine nationalistischen Unsterblichkeitsfantasien zu Mutter Russland ausdrücken, sie verweisen jedoch eindeutig auf der russischen Orthodoxie entlehnte Mythen und Fragen nach der ewigen Wiederkehr des Menschen.
Martin Rosefeldt
Erstellt: 18-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08