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Im Gespräch mit... - 09/05/07

János Darvas

Interview mit János Darvas, der bei der Fernsehadaption des Stückes „Das Leben ein Traum“ von Pedro Calderón Regie führte.

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Herr Darvas, Sie haben das Theaterstück „Das Leben ein Traum“ des spanischen Barockdichters Pedro Calderón für das Fernsehen adaptiert. Die Inszenierung des Nationaltheaters Gent unter der Regie von Johan Simons war bei der RuhrTriennale 2006 ein großer Erfolg – erstaunlich genug für ein höfisches Drama aus dem absolutistischen Spanien des 17. Jahrhunderts. Was ist an Calderóns Text über einen polnischen König und seinen von ihm selbst verbannten Sohn und Thronfolger heute noch interessant und aktuell?
Ich denke, Calderóns Stück ist für uns heute noch interessant, weil es am Beispiel dieser verunsicherten höfischen Gesellschaft am polnischen Königshaus an die Grundfragen menschlicher Existenz rührt: an Schicksal, Vorbestimmung, Macht, Verführbarkeit und Moral. Und wenn es gut inszeniert ist – und das heißt immer auch interpretiert – dann sind diese Fragen damals wie heute für den Einzelnen aktuell. Johan Simons hat das in seiner Interpretation großartig herausgearbeitet, wir haben eine Fernsehfassung daraus gemacht, es also gewissermaßen noch einmal interpretiert.

Die Fernsehregie ist also auch eine Art Interpretation?
Ja, allerdings. Ein Theaterstück im Fernsehen ist natürlich etwas anderes als im Parkett. Als ich mit ARTE/WDR den Vertrag für die Adaption unterschrieb, habe ich gleich ein Treffen mit dem Regisseur für die Bühnenfassung, Johan Simons, verabredet. Glücklicherweise waren wir uns sofort einig, dass man nicht versuchen sollte, das Theatralische und die Live-Situation des Zuschauers direkt für das Fernsehen zu übernehmen. Wir wollten das Stück filmisch umsetzen und mit filmischen Mitteln arbeiten, das heißt vor allem: verdichten.

Theater hat es im Fernsehen eigentlich immer schwer, auf der anderen Seite gibt es aber auch Möglichkeiten, die der Zuschauer im Parkett nicht hat, also Nahaufnahme, Perspektivenwechsel usw. Wie planen Sie die Aufzeichnung eines solchen Stückes, das hier noch dazu in einer weitläufigen, stillgelegten Maschinenhalle aufgeführt wurde.
Ja, das hing hier stark von den äußeren Gegebenheiten ab. Es gab ja nur wenige Aufführungen, so dass ich nach dem Besuch der Premiere sofort mit der Analyse und der Planung der Kamerapositionen beginnen musste. Allerdings waren die Vorstellungen bereits ausverkauft, es war also nicht möglich, mehr als vier Ü-Wagen-Kameras auf den Zuschauerplätzen zu positionieren. Ein weiteres Problem war die Größe dieser Maschinenhalle in der alten Zeche, in der die Protagonisten manchmal sehr weit voneinander entfernt miteinander sprachen. Wir mussten also den Raum und das Bühnenbild einfangen, aber auch mit unterschiedlichen, filmischen Mitteln – Großaufnahme, Zwischenschnitte, Rhythmus etc. - möglichst nah am Geschehen und an den Schauspielern bleiben. Das war nur mit großem logistischen Aufwand möglich und durch meine Entscheidung, mit vielen kleinen Handkameras zu arbeiten, die auch für das zahlende Publikum keine allzu große Störung bedeuteten. Diese Handkameras, die nach genauer Planung geführt wurden, lieferten uns das umfangreiche Material, mit dem wir dann im Schneideraum arbeiten konnten. Denn das fertige Produkt entstand erst beim Schnitt. Durch diesen Aufwand und den Einsatz der technischen Möglichkeiten haben wir keine konventionelle Theateraufzeichnung gemacht, sondern eine filmische Adaption versucht.

Der Theaterzuschauer hat ja immer nur eine Perspektive, mehr oder weniger eine Totale. Die Fernsehregie kann zwischen nah, halbnah oder anderen Größen und zwischen verschiedenen Perspektiven wählen. Wie entscheiden Sie, wann Sie z.B. eine Nahaufnahme einsetzen?
Das ist schwer zu beschreiben. Der Bildschirm muss jedenfalls immer mit Inhalt gefüllt sein, gleichzeitig muss der Fernsehzuschauer aber auch den Raum der Handlung erfassen können. Letztlich fällt die Entscheidung für die richtige Einstellung im Schneideraum.

Ist es für den Bühnenregisseur, hier also für Johan Simons, nicht schmerzhaft, sehen zu müssen, was Sie beim Verdichten für die TV-Fassung alles weglassen und kürzen?
Das war eine äußerst angenehme Zusammenarbeit, denn Johan Simons hat mir da völlige Freiheit gelassen. Ich habe das Stück um 30 Minuten gekürzt, sodass wir jetzt bei 90 Minuten sind, und ich musste dafür mit Simons keine Rücksprache halten, denn er hatte mich von Anfang an aufgefordert, aus der Theaterinszenierung einen eigenen Film zu machen.

Es gibt hier keine zwanghafte Modernisierung des Stückes, der Zeitbezug bleibt gegenwärtig, aber die Schauspieler agieren manchmal mit einer ironischen Verfremdung oder einer distanzierten Haltung, also doch modern. Suchen Sie nach besonderen Mitteln, diesen schauspielerischen Ausdruck im Bild umzusetzen, z.B. durch Verfremdungseffekte mit elektronischen Mitteln?
Wir haben uns schon an das gehalten, was auf der Bühne geschieht und weitgehend auf elektronische Tricks verzichtet. Wie der Ausdruck und das Spiel der Schauspieler auf den Bildschirm gebracht werden kann, ist durch die Kameraführung und den Schnitt bestimmt. So gesehen haben wir hier mit klassischen filmischen Stilmitteln gearbeitet.

An einigen Stellen gibt es aber doch einen Shutter-Effekt, eine Verlangsamung, die nach meinem Empfinden dem Dialog auch eine zusätzliche Betonung und Intensität gibt. Wie kam es dazu?
Ja, das kommt an drei Stellen vor, und ich hoffe, es sind die richtigen. Auch da ist nachträglich schwer zu sagen, wie das entstand. Es sind Übergänge, die durch diese Verfremdung etwas surreal wirken sollen. Man kann ja bei einer digitalen Produktion ständig zu elektronischen Hilfsmitteln greifen, Bilder verschönern oder verändern, sodass man z.B. die Notausgang-Lampe am Bühnenrand nicht mehr sieht. Man kann jeden einzelnen Schauspieler separat aufnehmen und den Ton später neu abmischen, davon bemerkt aber der Zuschauer nichts. Der Preis dafür ist, dass man ständig diese kleinen Mikrofone am Mund der Schauspieler im Bild hat. Was in diesem Fall aber nicht so störte, da der Raum selbst, also die große Maschinenhalle, auch schon eine Spannung zwischen Historizität und Modernität herstellt.

Herr Darvas, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Thomas Neuhauser (ARTE, Mai 2007)

Erstellt: 09-05-07
Letzte Änderung: 09-05-07