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08/11/04

Jahrestage

Eine Familienchronik über vier Jahrzehnte deutscher Geschichte



Ein Film von Margarethe von Trotta
 
Synopsis: Mit vielen Rückblenden erzählt JAHRESTAGE die Geschichte der Familie Cressphal, die aus einem kleinen Dorf in Mecklenburg stammt. Der Film geht weit über eine Familienchronik hinaus. Er erzählt gleichzeitig vier Jahrzehnte deutscher Geschichte: von Hitlers Machtergreifung über den Krieg, die 50er Jahre, die Anfänge der DDR bis zum Scheitern des Prager Frühlings im August 1968.
 
Die Kritik zum Film: Lange Zeit galt der 1800 Seiten umfassende Roman von Uwe Johnson als unverfilmbar. Margarethe von Trotta gelingt das Kunststück: Sie bringt die feierlich klingende, etwas spröde anmutende Kunstsprache in fernsehtaugliche Dialoge – ohne sie dabei zu verraten. So öffnet sich das schwer zugängliche Werk Johnsons erstmals einem größeren Publikum. Akribisch genau hält sich von Trotta an die Zeiteinheit von zwölf Monaten, die Gesine Cressphal im Roman in New York verbringt. Diese Zwölf Monate dienen als Rahmenhandlung. Die Rückblenden sind die Familiengeschichten, die Mutter Gesine ihrer elfjährigen Tochter Marie auf deren Bitten hin erzählt.

Aus vier Teilen á 90 Minuten besteht der Film, der im Jahr 2000 im Ersten Programm ausgestrahlt wurde. Der beeindruckendste ist der erste Teil, in dem die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Gesines Mutter lädt dabei Schuld auf sich, und begeht Selbstmord, großartig verkörpert wird sie von Susanna Simon. Überhaupt gelingt es Margarethe von Trotta, hervorragende Schauspieler für ihr Mammutprojekt zu gewinnen. Allen voran Suzanne von Borsody als Gesine Cressphal, die einfühlsam die Zerrissenheit einer Frau zeigt, die in ihrer neuen Heimat Amerika nicht richtig heimisch werden kann. Matthias Habich, Axel Milberg, Hanns Zischler und mehr als 90 weitere bekannte deutsche Schauspieler geben der facettenreichen Inszenierung ein Gesicht.
 
Um die 1300 Komparsen bereichern die aufwendigen Szenen. Gedreht wurde aus Budgetgründen vor allem am Niederrhein, was schade ist, denn dadurch gibt es kaum Landschaftsaufnahmen – der eigentlich in Mecklenburg angesiedelten Geschichte – zu sehen. Zumeist agieren die Schauspieler an Orten die kulissenhaft wirken, wahrscheinlich hätte der Dreh an Originalschauplätzen das Budget (immerhin 16 Millionen DM) überstiegen. Ein weiteres ist die Musik, die alle emotionalen Szenen mit einem nahezu pathetischen Guß überzieht. Davon abgesehen gelingt es Margarethe von Trotta, die Aura aus Wortkargheit und Weltverlorenheit, die die Helden Uwe Johnsons auszeichnet, in ihre Verfilmung einzubetten. Es adaptiert die Komplexität der historischen Ereignisse, die Vielschichtigkeit der persönlichen Dramen und die verschachtelte Struktur des Buchs so, dass dabei 360 Minuten sehenswerter Film entstanden sind. Eine große Leistung.
 
 
Das Bonusmaterial: Es gibt Parallelen zwischen der Biografie der Margarethe von Trotta und der der Gesine Cressphal: Margarethes Mutter, Elisabeth von Trotta wurde 1900 in einem reichen, aristokratischen Haus in Moskau geboren. 1918 floh sie nach Deutschland. Dort lebte sie in bitterer Armut, zog ihre Tochter allein auf. Auch Gesine Cressphal flieht vor einem politischen System, und schlägt sich als alleinerziehende Mutter in New York durch. Fast alle ihre Filme handeln von Frauen in der Hauptrolle, sei es ROSA LUXEMBURG (1985) oder DUNKLE TAGE (1999), in der ebenfalls Suzanne von Borsody die Hauptrolle spielte. DIE BLEIERNE ZEIT erzählt vom bewegten und bewegenden Leben und Schicksal der beiden Schwestern Gudrun und Christiane Ensslin und verlieh der Epoche des deutschen Terrorismus ihren Namen. Auf dem Filmfest in Venedig wurde er 1981 mit dem Goldenen Löwen geehrt. Obwohl DAS VERSPRECHEN 1994 für den Auslandsoscar nominiert wurde, bot sich der Regisseurin in den folgenden Jahren nur die Möglichkeit fürs Fernsehen zu inszenieren. Vielleicht hätte sie sich auch sonst gar nicht an die Verfilmung des Hauptwerks Uwe Johnsons gemacht.
 
„Zu diesem Buch hätte es eigentlich nie kommen sollen“, sagt der Autor. Ende der 60er Jahre ging Johnson für eine Weile nach Amerika, diese Erfahrung wollte er verarbeiten. Die Figur der Gesine Cressphal hatte er bereits für den Roman MUTMASSUNGEN ÜBER JACOB erfunden. Also, begann er zu schreiben. Der erste Band erschien 1970, daraufhin befiel eine jahrelange Schreibhemmung den Autor – erst 1983 konnte er sein 1800 Seiten umfassendes Werk beenden, das auf der DVD als „wichtigster Romanzyklus der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur“ bezeichnet wird.
 
Umfangreiche Hintergrundinformationen über die Regisseurin Margarethe von Trotta, den Autor Uwe Johnson und die Hauptdarstellerin Suzanne von Borsody bieten die Bonus Tracks der DVD, die auf der zweiten DVD des Films zu finden sind. Ebenfalls enthält diese umfangreiche Links zum Film und dem Werk Uwe Johnsons. Auf einer CD-Rom, die im Bertz Verlag erschienen ist, erläutert die Regisseurin ihre Regiemethode, erzählt die Produktionsgeschichte des Stoffes und redet allgemein über Literaturverfilungen. Bedauerlich, dass diese CD-Rom nicht auch komplett oder zumindest in Auszügen bei der DVD Ausgabe berücksichtigt wurde. Leider sind sämtliche Bonus Tracks nur lesbare Informationen – einige bewegte Bilder hätten ihr durchaus gut getan.
 
Nana A.T. Rebhan
 
 

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Jahrestage
Deutschland 2000, 360 Min.
Regie: Margarethe von Trotta
Mit Suzanne von Borsody, Matthias Habich, Axel Milberg, Hanns Zischler 

Sprache: Deutsch
Extras:

- Bio-/Filmografie Margarethe von Trotta
- Filmografie der Hauptdarstellerin Suzanne von Borsody
- „Das Unverfilmbare verfilmen“
- Auszeichnungen des Films
- Über den Autor Uwe Johnson
- Uwe Johnson über die Entstehung des Romans
- Literaturhinweise
- Auszeichnungen des Romans
- Links
- Credits

Erstellt: 08-11-04
Letzte Änderung: 08-11-04