Der Istanbuler Regisseur Nuri Bilge Ceylan setzt seine Studie einsamer, kontaktunfähiger türkischer Männer fort.
Darsteller: Ebru Ceylan, Nuri Bilge Ceylan, Nazan Kesal
Türkei, 2006, 97’
Im Gespräch mit Nuri Bilge Ceylan (1)Im Gespräch mit Nuri Bilge Ceylan (2)Trailer zu den FilmSynopsis: Der Archäologieprofessor Bahar (Ebru Ceylan) und Isa (Nuri Bilge Ceylan), die für eine türkische TV-Soapopera arbeitet, verbringen ihren Urlaub an der türkischen Mittelmeerküste. Ihre Beziehung ist erkaltet, Isa trennt sich von Bahar. Jahre später bereut Isa seine Entscheidung und versucht, seine Liebe zu retten.
Kritik: Der Mensch wurde dazu bestimmt, aus einfachen Beweggründen glücklich zu sein und aus noch einfacheren Gründen zum Unglücklichsein – genauso, wie er aus simplen Gründen geboren wird und noch banaleren sterben muss. Mit dieser stoizistisch anmutenden Feststellung hat Nuri Bilge Ceylan, der mit „Uzak“ vor 3 Jahren in Cannes den Großen Preis der Jury gewann, seinen neuen Film „Iklimler“ überschrieben. Das Binnenklima dieser bürgerlichen Beziehung zwischen einer TV-Produzentin und einem Archäologen, der wie auch einer seiner Protagonisten in
Uzak der säkular geprägten, intellektuellen Istanbuler Mittelschicht zuzuordnen ist, skizziert Ceylan mit wenigen, meditativen, statischen Einstellungen: als Urlaubsort haben sich Isa und Bahar ausgerechnet antike griechische Ruinen ausgesucht – Synonym für den Zustand ihrer Beziehung. Die Sprachlosigkeit dieses Paares setzt sich fort, erst im Hotelzimmer, dann auf einem Abendessen bei in die Provinz gezogenen Freunden, als Bahar einen Eklat provoziert. Am nächsten Tag kulminiert die lange aufgestaute Spannung am Strand, die Ceylan in einer großartig gefilmten Szene einfängt. Traum und Realität verschmelzen in den Köpfen des entfremdeten Paares. Großartig ist der Moment, in der Isa seiner Frau erst seine Liebe gesteht, sie dann mit Sand begräbt, um sie schließlich zu ersticken. Alles nur ein böser Traum, doch wenig später ist ihre Trennung Realität.
Faszinierend ist auch in seinem neuen Film wieder, wie bestechend genau Ceylan seine Bilder komponiert, wie er die Kamera immer millimetergenau auf dem richtigen Fleck postiert, wie er mit winzigen Gesten den Gefühlszustand seiner Protagonisten verdeutlicht, wie er die Natur mit ihren unterschiedlichen Lichtstimmungen und Jahreszeiten als Protagonisten in seine Inszenierung mit einzubeziehen vermag. Im Moment des endgültigen Bruchs beispielsweise steht neben Isa der Strahlenkranz der bereits untergegangenen Sonne hinter der Blätterkrone eines weit entfernten Baumes. Später fällt in der ostanatolischen Provinz, wohin Isa seiner Verflossenen viel zu später hinterher reist, Schnee - so viel, das er allen Schmerz über die Unfähigkeit dieses Mannes, seine Gefühle zu offenbaren, erstickt. Die unbeteiligte, gleichgültige Natur – sie scheint der einzige Trost zu sein im Angesicht der menschlichen Unfähigkeit zum Glück.
Nuri Bilge Ceylan ist auch ein großartiger Schauspieler, der diesmal selbst in die Rolle seines seelisch verkrüppelten Protagonisten geschlüpft ist. Sein Äußeres verrät nichts darüber, wie es in seinem Inneren aussieht. Die seelische Wüste in ihm manifestiert sich in dürren, grausamen Worten gegenüber seiner Frau oder in winzigen Taten, die offenbaren, dass dieser Mann in seiner tradierten Rolle als patriarchalischer, Macht ausübender Ehemann unrettbar gefangen ist, obwohl äußerlich doch alles auf einen modernen, die Ebenbürtigkeit seiner Partnerin akzeptierenden Mannes hinzuweisen scheint.
Im Mittelpunkt der faszinierendsten Szene von „Iklimler“ steht eine Haselnuss – eine Haselnuss, die Isa schon etwas alt geworden aus der Schale seiner Geliebten Serap gefischt hat, zu der er nach seiner Trennung von Bahar zurück geflüchtet ist, die er erst vergeblich in seinen Mund zu befördern sucht, die er dann seiner Geliebten in den Mund stecken will und als diese sich weigert und ihn verlacht, ihr nach einem minutenlangen Vergewaltigungsversuch, der mit Seraps Kapitulation endet, als Ausdruck seines Triumphs doch noch mit Gewalt in ihren Mund steckt. So lange diese Gesten der (Ohn-)Macht in der Mentalität der türkischen Männer fortleben, so scheint Ceylan an ihre Adresse gerichtet zu sagen, ist das Unglück ihrer Beziehungen vorprogrammiert.
Martin RosefeldtSynopsis: Nach mehreren gemeinsam verbrachten Jahren trennen sich Isa und Bahar.
Kritik: Nach
Uzak (2004) hat Nuri Bilge Ceylan mit „Iklimer“ einen neuen, ästhetisch äußerst raffinierten Film über eine ganz einfache Geschichte und eine philosophische Lebensweisheit gedreht, die mit den ersten Bildern wie ein Motto über dem Ganzen steht: „Der Mensch ist dafür gemacht, aus einfachen Gründen glücklich zu sein, und aus noch viel einfacheren Gründen unglücklich.“ Isa und Bahar stehen am Rande des Abgrunds: Ihre Liebe ist zerbrochen. Beide versuchen, die Gefühle wieder aufleben zu lassen, die sie früher füreinander empfunden haben, doch müssen sie erschüttert feststellen, dass ihnen dies nicht mehr gelingt. Ihren Bemühungen zum Trotz sind Isa und Bahar nichts weiter als zwei einsame, verbitterte Wesen, die sich gegenseitig belauern und unmittelbar vor dem Zerreißen des feinen Fadens stehen, der sie noch miteinander verbindet.
Nuri Bilge Ceylan und seine Frau Ebru Ceylan verkörpern das Paar in ihrer besonderen Lebenssituation mit einer Glaubwürdigkeit, die auf ihren Erfahrungen aus dem eigenen Leben in der Realität zu beruhen scheint. Zur bestmöglichen Darstellung seiner Erzählung bediente sich der Regisseur der digitalen Bildtechnik und erzeugt damit eine Wiedergabe von verblüffender Schönheit und Schärfe. Im geschickten Spiel mit großen Nahaufnahmen (das besondere Format erlaubt die Verwendung von Makroeinstellungen) und Unschärfen im Hintergrund zeigt Nuri Bilge Ceylan ungeahnte und spektakuläre Bilder von organischem Material und Schöpfungen der Natur in ihren je nach Klimaeinflüssen unterschiedlichen Formen. Diese wunderbaren, nach festem Muster zusammengestellten lebendigen Bilder eröffnen dem Zuschauer eine völlig neue Sicht auf die Welt mit all ihren bewegten und unbewegten Details, wie z. B. Sandkörner am Strand vor einem ruhigen Meer im Hintergrund, die Poren der Haut auf Isas Gesicht, die langen Haare von Bahar, Schweißtropfen auf seiner Stirn, in denen sich Sonnenstrahlen brechen, oder ein Ballett von Schneeflocken in der Schlusssequenz, die seine Vereinsamung unterstreichen. Nuri Bilge Ceylan nutzt auf völlig neuartige Weise das gesamte Spektrum der Einsatzmöglichkeiten seiner hochauflösenden Kamera, die ihm so gänzlich unberührte bzw. nur in Teilen von Georges Lucas und Alexandr Sokurov erkundete Landschaften eröffnet. Ein Element übernimmt der Regisseur hier aus seinem 35mm-Film Uzak: eine Stadtlandschaft unter einem stürmischen Himmel als perfektes Symbol für die Einsamkeit des Menschen. Der auffallende Formalismus der Darstellung in Verbindung mit dieser außergewöhnlich menschlichen Erzählung machen „Iklimer“ zu einem der ergreifendsten Kinoereignisse des diesjährigen Festivals.
Olivier Bombarda