„Die Stimmen des Flusses“ ist eine katalanische Saga von Hass und Mord und von einer fast monströs Jahrzehnte über den Tod hinaus virulenten Liebe, von einer kolossalen Geschichtsfälschung und von der Macht des Geldes in der Hand einer faszinierenden, aber auch faszinierend rachsüchtigen Frau. Der Ursprung der Rachsucht liegt im Sommer der Gewalt des Jahres 1936, als die junge Elisenda Vilabrú erlebte, dass ihr Vater und ihr Bruder von den Anarchisten des Dorfes brutal ermordet wurden.Ein blutiger Racheakt nach dem anderen
Mehr sei nur angedeutet. Denn alles zu erzählen, hieße, das feine Gespinst zu zerreißen, in das die Geschichte vielschichtig eingesponnen ist. Ein Zauber des Romans und vielleicht sein wichtigstes Erzählprinzip bestehen gerade darin, langsam und immer wieder vor- und zurückblickend die Vergangenheit aufzudecken, abzutragen. Es geht um diese betörend schöne, kluge und im großen Stil geschäftstüchtige Gutsherrin im abgelegenen Pyrenäendorf, um Elisenda mit dem „harten Blick“ hat und der „Seele voller Schatten“. Sie hat die besten Beziehungen zu den Würdenträgern und Drahtziehern des Franco-Regimes, ist vielleicht selbst Drahtzieherin der Falangisten in ihrem Dorf. Jedenfalls hat sie den brutalen Valentí Targa in den Bürgermeistersessel gesetzt, der eine Schreckensherrschaft ausübt - bis hin zur Erschießung eines Vierzehnjährigen aus keinem anderen Grund, als daß sein Vater im Maquis kämpft. Solche Bluttaten werden nie vergessen. Entglitten der Senyora Elisenda die Fäden? Entgleitet ihr sechzig Jahre nach dem magischen Datum, um das sich alles dreht, mörderisch der eigene Sohn?
Der 18. Oktober 1944Bis zuletzt – wie in einem Kriminalroman – weiß der Leser nicht, was an jenem 18. Oktober 1944, dessen Wahrheit nicht an den Tag kommen soll, wirklich geschehen ist. Oriol Fontelles, der Dorfschullehrer, wird in der Kirche erschossen. Doch von wem? Von den Falangisten oder vom antifaschistischen Widerstand? Und auf welcher Seite stand er selbst? War er als Vertrauter des Bürgermeisters ein Mitläufer der Frankisten? Oder kämpfte er auf der anderen Seite gegen die Falange? Handelte es sich um ein tragisches Doppelspiel? Und wie gelingt es der unglaublichen Elisenda den Geliebten ausgerechnet unter die spanischen Laien einzureihen, die, weil sie einst im Angesicht ihrer Mörder ihren Glauben bezeugt hätten, von der katholischen Kirche noch nach der Jahrtausendwende in Rom als Märtyrer selig gesprochen wurden. Eine Geschichte auch des Missbrauchs von Menschen für Legenden und Mythen?
Sechzig Jahre später
Und da gibt es zuletzt ist die kranke und tief gekränkte Lehrerin, deren Ehetragik eine wiederholte Spiegelung der Ehe des einstigen Dorfschullehrers ist. Sie findet, so beginnt der Roman, hinter der Schiefertafel der zum Abbruch frei gegebenen Dorfschule eine Zigarrenkiste mit Briefen von Oriol Fontelles. Ein die Vergangenheit gefährlich erleuchtender Fund. Und wer will die Wahrheit nicht ans Tageslicht gezerrt haben und handelt?
Eine frappierende Montagetechnik
Das alles ist in einer grandiosen Verschränkung von Zeiten, Menschen und Ereignissen erzählt. Elisanda sagt etwas, Tina denkt es weiter. Innerhalb eines halben Satzes springt die Geschichte über Jahrzehnte hinweg und wieder zurück. Cabré, der viele Drehbücher geschrieben hat, versteht die perfekte Montagetechnik, den überraschenden Schnitt. Gleichzeitigkeiten, die zugleich über sich hinausweisen auf den allgemeingültigen Aspekt all dieser „Stimmen im Fluss“, die mit ihren Emotionen in ihrer Zeit gefangen sind, im „Fluss“ der Geschichte. Dies hat einen merkwürdigen Reiz und ist äußerst poetisch. Und: Das gibt es nicht oft, dass man nach der Lektüre eines Buchs es gleich noch einmal von vorne lesen möchte, um alles noch besser zu wissen!
Eine Rezension von Ariane Thomalla






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