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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

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11/05/10

Jean-Claude Trichet (Frankreich)

© BCE
Seit 2003 ist Jean-Claude Trichet (geboren 1942 in Lyon) Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), der Wächter des Euro und vor allem ein Mann, der energisch seine Vision einer europäischen Währungspolitik vertritt.

Jean-Claude Trichet geht immer bis ans Ende. Zunächst einmal in seiner modischen Erscheinungsform: Sie können sicher sein, dass er bei jedem öffentlichen Auftritt einen grauen oder dunkelblauen Anzug tragen wird, mit dem dazu passenden farbigen Hemd und einer eleganten Krawatte. Und auch, was seine persönlichen Leidenschaften betrifft, gilt: immer bis zum Schluss. Trotz seines Vollzeitjobs in der EZB versucht er noch heute, seine Lieblingsdichter zu lesen (und zu rezitieren). Die Werke Baudelaires, Mallarmés, Apollinaires, Saint-John Perses und natürlich Leopold S. Senghors zieren seine Bibliothek.

Aber Jean-Claude Trichet geht vor allem auf's Ganze, wenn es sich um seine Arbeit handelt. Von 1961 bis 1964 besuchte er die Ecole des Mines im lothringischen Nancy, wo er eigentlich dazu ausgebildet wurde, Ingenieur zu werden. Doch entdeckte er durch seine frühen Aktivitäten an der Seite seines Freundes und Mentors, dem zukünftigen französischen Premierminister Michel Rocard, sein Interesse für die Politik. So schrieb er sich am Institut des Etudes Politiques in Paris ein und schaffte die Aufnahme in die Kaderschmiede ENA. Hier kultivierte er seinen Sinn für das Gerechte und die „goldene Mitte“ und wurde von vielen seiner Klassenkameraden nur noch „Justix“ genannt. Nachdem er 1971 seinen Abschluss an der ENA erhielt, zog es ihn ins Staatswesen: Er wurde Finanzinspektor. Hier begann sein steiler Aufstieg, der ihn durch die Kabinette der Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing und François Mitterrand an die Spitze der französischen Nationalbank führte, der er von 1993 bis 1999 vorstand. 2003 wurde er dann zum Sitz der EZB in Frankfurt berufen, wo er seitdem die Politiken der Nationalbanken jener sechzehn Länder koordiniert, welche an der Eurozone teilnehmen. Sein Hauptziel: „Eine Politik im Dienste der 320 Millionen Bürger dieser Zone führen“. Eine Politik, die seiner Meinung nach eines starken Euro und einer maximalen Preisstabilität bedarf. Ja keine zu starke Inflation hervorrufen, indem man bei jeder Krise künstlich den Leitzins senkt…

Der paradoxe Effekt dieser Politik der goldenen Mitte: Jean-Claude Trichet hat Europa in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite wird er von vielen Beobachtern für seine Standhaftigkeit bewundert. So haben ihn die Financial Times 2007 sogar zum Mann des Jahres gekürt. Auf der anderen Seite gehen seine Kritiker nicht gerade sanft mit ihm um. Einige französische Politiker haben ihm beispielsweise den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Währungs-Ayatollah“ gegeben. Aber Jean-Claude Trichet hat in seinem Innersten schon lange aufgehört, Franzose zu sein – um zu einem wahren Europäer zu werden. So sehr, dass er eines Tages sogar vor dem Europäischen Parlament mit einem leichten Lächeln und einer Ironie, die er ebenfalls bis zum Ende durchzieht, ausrief: „I am not a Frenchman“ („Ich bin kein Franzose“).

Wir leben in einer Welt rasanter Veränderungen. Forschung, Technologie und Globalisierung zeichnen dafür verantwortlich. Und natürlich gibt es in einzelnen Ländern die Versuchung, die EU und die EZB zu Sündenböcken zu stempeln. Doch das ist nicht fair. Der Aufbau von Europa hat uns ein enormes Wohlstandsniveau beschert. Das hat das Zusammenwachsen Europas ganz wesentlich beeinflusst. Unsere Werte sind klar. Wir vertrauen auf die Demokratie, auf Freiheit, auf Menschenrechte. Wir vertrauen darauf, dass eine Marktwirtschaft der beste Weg ist, um Wohlstand zu produzieren. Unsere Zukunft hängt von den Menschen in Europa ab.“

Jean-Claude Trichet am 23. Juli 2007 in Die Zeit.


Von Anfang 1999 bis Ende 2007 betrug die Inflationsrate in der Eurozone 2,1%, trotz des bemerkenswerten Preisanstiegs, mit dem wir in dieser Zeit konfrontiert waren, vor allem im Erdölsektor. Es ist absolut richtig, dass unsere Mitbürger in einer Zeit aus dem Ausland kommender inflationistischer Herausforderungen die Sicherung der Preisstabilität fordern. [..] In diesem Zusammenhang ist mir auch immer die Diskrepanz zwischen der scheinbaren öffentlichen Debatte und dem tiefen Gefühl unserer Mitbürger, was die Währung betrifft, aufgefallen. Für sie ist die Preisstabilität ein Gut an sich, welches nicht inkompatibel mit der Schaffung von Arbeitsplätzen ist.“

Jean-Claude Trichet, am 3. Juni in Le Monde.

Erstellt: 10-06-08
Letzte Änderung: 11-05-10