Das „Réseau du Musée de l’Homme“, eine der ersten Widerstandszellen in Frankreich, flog durch Verrat auf. Paulhan und seine Mitverschwörer wurden verhaftet. Zwei konnten in die unbesetzte Zone fliehen. Sieben wurden erschossen. Paulhan kam frei. Zweimal hatte sich der Schriftsteller und Kollaborateur Drieu La Rochelle, Paulhans Nachfolger bei der NRF (Nouvelle Revue Française), dank seiner Verbindung zu den Deutschen mit seiner ganzen Person für ihn eingesetzt und ihn gerettet. Verflechtungen, die typisch waren. Kollaboration und Résistance bildeten keine harte Front. Louis Aragon und Elsa Triolet, die „hardliner“ der Résistance, waren mit dem antisemitische Hetzschriften und die Hitlerreden verlegenden Robert Denoël so weitgehend befreundet, dass sie den Verleger 1945 bei der „Épuration“ entlasteten. Paulhan, der das Komplexe, Paradoxe, Geheimnisvolle im Leben liebte, stand Drieu la Rochelle heimlich bei, die Zeitschrift NRF niveauvoll neu zu starten. Tänzer auf beiden Seiten, ohne sich zu kompromittieren, verkehrte er auch mit dem deutschen Schriftsteller und Militär Ernst Jünger und machte sich den jungen Zensor der Deutschen, „Sonderführer“ Gerhard Heller, zum Freund, was heißt: auch zum Sympathisanten der französischen Literatur. Eine Verbindung, die half, dass die Zensur sanfter urteilte, dass man bei den clandestinen Publikationen eher ein Auge zudrückte und Theaterstücke wie Sartres „Fliegen“ auf die Bühne kamen, obwohl die Deutschen wussten, dass Elektras und Orests Worte und Taten nicht nur auf Ägisth und Klytemnästra zielten. Typisch auch für Paulhan, dass er dem stellvertretenden Leiter des Deutschen Instituts in Paris, dem Nazi Karl-Heinz Bremer, der jedoch französische Denunzianten vor die Türe setzte, einen Nachruf schrieb, als er an der Ostfront fiel. Und zwar in den clandestinen „Lettres Francaises“, dem wichtigsten Blatt der Résistance, das er zusammen mit Jacques Decour l941 gründete. Jacques Decour erlebte bereits die erste Nummer nicht mehr. Er wurde verraten, verhaftet und l942 als kommunistische Geisel erschossen. Die „Lettres Françaises“ prangerten auch deutsche Kriegsverbrechen an und berichteten über Auschwitz. Im Sommer l944 erschien ein Sonderheft über Oradour. Die Autoren schrieben anonym oder mit phantasievollen Pseudonymen, hinter denen sich oft große Namen verbargen: Mauriac, Sartre, Queneau und Eluard und Aragon, die ihre Gedichte beisteuerten. „Niemals gab es so viele Dichter in Frankreich wie während dieser dunklen Jahre“, notierte François Mauriac. Niemals auch mit solcher Wirkung, als ob Frankreich im Gedicht seine Seele suchte. Man habe ein Gedicht wie eine Zigarette weitergereicht. Sie wurden in Briefkästen gestopft und als Flugblätter von der Royal Air Force abgeworfen. Sogar De Gaulle rühmte im Radio Algier die „herzzerreißende Qualität dieser Gedichte, die heute in ganz Frankreich insgeheim rezitiert“ würden, und verlas über den Äther die Verse „Plus belle que les larmes“ des Kommunisten Aragon.
Wie konnte man als Schriftsteller Widerstand leisten? Eine Antwort lautete: Durch Schweigen, verachtungsvolles Schweigen. Das war die Botschaft des Bestsellers der Résistance „Das Schweigen des Meeres“ von Vercors, alias Jean Bruller, der l942 als erstes Buch in dem von Vercors zusammen mit Paulhan gegründeten clandestinen Verlag „Éditions de minuit“ erschien. Aber hieß Schweigen nicht auch Verschweigen? Sartre jedenfalls schrieb sogar in aller Öffentlichkeit im Café Flore.
Decour hatte 1941 noch mit Paulhan das CNE gegründet, das Commitée National des Écrivains, der 1944 eine schwarze Liste der literarischen Kollaboration veröffentlichte und von der provisorischen Regierung de Gaulle nach der Befreiung juristische Konsequenzen erwartete. Sie blieben nicht aus. Einige Journalisten und Schriftsteller wurden hingerichtet. Am bekanntesten ist der Fall Robert Brasillach. Angeekelt vom Geist der Säuberungen verließen Paulhan, Camus und Mauriac l945 das C.N.E., das sich zusammen mit den „Lettres Françaises“ zu einem Organ der KPF entwickelt hatte. Das Ende der literarischen Résistance.
Ariane Thomalla studierte Germanistik, Romanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft u.a. in Paris.1972 veröffentlichte sie „Die femme fragile als literarischer Frauentypus der Jahrhundertwende.“ Einige Jahre Verlagslektorin, danach Journalistin und Autorin für Rundfunk und Zeitungen mit Schwerpunkt auf kulturellen und zeitgeschichtlichen Themen. In den 80er und 90er Jahren Reportagen aus Israel („Die Intellektuellen und die erste Intifada“) und Mittel- und Osteuropa (Prag: „Die samtene Revolution", Warschau: „Der nachgeholte Kulturkongress“). Zuletzt Veröffentlichungen über die Töchter von Karl Marx, über Wolfgang Hildesheimer als jüdischem Autor im Nachkriegsdeutschland und über die Literarische Kollaboration in Frankreich






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