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Themenabend auf ARTE "Afrika, mein Traum", mit einem Exklusiv-Interview mit Jean Rouch

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Themenabend auf ARTE "Afrika, mein Traum", mit einem Exklusiv-Interview mit Jean Rouch

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29/08/08

Jean Rouch, der weiße Afrikaner

1941 fährt Jean Rouch zum ersten Mal nach Afrika. Er ist 24 Jahre alt, Ingenieur und Chef einer Baustelle in Niger. Es ist der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft. Was macht aus einem Ingenieur einen Ethnologen, einen, der vernarrt ist in den schwarzen Kontinent?

1946 erlebt Jean Rouch seine zweite prägende Afrikareise: Mit dem Boot fährt er den Fluss Niger von der Quelle bis zur Mündung ab. In den Dörfern befragt er die Menschen nach ihrem Leben. Er beginnt zu filmen, zunächst mit dem Stativ. Als er es bei einer Flussfahrt verliert, ist er gezwungen, mit der Handkamera weiter zu arbeiten. Er entdeckt ihre Vorzüge: Schnelligkeit und Mobilität. Die Handkamera, das nicht immer perfekte Bild, wird die Handschrift von Jean Rouch. Sie ist das Hauptmerkmal des „Cinéma Vérité“, wie man seinen Stil bald nennen wird.

1946 hat Jean Rouch auch seine erste Kamera erstanden - auf einem Flohmarkt! Während eines Fluges über der Sahara studiert er ihren Gebrauch. 1947 kommt sein erster Film in die Kinos: „Im Land der schwarzen Magier“ (Au pays des mages noirs). Rouch ist ein Tüftler. 1951 macht er – mit einem eigens in Paris entwickelten Apparat - die ersten magnetischen Tonbandaufnahmen in Afrika. Insgesamt 150 Filme wird er drehen. Mit einer Aaton bannt er einen Kosmos fremder Rituale auf Zelluloid: Besessenheitskulte, Trancezeremonien, Totenfeiern...

Interviews:
  • "Jean Rouch verkörpert ein Prinzip, eine Art und Weise, wie wir heute mit Afrika umgehen sollten, könnten, er ist ein Vorbild. Ein echter Pariser Dandy, der den Eiffelturm und Austern liebt und gleichzeitig das Andere, die Anderen, das Fremde, das Fremde in uns."
    Interview mit Filmemacher Bernd Mosblech
1953 ist er Mitbegründer des französischen Komitees des ethnografischen Films. In den 60-ern nennen linke Kritiker ihn einen postkolonialen Liebhaber exotischer Rituale. Der senegalesische Schriftsteller und Regisseur Sembène Ousmane hält ihm vor: „Du betrachtest uns wie Insekten.“ In Paris bewundern ihn die Regisseure der Nouvelle Vague.
Jean Rouch wächst inmitten von Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern auf. Er ist von den Surrealisten fasziniert. Er träumt von Rimbaud: wie man ein gutes Gedicht zu schreiben beginne, nämlich vom Ende her – das wird auch seine Regel im Schneideraum. Er ist, wie er selbst sagt, ein »very happy young boy«. Schokolade, zwei Riegel nach dem Mittagessen, ist seine Regel, frisch gepresster Orangensaft, immer um 11 Uhr. Nach einem Film in der Cinémathèque Française, die er mitgründet, kann er ein Dutzend Austern verzehren, mit Blick auf den Eiffelturm, den er liebt. Immer ein blaues Hemd, hellblaue Socken zum Blazer marineblau. Ein Dandy, ein Poet, der Kunst und Wissenschaft verbindet.

Mit Johnny Weissmüller, dem Urwaldmenschen, trainiert er 1932 in einem Pariser Schwimmbad. Doch Tarzan verlässt den Hollywood-Urwald nie; Rouch hingegen geht einen anderen Pfad, er gibt den Afrikanern ihre Stimme, Afrika ist Passion für ihn. Er liebt Nähe und die findet er in Afrika. Er spricht, er diskutiert, Humor ist das unterhaltende Element seiner Dramaturgie. Seine Konstanz, seine Zuverlässigkeit ist bemerkenswert, keine Brüche, keine »plot-points«.

Das Fremde verstehen ist sein Leitspruch, es dokumentieren und dabei das eigene Denksystem beiseite lassen. So sind seine Filme Dechiffrierangebote für die eigene und die fremde Kultur. Sie setzen dem unschuldigen ethnografischen Film, der objektiv darstellen und lediglich beobachten will, ein Ende. Rouchs Kamera ist ein genauso wesentlicher Bestandteil von Geschichte und Erzählung wie die Figuren mit ihren ganz eigenen Profilen. Diese Subjektivität steckt in allen seinen Filmen.
Rouch ist der Auffassung, dass man die Sprache verstehen muss, die man aufnimmt. Feedback ist für ihn wesentlich, er sieht seine Akteure als Co-Autoren.
Mehr über Jean Rouch:


Weltanschaulich lässt sich Rouch kaum verorten. Sein wissenschaftlicher Übervater ist der Völkerkundler Marcel Griaule. Seit einer legendären Expedition in den 30-ern gilt Griaule als „Entdecker“ der Dogonkultur. Die Dokumentation der Totenfeste der Dogon und deren Vorstellungen vom Jenseits werden der Schwerpunkt des Schaffens Jean Rouchs. Die bewegliche Schulterkamera bleibt dabei sein Markenzeichen und als Pionier des Ethnofilms geht sein Name um die Welt.

Am 18. Februar 2004 in Niamey in Niger (Westafrika) dann plötzlich der Todesunfall. Nach einem Festival kollidiert der 86-jährige Cineast während einer nächtlichen Autofahrt auf sandiger Piste mit einem unbeleuchteten LKW, der plötzlich auftaucht, und ist auf der Stelle tot. Dort, in Niamey, der Landeshauptstadt, wird er zunächst auch beerdigt, in Anwesenheit des Präsidenten und hoher Repräsentanten. Er hatte die Frage, wo er einmal beerdigt sein wollte, nie klar beantwortet, da sieht es seine Frau Jocelyne als eine Fügung an, ihn in afrikanischer Erde zu lassen. Drei Jahre danach wird Jean Rouch eine besondere Ehre zuteil: In einer drei Tage dauernden Zeremonie wird er nach dem Bestattungsritual der Dogon zu Grabe getragen. An Stelle des Leichnams wird eine Strohpuppe beigesetzt. Eine ungewöhnliche Ehre für einen Europäer, die rund ein halbes Jahrhundert zuvor Marcel Griaule als Erstem erwiesen wurde. Filmemacher Bernd Mosblech hat das außergewöhnliche Bestattungsritual Jean Rouchs in seinem Film „Ich bin ein weißer Afrikaner“ dokumentiert.

Sabine Lange


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Quellen:
- Auszüge aus der Dokumentation „Ich bin ein weißer Afrikaner“ von Bernd Mosblech
- Auszug aus einem Bericht in der Fachzeitschrift Film & TV Kameramann, erschienen am 20. Februar 2008
- Comite du Film Ethnographique


Erstellt: 20-02-08
Letzte Änderung: 29-08-08