Ihren Ruhm hat Mademoiselle Moreau dabei vor allem den frivolen und rebellischen Frauenfiguren zu verdanken, die sie immer wieder verkörperte und für die sie auch heute noch verehrt wird. Spätestens seit ihrer Rolle als Ehebrecherin Florence in Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“, die ihren Gatten von ihrem Geliebten ermorden lässt, ist sie die Femme fatale par excellence. Mit ihrer kühlen Schönheit und dem Talent, ihrem gleichgültigen Gesichtsausdruck mit einem kaum wahrnehmbaren Zucken des Mundwinkels oder einem einzigen intensiven Blick große Emotionen zu entlocken, ist sie wie geschaffen für diese Rollen – selbstbewusst, entschlossen, unabhängig. Und das spielt die Moreau nicht nur, das lebt sie auch.
Am 23. Januar 1928 wird Jeanne Moreau in Paris geboren. Als kleines Mädchen strebt sie zunächst eine Karriere als Ballerina an. Doch schon bald entdeckt sie ihre Faszination dafür, sich nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit Worten auszudrücken. Ihr konservativer Vater, ein französischer Gastronom, hat jedoch einen ganz anderen Lebensweg für sie geplant: Lehrerin soll sie werden. So hält Jeanne ihren Schauspielunterricht vor dem Vater schlichtweg geheim. Ihre Mutter dagegen, eine ehemalige britische Tänzerin, unterstützt die Tochter, schließlich hat sie ihr auch das Bühnenfieber vererbt. „Es ist einfach in mir“, das fühlt Jeanne Moreau schon früh.
Nach ihrem Studium am Pariser Konservatorium schafft sie es 1948 mit Disziplin und Talent an das berühmte Pariser Theater Comédie-Française und anschließend an das Théâtre National Populaire. Doch nicht nur auf der Bühne überzeugt sie fortan. Zeitgleich feiert sie mit Jean Stellis Drama „Letzte Liebe“ (1948) ihr Leinwanddebüt und zieht mit ihren folgenden Rollen immer wieder die Aufmerksamkeit verschiedener Filmschaffender auf sich. Darunter ist auch der Außenseiter Louis Malle, der sich für die Hauptrolle seines Kinodebüts nur noch die Moreau vorstellen kann. Mit seinem „Fahrstuhl zum Schafott“ macht er sie 1957 zum Star.
Seitdem spielt sie immer wieder in Meisterwerken der europäischen Filmgeschichte mit, vor allem in den 1950er und 1960er Jahren – in Louis Malles „Die Liebenden“ und „Viva Maria!“, in Michelangelo Antonionis „Die Nacht“, in Luis Buñuels „Tagebuch einer Kammerzofe“ oder Tony Richardsons „Mademoiselle“. Ihre wohl berühmteste Rolle verkörpert sie jedoch in François Truffauts „Jules und Jim“ (1962). Als lebensfrohe Catherine steht sie hier zwischen zwei Männern und fordert das Recht auf ihr persönliches Glück und auf Liebe unentwegt und unerschrocken ein. Es wird Moreaus Paraderolle und diese Femme fatale ist es, die sie zum Gesicht des französischen Films macht.
In dieser Zeit genießt sie es besonders, aus festgefahrenen Konventionen der Filmbranche auszubrechen: ihr Make-Up selbst aufzulegen, außerhalb der Studios zu drehen und im Spiel zu improvisieren. Die meisten Filmemacher lassen ihr diese Freiheit vor der Kamera. Trotzdem ist eine enge Beziehung zu den Regisseuren und eine ungebrochene Loyalität ihnen gegenüber fundamentaler Bestandteil der Arbeit Jeanne Moreaus. Egal mit welchem großen Filmemacher sie auch dreht, viele von ihnen erleben während der Dreharbeiten sehr intensive Momente mit ihr. Vor allem Truffaut kann so immer wieder das Beste aus ihr herausholen: „Es gab eine Harmonie in unserer Arbeit, die Idee eines Tandems: Auf demselben Rad im gleichen Rhythmus zu strampeln.“ Und für sie selbst ist die Beziehung zwischen Regisseur und Darstellerin „ein außerordentlich intimer Austausch, der zu einem Liebesverhältnis werden kann und manchmal zu einer sehr viel komplexeren, subtileren, schwer vorstellbaren Beziehung, die Teil des Werkes ist.“ Dieses Vertrauen ist essentiell für ihre Arbeit und nicht etwa das genaue Lernen eines Textes und die präzise Vorbereitung auf eine Rolle. Das würde sie wohl zu sehr daran erinnern, einem ganz normalen Beruf nachzugehen. Für die Moreau gilt aber seit nunmehr 60 Jahren: „Schauspielerin zu sein, ist für mich kein Beruf, sondern eine Lebensart.“In diesem Jahr feiert Jeanne Moreau nicht nur ihr 60-jähriges Leinwandjubiläum, sondern auch ihren 80. Geburtstag. Aber das ist der Grande Dame des Kinos weniger wichtig. Viel mehr beschäftigen sie der Film und seine Entwicklung. Und da kann sie aus allen Blickwinkeln mitreden: Längst hat sie selbst Regie geführt und Drehbücher geschrieben. Immer wieder unterstützt sie junge Filmemacher, gibt Filmseminare und richtet Festivals für den jungen Film aus.
Und mit 80 fast Jahren ist sie auch vor der Kamera noch präsent. So brillierte sie u.a. 2001 als Marguerite Duras in Josée Dayans „Diese Liebe“ und 2005 als Großmutter eines krebskranken Fotografen in François Ozons „Die Zeit, die bleibt“. Ans Aufhören denkt sie noch lange nicht. Neugier und Energie, so sagt sie, werden sie bis zum Schluss antreiben.
- Filmografie:
Jeanne Moreau hat in mehr als 100 Filmen mitgewirkt, darunter: „Die Zeit, die bleibt“ (2005); „Bis ans Ende der Welt“ (1991); „Querelle“ (1982); „Lumière“ (1976, auch Regie); „Die Ausgebufften“ 1973); „Viva Maria!“ (1965); „Tagebuch einer Kammerzofe“ (1964); „Die blonde Sünderin“ (1963); „Die Nacht“ 1961)
- Auszeichnungen für ihr Lebenswerk:
1992 Goldener Löwe;
1995 César;
1997 Europäischer Filmpreis;
2000 Goldener Bär;
2003 Goldene Palme







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