Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Jahrhundertaufnahmen Jazz > 50 Jahrhundertaufnahmen des Jazz > Morton, Jelly Roll - Mr. Jelly Lord

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 10/08/11

Jelly Roll Morton: "Mr. Jelly Lord"

Naxos Jazz Legends 8.120824 (Eigenvertrieb)


Der erste eigentliche Jazzkomponist
von H.-Werner Wunderlich

Die Auswahl im Überblick



Über sein Geburtsjahr gibt es bis heute unterschiedliche Angaben. Es muss um 1885 gewesen sein, dass er das Licht der Welt erblickte. Auch weiß man nicht, ob sein ursprünglicher Nachname La Menthe oder Lemott lautete.
Ferdinand Joseph aber wählten seine Eltern als Vornamen für ihn. Den Familiennamen Morton wählte er als Pseudonym, weil er nicht unter einem französischen Namen bekannt werden wollte, wenngleich er als Kreole stolz auf seine französische Abstammung war und sehr oft verächtlich auf die Kollegen mit dunkler Hautfarbe herab sah. Den Beinamen Jelly Roll, der nicht zuletzt auch eine erotische Bedeutung hat, legte er sich selbst zu.


Fest steht aber, dass er 1938 in einem Brief an die Fachzeitschrift "DOWN BEAT" behauptete: "Ich habe 1902 den Jazz erfunden", und dass er auf seine Visitenkarten drucken ließ: "Der Welt größter Komponist von heißer Musik". Bände könnte man füllen mit den Erzählungen, in denen er sich selbst darstellte, mit seinen Aufsehen erregenden Angewohnheiten, sich in Szene zu setzen, auch als Meister im Billardspiel, als Berufswetter, Boxpromotor und auch Zuhälter. Viele seiner Musiker-Kollegen sahen in ihm einen unerträglichen Schwätzer und Aufschneider. Duke Ellington etwa meinte, dass das einzige Talent Mortons das sei, über Jelly Roll Morton zu reden.

Doch er war zweifellos einer der begabtesten Musiker des frühen Jazz, eine große Persönlichkeit und einer der ersten Verbreiter dieser Musik. "Der erste eigentliche Jazzkomponist, ein origineller und fruchtbarer Schöpfer, auch ein unternehmungslustiger Organisator", meint Mortons Biograf Alan Lomax. Und der Autor Arrigo Polillo schreibt: "Die Genauigkeit seiner musikalischen Handschrift und die Originalität seiner thematisch oft reichhaltigen Kompositionen, sein Formgefühl, die Freiheit und der Reichtum seiner Ausdrucksweise reichen aus, um ihm eine Vorrangstellung unter den besten Komponisten des Jazz einzuräumen."
Folgt man Jelly Roll Mortons Angaben, so begann er seine Karriere als Pianist mit 17 Jahren im Storyville, dem Vergnügungsviertel von New Orleans, spielte da ein paar Jahre lang in den elegantesten Bordellen. Doch lange hielt es ihn dort nicht, schon ab 1904 reiste er durch die Vereinigten Staaten und verließ New Orleans endgültig 1907, trat in verschiedenen Orten des Südens und Südwestens und auch in Chicago auf.

In Chicago entstanden auch - allerdings wesentlich später, nämlich 1926 - die auf der vorliegenden CD enthaltenen Aufnahmen mit einer kleinen Band, die den Namen "Red Hot Peppers" bekam. Sie setzte sich zusammen aus einigen guten New Orleans-Musikern, darunter der Posaunist Kid Ory und der Klarinettist Omer Simeon. Titel wie "Black Bottom Stomp", "The Chant" und "Smoke House Stomp" wurden neben anderen aufgenommen und gelten bis heute als mustergültige und perfekte Meisterwerke des traditionellen Jazz. Im Jahr darauf gehörten die Gebrüder Johnny und Baby Dodds mit Klarinette bzw. Schlagzeug zu den "Peppers", mit denen "The Pearls" entstand und, im Trio, "Mr. Jelly Lord". Die Scheiben der "Red Hot Peppers" verkauften sich so gut, dass die Plattenfirma Victor als Werbeslogan den Begriff "Hot Orchestra Number One" einsetzte. "The Pearls" gibt es übrigens auch in einer Soloaufnahme, dazu weitere Alleingänge wie "Tom Cat Blues" von 1924, der "King Porter Stomp" von 1926, der später von unzähligen Musikern, darunter auch dem Swing verbundene, aufgegriffen wurde, und das harmonisch fast avantgardistische "Freakish" von 1929.

Eine kleine Korrektur: Der Bindestrich zwischen Jelly und Roll gehört da nicht hin; man findet ihn nur auf dieser CD und im Booklet und sonst auf keiner einzigen Platte oder Veröffentlichung, die sich mit Jelly Roll Morton befassen.
Empfehlenswert ist auch die CD 2 in dem fünf Scheiben enthaltenden Album "Jazz - The Essential Collection - Vol. 1", auf der ebenfalls einige der wichtigsten Aufnahmen von Jelly Roll Morton zu finden sind, neben Meilensteinen aus dem Wirken von King Oliver, Bessie Smith, Sidney Bechet und Fletcher Henderson.
(In & Out Records IOR CD 78011-2 - Vertrieb in-akustik)

Text: H.- Werner Wunderlich

Jelly Roll Morton:
"Mr. Jelly Lord"
Naxos Jazz Legends 8.120824 (Eigenvertrieb)

Erstellt: 09-02-07
Letzte Änderung: 10-08-11


+ aus Kultur entdecken