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Im Gespräch mit der Regisseurin - 03/10/07

Jihan El-Tahri

Über die kubanisch-afrikanischen Beziehungen


Nach ihrer hervorragenden Dokumentarreihe über Saudi-Arabien ("Das Königshaus der Saud") drehte die französisch-ägyptische Filmemacherin Jihan El-Tahri eine Dokumentation über das Engagement Kubas auf dem afrikanischen Kontinent zu Zeiten des Kalten Krieges. Im Gespräch mit ARTE erläutert sie die Gründe für ihr Interesse an den kubanisch-afrikanischen Beziehungen.

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Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über das kubanische Engagement für die afrikanischen Befreiungsbewegungen zu drehen?
Nach seinem Ende wurde der Kalte Krieg immer behandelt, als wäre er ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. In Wirklichkeit aber hatte diese Zeit enorme Nachwirkungen in Afrika. Ich wollte wissen, wer diese Helden waren, die für die Unabhängigkeit ihres Kontinents kämpften. Man kennt ihre Namen, weiß aber nicht, aus welchen Gründen sie in den Kampf zogen. Bei meinen Recherchen stieß ich darauf, dass den afrikanischen Revolutionären systematisch Kubaner militärisch zur Seite standen. Von den 60er-Jahren an unterstützte Kuba siebzehn afrikanische Revolutionen, obwohl die Karibikinsel geopolitisch gesehen relativ unbedeutend war. Zu Beginn meiner Nachforschungen wollte ich mit dem Mythos der revolutionären Romantik brechen, aber im Zuge der Arbeit bemerkte ich, dass dieses kubanische Ideal echt war.

Welche Rolle spielt in Ihrem Film das Archivmaterial?
Für mich sind Bilder nicht nur Dekoration, sondern ein Schatz, der einen Teil der Geschichte erschließt und den man bergen muss. Sie sind genau so wichtig wie Zeitzeugen.
Da ich afrikanischer Abstammung bin, sehe ich die Dinge nicht aus rein westlicher Perspektive. Oft sind aber die Archivaufnahmen, die den afrikanischen Kontinent zum Inhalt haben, aus Sicht des Nordens entstanden. So habe ich versucht, an Archivmaterial unterschiedlichen Ursprungs heranzukommen und die Geschichte sowohl aus afrikanischer als auch aus kubanischer Sicht zu erzählen. Ich brauchte 13 Monate, bis ich die Kubaner überzeugt hatte, mir die Tore des ICAIC (Instituto cubano del arte e industria cinematograficos) zu öffnen. Und eines Tages ließ man uns dann in die große Halle, in der die Filmrollen lagern. Dort habe ich zum Beispiel die Bilder von Castros Safari auf seiner Afrikareise aufgestöbert. Die Eingangsszene – Mandela, der kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis Castro besucht – ist erst gegen Ende der Arbeiten am Filmschnitt hinzugekommen. Mit diesen Archivbildern will ich andeuten, dass die Geschichte, die ich erzähle, so endet: Fidel Castro legt seinen Arm freundschaftlich beschützend um den ANC-Leader.

Bisher unbekannte Zeitdokumente...
Im Fall der derzeitigen Demokratischen Republik Kongo war interessant, dass man durch die Autobiografie von Ernesto Che Guevara zwar die kubanische Sichtweise der Ereignisse kannte, über die des Kongo dagegen überhaupt nichts wusste. Vor Ort habe ich mit Djo Munga gearbeitet, der einen Teil der Kontakte hergestellt hat. So konnte ich Leute interviewen, die heute an der Macht sind und damals in den 60er-Jahren an der Seite von Che Guevara gekämpft haben. Sie haben die Ereignisse aus einer ganz anderen Perspektive geschildert. Auf kubanischer Seite konnte ich 13 Soldaten befragen, die mit Che Guevara im Kongo waren. An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem kubanischen Team und meinem Produzenten, Tancrède Ramonet, bedanken. Sie waren phantastisch.

Ihre Erzählung schwankt ständig zwischen Drama und Komödie. Was hat Sie zu diesem Ton veranlasst?
Es gab entscheidende Momente, wie die Verhandlungen im Jahr 1988 zwischen Afrikanern, Kubanern und Amerikanern zur Beendigung des Bürgerkriegs in Angola. Zunächst hat man den Eindruck einer sehr offiziellen, förmlichen Zusammenkunft. Aber letztlich haben sich dort Menschen getroffen, die den Lauf der Geschichte ändern sollten. Ich wollte die Beziehungen zwischen den Verhandlungspartnern und deren Entwicklung einfangen.
Die Anekdote von Jorge Risquet, der damals als Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas Afrikabeauftragter war und die Verhandlungen die ganze Zeit in einen Schleier aus Zigarrenqualm hüllte, mag nebensächlich erscheinen. Dennoch ist sie ein wichtiger Anhaltspunkt, der einem dabei hilft, den Geist dieser Begegnung zu verstehen. Denn im Film erläutert Jorge Risquet, dass er den Verhandlungen „ein kubanisches Flair“ geben wollte. Bezeichnend war auch die Szene, in der Chas W. Freeman, der damals noch zum amerikanischen Establishment gehörte, den Kubanern zugesteht, dass sie sehr viel politische Weitsicht an den Tag gelegt hätten. Angesichts der amerikanisch-kubanischen Beziehungen will eine solche Äußerung schon etwas heißen!

Sie hegen anscheinend eine gewisse Sympathie für diese kubanische Odyssee auf dem afrikanischen Kontinent …
Ich wollte meinen Film "Requiem pour la révolution" nennen, als Hommage an die revolutionären Ideale, die heute passé sind, die man aber nicht vergessen darf. Dieses Abenteuer zeugt ja auch davon, dass die afrikanischen Revolutionäre daran glaubten, dass sie letztlich die Unabhängigkeit erringen würden. Für sie waren die Kubaner ein Vorbild. Denn sie bewiesen ständig, dass es - selbst wenn man geschwächt ist und boykottiert wird – möglich ist, weiter für das Ideal zu kämpfen, an das man glaubt. Wenn ich mich näher mit den Hintergründen der kubanischen Machtverhältnisse beschäftigt hätte, wäre ich sicher weitaus kritischer mit Kuba umgegangen. Aber das war nicht mein Thema. Ich habe festgestellt, dass der Weg, den die Kubaner in Afrika vorgezeichnet haben, die Afrikaner davon überzeugte, dass Solidarität unter den Schwachen möglich ist und dass sie durch gemeinsames Handeln die Freiheit erkämpfen können.

Das Gespräch führte Emmanuel Chicon
ARTE Magazine

Erstellt: 27-09-07
Letzte Änderung: 03-10-07