Tobias Gohlis/Die ZEIT 14. Dezember 2010
KrimiBestenliste Dezember 2010
Joe R. Lansdales „Kahlschlag“ ist kein Buch, das man im trauten Familienkreis bei Lebkuchen und Kerzenschimmer vorlesen sollte. Die Geschichte beginnt in einem subtropischen Wirbelsturm, Ost-Texas, dreißiger Jahre, Große Depression, ein Holzhaus im Wald. „An jenem Nachmittag regnete es Frösche, Flussbarsche und Elritzen.“ Und Sunset liegt halb nackt auf dem Dielenboden ihres Hauses. Während ihr Ehemann auf sie eindrischt und sich anschickt, sie zu vergewaltigen, rüttelt ein Hurrikan an den Wänden. Sie greift sich seine Waffe und schießt ihm ein Loch in den Kopf. Sie will nicht mehr. Dann fliegt das Haus weg.
In Ost-Texas sind Wetter und Taten wichtiger als Worte. Denen kann man sowieso nicht trauen. Man muss die Signale der Konvention beachten, wenn man überleben will. Deshalb will Uncle Riley die notdürftig bekleidete, aus mehreren Wunden blutende Sunset auch nicht nach Camp Rapture transportieren. Man könnte ihn hängen, ein Nigger mit einer weißen Frau auf dem Wagen.
Der 1951 geborene Joe R. Lansdale ist in den USA als großer Geschichtenerzähler bekannt, neben Krimis hat er hunderte von Horror- und Westerngeschichten geschrieben. Ihm, dem 2008 verstorbenen James Crumley und dem über El Paso schreibenden Rick de Marinis verdanken wir eine spezielle schwarze Sicht auf Texas: Öl, Sümpfe, Rassismus und dreckiger, messerscharfer Humor. Das hat mit Klischee wenig zu tun, eher mit ihrem gewitzten Aufbrechen. Lansdale hat eine Privatdetektiv-Serie mit einem schwulen Schwarzen und weißen Hetero als Ermittlerduo geschrieben, da kreischen die Gender-Stereotypen wie unter der Kreissäge. Womit wir wieder bei „Kahlschlag“ und den erstaunlichen Wendungen wären, die Lansdale seinem Plot verpasst hat. In Camp Rapture („Rapture wie Entzücken, nicht Rupture wie Bruch“) werden weder Uncle Riley noch Sunset gehängt. Vielmehr wird Sunset von ihrer Schwiegermutter, der Besitzerin des Sägewerks, zum Constable des Hinterwäldler-Kaffs ernannt und darf nun den 38er ganz legal tragen, mit dem sie ihren Mann und Amtsvorgänger erschossen hat.
Doch die (Leser-) Freude an der anachronistischen Errichtung eines Feminats und an den ersten Heldenstückchen der rothaarigen Ms Constable währt kurz. Zwar gelingt es ihr, mit Tapferkeit und Treffsicherheit dem lokalen Machtgefüge winzige Kerben zu verpassen. Aber als die Leiche eines Babys und kurz danach die einer jungen Frau auf den Feldern eines schwarzen Landwirts gefunden werden, treten die wahren Machthaber von Camp Rapture und der vom Ölboom besoffenen Kreisstadt Holiday auf den Plan. Souverän steuert Lansdale die Story in immer groteskere Umdrehungen. Ein Bösewicht trägt nichts als eine Küchenschürze (ein Lansdale-Lesern bereits aus der großartigen Novelle „Sturmwarnung“ bekannter, in die Jahre gekommener Schlägertyp). Ein anderer beherbergt in sich gleich zwei debattierende personae. Sunsets Helfer haben gegen diese Monster schweren Stand – zudem lauern schmutziges Geld und Verrat an jeder Ecke. Und ein apokalyptischer Heuschreckenschwarm, der alles kahlfrisst. Am Ende des irren Wirbels um Ehre, Öl und Macht steht Sunsets Einsicht: „Das einzig Wichtige ist, dass ich in meiner Mitte ruhe.“







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