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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

30 Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 12/03/07

John Coltrane - A Love Supreme

Impulse!  589 945-2 Aufgenommen im Dezember 1964


von Harry Lachner

Die Auswahl im Überblick

Alles was ein Mann brauche, sagte jemand in einem Film von Jean Luc-Godard, sei eine Zigarette - und ein Solo von John Coltrane. Vielleicht ist ein versonnener Blick auf selbstfabrizierte Rauchringe, auf das langsame Aufglühen des Tabaks  die adäquat bodenständige Art, sich dem Zugriff jener überbordend religiösen Hymnik von "A Love Supreme" zu entziehen. "All praise be to God to whom all praise is due", schreibt Coltrane auf der Schallplattenhülle. Dieses Album sei sein Versuch, Gott zu danken. Es gibt viele Wege aus einer Persönlichkeitskrise - und Religiosität ist sicher unter Musikern ein weit verbreiteter.

Als der Saxophonist im Dezember 1964 zusammen mit Pianist McCoy Tyner, Bassist Jimmy Garrison und Schlagzeuger Elvin Jones ins Aufnahmestudio ging, hatte er seine Drogenabhängigkeit lange schon hinter sich. Das Quartett stand im Ruf, eines der innovativsten Ensembles des aktuellen Jazz zu sein. Jeder Auftritt glich einer Exkursion ins Unbekannte, Unerhörte. Und nicht selten spielten dabei die Themen keine große Rolle - es ging immer nur darum, was in der Improvisation daraus entstehen konnte.

Für diese Aufnahmesession allerdings hatte John Coltrane vorher bereits alles festgelegt: eine durchstrukturierte Suite, die mit einer großen Anrufung beginnt und mit einem langsamen Gebet endet. "A Love Supreme" wurde zu Coltranes berühmtestem Werk. Er streifte die Nähe zum Free-Jazz, man spürte die unterschwellige Ausbruchsbewegung aus der Harmonie, dem rhythmischen Korsett. Aber Coltranes Ästhetik blieb in einer einzigartigen Mischung aus bohrender Insistenz und Leichtigkeit. Der Nachdruck, den er auf jeden Ton legte, sprach für die Ernsthaftigkeit seiner spirituellen Ausdruckssehnsucht. Und es war auch Coltranes Tonkultur, die ihn letztendlich zum Free-Jazz führte.

Wenn man Coltranes Entwicklung betrachtet - von der Zeit beim Miles Davis Quintet Mitte der fünfziger Jahre bis zu seinem Tod 1967 -, dann vermittelt er das Bild eines Getriebenen. Kaum ein anderer Jazzmusiker wirkt in jedem Ton seines Spiels so ernsthaft, war so getrieben von einem unbändigen Erneuerungswillen und der ganz und gar unverspielten Lust am Experiment. Wenn er spielt, weiß man nie, ob er dabei das Innenleben des Ton befragt - oder beständig sich selbst. Selbst in den langsamen, lyrischen Stücken ist seine ungeheure Energie spürbar. Nur tobt sie hier unter der Oberfläche. In ihrer hymnischen Emphase gleichen viele seiner Stücke kontrollierten Ekstasen.

Spiritualität und Ambivalenz
John Coltrane spielte nicht nur, was das jeweilige Stück an Noten vorgab - er spielte immer auch etwas, das jenseits davon war. Manche bemühen dafür gern den Begriff der "Spiritualität" - weil man sich halt in esoterisch verbrämter Vagheit so schön bequem einnisten kann. Vielmehr spürt man eine durchgängige Ambivalenz.

Zwei Jahre vor "A Love Supreme" hatte der Saxophonist zwei Alben mit Balladen aufgenommen - "Coltrane Plays The Blues" und "Ballads". Das ist kein Zufall. Hier unterstreicht er nur mehr oder weniger direkt den Einfluß des Blues auf sein Spiel; ein Einfluß, der meist weniger beachtet wird als Coltranes Bezüge auf die klassische Indische Musik.

Gerade im Blues sind die Emotionen mehrfach codiert. Hier kann im musikalischen Ausdruck herzzerreißender Traurigkeit gleichzeitig die Auflehnung gegen die Verhältnisse - die privaten oder die politischen - mitschwingen. Da fließen Zorn und Melancholie ineinander, oder hilft auch mal die hoffnungsfrohe Leichtigkeit der Melodie über die Tristesse des Textes hinweg. Hier liegen die Wurzeln von Coltranes Ansatz, sein Spiel immer auf subtile Weise, und manchmal kaum merklich, ambivalent und vielschichtig zu halten.

Was an John Coltranes Soli auch heute noch fasziniert, ist seine große melodische Gestaltungskraft, die Art und Weise wie er sich souverän abwechselnd innherhalb und außerhalb der üblichen Akkord-Folge bewegt. Anders als andere Musiker seiner Zeit, war ihm nicht daran gelegen, sich als jemand zu inszenieren, der etwas des reinen Spiels wegen dekonstruiert. Er hatte so viel an Kreativität und Einfallsreichtum zu verschwenden, daß er damit alles - jeden Ton, jede Akkordfolge, jede Fremdkomposition - mit neuer Bedeutung aufladen konnte.

Und dabei ging er in seinen letzten Lebensjahren immer wieder bis an seine physischen Grenzen. John Coltrane starb, nicht mal 41jährig, am 17. Juli 1967 in Huntington, New York an Leberkrebs.

Text: Harry Lachner (Mai 2006)


John Coltrane: "A love supreme"

Impulse!  589 945-2
Aufgenommen im Dezember 1964

Erstellt: 16-05-06
Letzte Änderung: 12-03-07


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