10/08/11
John Stevens' Spontaneous Music Ensemble (SME) : "Quintessence" (1974)
Jahrhundertaufnahmen des Jazz
Sensibles Zusammenspiel in der freiesten Form
von Thomas Neuhauser
Die Auswahl im Überblick
- Adderley, Cannonball - Somethin' Else
- Armstrong, Louis - Fireworks
- Art Ensemble of Chicago - Urban Bushmen
- Ayler, Albert - Spiritual Unity
- Barbieri, Gato - Chapter One: Latin America
- Blakey, Art - Moanin'
- Bley, Carla - Escalator over the hill
- Braxton, Anthony - Quartet (Dortmund) 1976
- Breuker, Willem - The European Scene
- Coleman, Ornette - Free Jazz
- Coleman, Ornette - Tone Dialing
- Coltrane, John - A Love Supreme
- Davis, Miles - Birth Of The Cool
- Davis, Miles - Bitches Brew
- Davis, Miles - Kind Of Blue
- Dolphy, Eric - Out to Lunch!
- Ellington, Duke - Ko-Ko
- Evans, Gil - The individualism of Gil Evans
- Fitzgerald, Ella - Pure Ella
- Frith, Fred - Step across the border
- Goodmann, Benny - Carnegie Hall Concert
- Hancock, Herbie - Maiden Voyage
- Hawkins, Coleman - Body And Soul
- Holiday, Billie - The Complete Commodore Recordings
- Jarrett, Keith - Facing You
- King Oliver - The Essential Collection
- Kirk, Roland - Rip, Rig & Panic
- Lloyd, Charles - Forest Flower
- Medeski, Martin & Wood - The Dropper
- Mingus, Charles - The Black Saint...
- Monk, Thelonious - Genius of Modern Music
- Morton, Jelly Roll - Mr. Jelly Lord
- Mulligan, Gerry/Baker, Chet - The Complete Recordings
- Portal, Michel
- Reinhardt, Django - Souvenirs
- Ribot, Marc - Saints
- Rollins, Sonny - Village Vanguard
- Schlippenbach, Alexander von - Globe Unity
- Shepp, Archie- Fire Music
- Stevens, John
- Taylor, Cecil - Conquistador!
- The Quintet (Charlie Parker) - Live At Massey Hall
- Tippett's, Keith "Centepede" - Septober Energy
- Tristano, Lennie - Lennie Tristano
- Weather Report - same (1971)
- Young, Lester - The Complete Aladdin Sessions
- Zorn, John - Naked City
Das vom britischen Schlagzeuger und Percussionisten John Stevens 1966 gegründete und programmatisch benannte „Spontaneous Music Ensemble“, kurz SME, hatte viele Sternstunden in der wirklich freien, spontanen Improvisation, von denen glücklicherweise einige noch erhältlich sind. Eine davon ist zweifellos dieser unter dem Titel „Quintessence“ wieder veröffentlichte Konzert-Mitschnitt von 1974. Ein faszinierendes Dokument der vielleicht avanciertesten, konsequentesten und doch verhalten-disziplinierten Form des freien Zusammenspiels – wobei die Betonung bei John Stevens eben nicht nur auf „spontan“ und „frei“ sondern immer auch auf „zusammen“ liegt.
Gerade in den freien Spielformen war die englische Jazzszene, auch mit ihren zahlreichen Migranten, der kontinentaleuropäischen Szene – abgesehen vielleicht von den Niederlanden - schon in den 1960er Jahren in mancher Hinsicht voraus. Musiker wie Keith Tippett, Stan Tracey, Derek Bailey, Evan Parker, Barry Guy, Harry Miller, Louis Moholo, Lol Coxhill und vor allem der Perkussionist und Komponist John Stevens erspielten sich in wechselnden Musiker-Kollektiven bereits Mitte der sechziger Jahre neue Freiheiten. Freiheiten, die sich mehr immanent musikalisch entwickelten, als dass sie sozio-kulturell aufgeladen einem schwarzen Erfahrungshorizont entsprangen.
Bei John Stevens und seinem gemeinsam mit dem Saxofonisten Trevor Watts 1966 gegründeten „Spontaneous Music Ensemble“ steht die Weiterentwicklung freier musikalischer Ausdrucksformen im Vordergrund – mit Musikern, die Klang- und Strukturforschung live und in Echtzeit auf der Bühne erlebbar machen. Streng genommen steht die unveränderliche Aufnahme auf einen Tonträger dazu in direktem Widerspruch, aber der 1994 leider viel zu früh verstorbene John Stevens ist so mit seiner Vision eines ebenso spontanen wie sensiblen Zusammenspiels mit hoher Klangabstraktion wenigstens heute noch zu hören.
Am 3. Februar 1974 kam im Londoner ICA Theatre – dem Institute for Contemporary Arts – ein All-Star-Ensemble der britischen Improvisationsmusik zusammen und spielte zwei Sets von 40 bzw. 35 Minuten. Obwohl es keine Absprachen gab und die fünf Musiker in dieser Formation auch noch nicht zusammen gespielt hatten, ist der zu Recht unter dem Titel „Quintessence“ veröffentlichte Mitschnitt ein erstaunliches Beispiel für völlige spielerische Freiheit und Spontaneität, bei gleichzeitig maximaler Empathie und großer Rücksichtname auf das Spiel der Mitmusiker.
Noch konsequenter als z. B. bei der Michel Portal Unit – ebenfalls eine Jahrhundertaufnahme der freien Improvisation - ist jeder darauf bedacht, seine Spielideen nicht auf Kosten der anderen Musiker durchzusetzen und jederzeit aufeinander zu hören. Selbst die in anderen Formationen mit großen erzählerischen Spannungsbögen und Zirkularatmung spielenden Saxofonisten Evan Parker und Trevor Watts setzen hier eher vorsichtig und diszipliniert die Akzente. “Wenn Du einen anderen Musiker nicht hören kannst, spielst Du zu laut“ war eine Maxime von John Stevens’ SME, und man könnte ergänzen, dass hier die improvisatorische Freiheit zunächst immer die Freiheit der anderen ist.
So werden auch die leisen, scheinbar nebensächlichen Klangnuancen wichtig, und die Interaktion der Musiker ist natürlich auch kein einfaches Frage- und Antwort-Spiel mehr. Ein solches musikalisches Konzept erfordert höchste Konzentration und kann sich nur langsam beim Spiel selbst entwickeln. Dem „Spontaneous Music Ensemble“ gelingt hier mit John Stevens (Percussion und Cornet), Evan Parker und Trevor Watts (Sopransaxofone), Derek Bailey (Gitarre) und Kent Carter (Cello und Kontrabass) tatsächlich die „Quintessence“ einer denkbar freiesten, gleichzeitig aber auch von großer Sensibilität geprägten Kollektiv-Improvisation im kreativen Spannungsfeld zwischen Individuum und Gruppe.
Autor: Thomas Neuhauser
John Stevens' Spontaneous Music Ensemble (SME) : « Quintessence »
Aufgen. 1973 und 1974
Emanem 2007 (Nr. 4217)
Erstellt: 02-08-11
Letzte Änderung: 10-08-11