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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

John Zorn : Naked City

Warner/Elektra Nonsuch 7559-79238-1 oder -2 (1990)


von Reinhard Kager

Die Auswahl im Überblick

Schon das Cover bewirkte einen Schock: Es zeigt das zerschossene Gesicht eines Mannes, der in der Lache seines Bluts auf dem Betontrottoir liegt. Daneben ein Revolver. Wie eine Maschinengewehrsalve knattert dann auch John Zorns „Naked City“ wild drauflos: Mit dem knalligen „Batman“-Theme in einer unablässig zwischen Noise-Rock und Country-Groove changierenden Version beginnt Zorns 1990 bei Warner Music erschienene LP. Der zweite Schock.

Nicht genug damit, dass einst Miles Davis mit Rock-Rhythmen die heile Swing-Welt des Jazz in Aufruhr versetzt hatte, hielt nun auch noch die Unterhaltungsmusik Einzug: Von „Batman“ bis zum „James Bond Theme“, von Country bis zu Calypso, von Death Metal bis zu Trash Rock, von B-Movie-Melodien bis zu Cocktail-Bar-Gesäusel sind so ziemlich alle Unterhaltungsstile präsent auf dieser ersten Einspielung von Zorns legendärer Gruppe „Naked City“.

Meister der musikalischen Collage

Wie der amerikanische Saxophonist diese Motive aus dem kommerziellen Entertainment verwendet, wird aber auch die Fans der leichten Musen kaum weniger verstört haben: Denn nur kurz blitzen die Themen auf, werden jäh von einer unerbittlichen Noise-Lawine überrollt, aus der unvermutet die nächste stilistische Reverenz auftaucht. John Zorn ist ein Meister der Collage-Technik. Was er in den neunziger Jahren mit "Naked City" produziert hatte, ehe er mit der neuen Band „Masada“ seine jüdische Herkunft entdeckte, um Klezmer zur „Radical Jewish Culture“ umzufunktionieren, trug Zorn den Ruf eines postmodernen Musikers ein. Eine eher zweifelhafte Ehre angesichts der feuilletonistischen Diskreditierung der Postmoderne. Besser sollte man daher sagen: John Zorn hat die Postmoderne auf ihren wahren Begriff gebracht.

Zweifellos bedienen sich seine Video-Clip-artigen Collagen, die in rasender Geschwindigkeit die heterogensten Motive aneinanderreihen, der gesamten Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Doch darin erschöpft sich Zorns Eklektizismus. Denn die Motive der Unterhaltungsmusik, in einen solch vollkommen anderen Kontext gebracht, erscheinen in diesem rasenden Fluxus nicht als betuliche Zitate, sondern demaskieren die scheinbar heile Welt des Entertainments kritisch als fortschreitendes Unheil.

Das Merkwürdige dabei: Obwohl Zorn mit jähen Brüchen, mit bewussten Rissen, mit filmischen Schnitten operiert, erscheinen seine Collagen als in sich schlüssige, homogene Stücke. In ihnen blitzt schockhaft das Bild einer in zunehmender Beschleunigung auf den Abgrund zurasenden Gesellschaft auf. Ein Meisterwerk, an dem Zorns Mitmusiker, der Gitarrist Bill Frisell, der Bass­gitarrist Fred Frith, der Keyboarder Wayne Horvitz, der Drummer Joey Baron und der Vokalist Yamatsuka Eye, dank ihrer enormen Flexibilität einen großen Anteil haben.

Text: Reinhard Kager

John Zorn: „Naked City“ (1990)
Warner/Elektra Nonsuch 7559-79238-1 oder -2
John Zorn, as, Bill Frisell, guit, Fred Frith, e-b, Wayne Horvitz, keyb, Joey Baron, dr, Yamatsuka Eye, voc.

Bei Zorn's Label „Tzadik“ ist kürzlich auch eine 5-CD-Box unter dem Titel „Naked City, The Complete Studio Recordings“ erschienen. Tzadik TZ 7344-5

Erstellt: 16-05-06
Letzte Änderung: 28-11-08


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