Die Liebe ist, wie wir alle wissen, ein zum Scheitern verurteiltes Konzept. Anfangs Flattern in der Magengrube, erotische Spielchen und Sex ohne Pause, kurzum: alles außergewöhnlich und neu. Dann – nach drei Monaten bis zehn Jahren – die böse Gleichförmigkeit und Langeweile. Widerliche Machoprahlereien beim Heraufbeschwören vergangener Tage und danach Stille; kleine Seitensprünge mit dem Aerobiclehrer oder der besten Freundin der Frau, um sich noch ein bisschen lebendig zu fühlen.So geht es auch Mirra und Eric. Und Leif und Irina. Und Bàrbara und Helmut. Miteinander tun sie es aus verschiedenen Gründen nicht mehr oder nur noch lustlos, dafür schauen sie sich links und rechts und untereinander um, doch auch das bringt sie nicht wirklich weiter.
Im ersten Teil seines Erzählbands „Erhöhte Temperatur“ nimmt der katalanische Autor Jordi Puntí einen Freundeskreis von Leuten zwischen 30 und 40 Jahren unter die Lupe und beleuchtet und belächelt ihr Liebesleben paarweise.
Bildergalerie von Jordi PuntíDie ekelhafte Süße der Erinnerung
Eric und Mirra kehren an den Ort ihrer ersten gemeinsamen Nacht zurück, wie sie es sich vor zehn Jahren versprochen haben, um ihre abgestandene Liebe etwas aufzumischen. Doch von der grandiosen Nacht im Holzbungalow am See ist nichts übrig geblieben als Erinnerungen „mit dem Geschmack und Geruch einer überreifen Banane“, die schon lange die Luft im ehelichen Heim verpesten. So wandeln die beiden nun händchenhaltend am Ufer der einstigen Idylle, die inzwischen von Tierkadavern und benutzten Kondomen gesäumt ist, und hoffen eigentlich beide nur, diesen zum Scheitern verurteilten Versuch möglichst schnell hinter sich zu bringen.
Auch zwischen Helmut und Bàrbara lief es schon mal besser. Der Drehbuchautor für „Science-Fiction-Dokumentarfilme“ hat lange gebraucht, um sich von den „Weltraumsuperhelden“ seiner Jugendzeit zu lösen, und fährt noch immer seinen ganz eigenen Film. Die Welt betrachtet er am liebsten durch den Fokus seiner Kamera, und seine Freizeit verbringt er in Comicläden. Das Ticken von Bàrbaras „biologischer Uhr“ klingt für ihn bedrohlich wie das „Rauschen eines gefährlichen Wasserfalls“, und schmerzlich muss er feststellen, dass seine Bàrbara – übrigens die Kollegin, die sich zusammen mit Mirra in Italien mit hübschen Schülern vergnügt hat – immer weniger der Prinzessin aus einem „Abenteuer galaktischer Eroberer“ gleicht. Kurzum: Es ist alles nicht so ganz, wie es sein sollte, und so kommt Helmut auf die originelle Idee, seine Brieffreundin Cynthia, der er mit dreizehn englische Floskeln schrieb, in London zu besuchen.
Erotische Albträume
Und dann ist da noch der Trauerkloß Leif, dessen Unglück Puntí gleich zwei Geschichten widmet. Leif verbringt seine Freitage auf der Couch seines Psychiaters und seine Nächte mit erotischen Albträumen. Vor vier Monaten hat ihn seine Frau Irina verlassen – übrigens die Freundin von Mirra, die Eric „hemmungslos“ in ihrer Wohnung gevögelt hat, während sich Lehrerin Mirra in Italien von einem Schüler die Brüste streicheln ließ. Leif, der arme Tropf, ahnt von alldem nichts. Dafür kommt er dahinter, dass sich seine Ex ständig Pornofilme ausleiht – auf seine Mitgliedskarte!
Der derb-ironische Erzählton des ersten Teils von Puntís Erzählband weicht einem melancholischen Humor im zweiten Teil, wenn der Autor auf den letzten fünfzig Seiten die Launen und Intrigen der gelangweilten Oberschicht mit den Träumen südamerikanischer Einwanderer im vornehmen Wohnviertel Pedralbes in Barcelona kontrastiert. Puntís Frauen sind „Realos“, oft berechnend und stark, die Männer meist schüchterne Träumer. Dass der auktoriale Erzähler es nicht lassen kann, sich mit ironischen – manchmal auch selbstironischen – Kommentaren ins Geschehen einzumischen, nervt bisweilen ziemlich. Denn was offensichtlich Nähe zu den Figuren demonstrieren soll, erzeugt genau das Gegenteil: Distanz. Trotzdem und trotz der teilweise etwas zu sehr um Originalität bemühten Sprache – hat Puntí kurzweilige und unterhaltsame Geschichten geschrieben, die er auf witzige Weise miteinander verknüpft.
Warum nicht mal lachen über die Liebe?
Über die Liebe ist schon viel erzählt worden – auch in diesem Jahr. Während Autoren wie Maxim Biller („Liebe heute“) oder Arno Geiger („Anna nicht vergessen“) ihren Geschichten jedoch einen lakonisch-tristen Ton verpassen, entscheidet sich Puntí für ein aufmunterndes Augenzwinkern. Zwar bleibt auch bei ihm die Liebe ein Sehnen und ein Gähnen – daran gibt’s nichts zu rütteln. Aber warum nicht einfach mal darüber lachen?
Eine Rezension von Maike van Schwamen






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