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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

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05/11/08

Jorge Semprún (Spanien / Frankreich)

ein gemeinsames Gedächtnis Europas aufbauen


Der 1923 in Madrid geborene Schriftsteller Jorge Semprún studierte Philosophie in Paris, wohin er zu Beginn des spanischen Bürgerkrieges mit seiner Familie geflohen war. Schon 17jährig schloss er sich der Résistance an, wurde 1943 von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Nach seiner Befreiung 1945 engagierte er sich im kommunistischen Widerstand gegen das Franco-Regime. 1964 wurde er wegen Abweichung von der Parteilinie aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Mit dem Tod Francos 1975 ist auch der Niedergang der spanischen Diktatur verbunden. Spanien wird zur Demokratie, in der sich Semprún als Kultusminister engagiert (1988 – 1991). Seit Ende seiner Amtszeit lebt er wieder in Paris.
Semprúns literarisches Werk ist vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem 1994 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sein zuletzt erschienenes Buch „Was es heißt, Europäer zu sein“ (Murmann 2006) ist ein Plädoyer für Europa – und für eine europäische Verfassung.
Weitere Titel: „Was für ein schöner Sonntag!“ (Suhrkamp 1981), „Zwanzig Jahre und ein Tag“ (Suhrkamp 2003), „Blick auf Deutschland“ (Suhrkamp 2003)

Was muss getan werden, damit ein Europa der Fünfundzwanzig und demnächst Siebenundzwanzig funktioniert?
So lautet die erste und dringlichste Frage, die sich Europas führenden Politikern stellt. Und das ist nicht bloß eine praktische Frage guter Regierungsarbeit, administrativer Flexibilität und kluger Kompromissfindung. Zu allererst einmal ist es eine konzeptuelle Frage, mit der eine gewisse Vorstellung von der Welt und von Europa verbunden ist sowie eine Reihe langfristiger kultureller und politischer Entscheidungen. […]
Der erste Aufgabenbereich, auch wenn das manchen zumindest auf den ersten, flüchtigen Blick paradox erscheinen mag (haben wir nicht Dringlicheres zu tun? Eben nicht!), ist kultureller Art.
Dabei ginge es darum, ein gemeinsames Gedächtnis Europas wiederaufzubauen. Denn wir sind halbseitig gelähmt. Oder die meisten von uns sind es zumindest. Was wissen wir, Westeuropäer, wirklich, ernstlich von dem halben Jahrhundert Mittel- und Osteuropas unter den aufeinander folgenden totalitären Systemen des Nazismus und des Stalinismus?


Jorge Semprún und Dominique de Villepin
Was es heißt, Europäer zu sein
Aus dem Französischen von Michael Hein
Murmann, 2006, Hamburg
ISBN3-938017-48-1

Erstellt: 27-08-07
Letzte Änderung: 05-11-08