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09/11/07

Juan Marsé: Liebesweisen in Lolitas Club

Juan Marsés jüngster Roman führt seinen tragischen Helden zurück an die winterleere Costa del Garraf, an der er aufwuchs, und zurück zu seinem Zwillingsbruder, einem sympathischen Spinner mit geistiger Behinderung. Ein Bordell an der Schnellstraße nach Barcelona wird zum Schauplatz des ungleichen Kampfes zweier Brüder um Freiheit und Selbstbestimmung.

Der junge Polizist Raúl Fuentes ist ein versoffener, verbitterter Macho, wie er im Drehbuch eines düsteren TV-Krimis steht. Frauen sind für ihn Körper, die man kaufen kann, halbstarke Mafiasprösslinge und ETA-Aktivisten „Scheißkerle“, denen man das Maul stopfen darf. Wegen eines Disziplinarverfahrens vorläufig vom Dienst in galicischen Vigo suspendiert, kehrt Raúl in seine Heimat Katalonien zurück – in den Küstenort Castelldefels an der Costa del Garraf, der „Hausküste“ Barcelonas. Hier lebt sein Vater, früherer Widerstandskämpfer gegen Franco, mit seiner jungen zweiten Frau und Raúls Zwillingsbruder Valentín.

Süße Kringel für gestrandete Existenzen

Valentín gleicht seinem Macho-Bruder nur äußerlich. Er ist ein liebenswerter Träumer, der mit einer Hirnlähmung geboren wurde und geistig behindert ist. Er hilft in „Lolita’s Club“ aus, einem nahe gelegenen Bordell an der Schnellstraße nach Barcelona, wo er den Mädchen Pizza und süße Kringel bäckt und die täglichen Einkäufe für sie erledigt. Mit seiner unschuldigen Großherzigkeit und Lebenslust bringt er Wärme in den traurigen Alltag der gestrandeten Frauen aus Kuba, Kolumbien und der Dominikanischen Republik, die sich – hoch verschuldet und desillusioniert von den falschen Versprechungen ihrer Schleuser und Zuhälter – mit Joghurt und Koks am Leben halten und sich an die vage Hoffnung klammern, irgendwann einmal in die Heimat zurückkehren zu können. „Valen“, wie die Mädchen Valentín zärtlich nennen, ist der Einzige in diesem trostlosen Kosmos, der noch an die Liebe glaubt und sie – zur Verzweiflung seines Bruders – mit Schnulzen von Gloria Lasso besingt. Er weiß, was er will, und legt eine gehörige Portion Sturheit an den Tag.

Die persönliche Freiheit als höchstes Gut

Unterstützt von seinem Vater, dem die persönliche Freiheit das höchste Gut ist, führt Valentín ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Bis Raúl aus Vigo zurückkehrt und glaubt, den Bruder wieder unter seine Fittiche nehmen zu müssen. So tat er es schon in ihren Kindertagen, mit denen die beiden vor allem bittere Erinnerungen an die Mutter verbinden, die die Familie verließ, um sich zu prostituieren. Raúl kauft zwar selbst Frauen, hat aber keinerlei Achtung vor ihnen, und so springt er im Dreieck, als er erfährt, dass Valentín sich in ein Mädchen aus dem Club verliebt hat. Eine „Nutte“ ist Raúls Ansicht nach „dafür da, mit jedermann zu ficken“, aber sicherlich nicht als „Verlobte“ für seinen behinderten Bruder. Mehr dem eigenen Begehren als seinem Beschützerinstinkt folgend gibt er keine Ruhe, bis er die unschuldige Freundschaft zwischen Valentín und der traurigen Milena und damit auch zwei Leben zerstört hat.

Brudermord und Befreiung

Vor dem Hintergrund des Menschenhandels in spanischen Bordellen, baskischen ETA-Terrors und galicischer Drogenmafia erzählt Juan Marsé die Geschichte eines indirekten Brudermordes. Erst durch Valentíns Tod und dessen Leben, das er sich überstülpt, wie Valentíns Schirmmütze, wird Raúl fähig, selbst zu leben und sich aus seinem Gefängnis der Gefühllosigkeit zu befreien.
Marsé zeichnet seinen Roman multiperspektivisch und überlässt über weite Strecken seinen Figuren das Wort. Um Szenen aus der Vergangenheit heraufzubeschwören und auf zukünftige Ereignisse zu verweisen, bedient er sich filmischer Mittel, wie Rückblenden oder Gleichzeitigkeit, – und schafft damit eine Unmittelbarkeit, die ihresgleichen sucht. Obwohl er der Grenze zum Kitsch dabei bisweilen gefährlich nahe kommt und seinen Macho-Helden nachsichtiger behandelt als mancher Leser – manche Leserin – es sich vielleicht wünschen mag, ist „Liebesweisen in Lolitas Club“ ein durchaus lesenswerter Roman mit äußerst lebendigen Figuren.

Eine Rezension von Maike van Schwamen

Erstellt: 08-10-07
Letzte Änderung: 09-11-07