„Einstweilen sind wohl nur die kerneuropäischen Mitgliedsstaaten bereit, der EU gewisse staatliche Qualitäten zu verleihen. [...]
„Europa muß sein Gewicht auf internationaler Ebene und im Rahmen der UN in die Waagschale werfen, um den hegemonialen Unilateralismus der Vereinigten Staaten auszubalancieren. [...]
„Die EU bietet sich schon heute als eine Form des „Regierens jenseits des Nationalstaates“ an, das in der postnationalen Konstellation Schule machen könnte. Auch die europäischen Wohlfahrtsregime waren lange Zeit vorbildlich. Auf der Ebene des Nationalstaates sind sie heute in die Defensive geraten. Aber hinter die Maßstäbe sozialer Gerechtigkeit, die sie gesetzt haben, darf auch eine künftige Politik der Zähmung des Kapitalismus in entgrenzten Räumen nicht zurückfallen. Warum sollte sich Europa, wenn es mit zwei Problemen dieser Größenordnung fertig geworden ist, nicht auch der weiteren Herausforderung stellen, ein kosmopolitische Ordnung auf der Basis des Völkerrechts gegen konkurrierende Entwürfe zu verteidigen und voranzubringen?
„Jede der großen europäischen Nationen hat eine Blüte imperialer Machtentfaltung erlebt und, was in unserem Kontext wichtiger ist, die Erfahrung des Verlusts eines Imperiums verarbeiten müssen. Diese Abstiegserfahrung verbindet sich in vielen Fällen mit dem Verlust von Kolonialreichen. Mit dem wachsenden Abstand von imperialer Herrschaft und Kolonialgeschichte haben die europäischen Mächte auch die Chance erhalten, eine reflexive Distanz zu sich einzunehmen. So konnten sie lernen, aus der Perspektive der Besiegten sich selbst in der zweifelhaften Rolle von Siegern wahrzunehmen , die für die Gewalt einer oktroyierten und entwurzelnden Modernisierung zur Rechenschaft gezogen werden. Das könnte die Abkehr vom Eurozentrismus befördert und die kantische Hoffnung auf eine Weltinnenpolitik beflügelt haben.“
In seiner Schrift Zum ewigen Frieden (1795) sprach sich Emmanuel Kant als erster Denker offen für einen „Völkerbund“ aus, der über den Frieden zwischen den Nationen wachen sollte. 125 Jahre später wurde der Völkerbund, der Vorläufer der Vereinten Nationen, gegründet.






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Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas, 1927 in Düsseldorf geboren, ist einer der wichtigsten Vertreter der zweiten Generation der Frankfurter Schule und der „Kritischen Theorie“. Er lehrte in Frankfurt, Marburg, Heidelberg und den USA und leitete von 1971 bis 1982 das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Seit je verband Habermas seine wissenschaftliche Tätigkeit mit aufklärerischem Engagement als Autor und Publizist.
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