Für Jugendliche wie für alle anderen ist der Zugang zu pornografischen Bildern und Inhalten kinderleicht - ein Mausklick genügt. Das Internet hat das Fernsehen abgelöst, und einige Websites bieten gratis oder gegen Bezahlung Pornovideos von unterschiedlicher Qualität an. Das ist die Welt des Cybersex.
Die Prägung einer gestörten Generation
Die Zugangsschwelle zur Pornografie ist so niedrig wie noch nie, und Erhebungen des französischen Rundfunk- und Fernsehrates CSA zufolge hat knapp ein Drittel der 9-15-Jährigen bereits mindestens eine Minute Pornofilm gesehen, entweder im Fernsehen, im Internet oder sogar auf dem Handy. Ein weiterer Trend: Acht von zehn 14- bis 15-jährigen Jungen sehen mindestens einen Pornofilm pro Jahr, und jeder Dritte sieht mehr als 10 Pornofilme pro Jahr. Pornofilme ansehen ist einer europäischen Studie zufolge, die 2003 bei 16.000 französischen Mittelschülern durchgeführt wurde, gang und gäbe. Für Mädchen ist Porno jedoch offensichtlich traumatischer als für Jungs: 56 % der Mädchen gaben an, die Bilder abstoßend zu finden, 28 % empfanden sie als störend und 16 % als schockierend; bei den Jungs erklärten sich 54 % als amüsiert, 34 % gaben zu, daran Gefallen zu finden, und 12 % hielten Pornos für nützlich.
Für Jacques Waynberg, Sexologe und Leiter eines französischen Instituts für Sexologie, ist sexuelle Neugier in diesem Alter ganz normal, es handelt sich um einen klassischen Schlüsselloch-Voyeurismus des sexuell unerfahrenen Jungen. Aber: „Das Hauptproblem besteht darin, dass sich die Sexualität nicht über die Phantasie ausbildet. Dies kann verheerende Auswirkungen auf junge und sexuell unerfahrene Jugendliche haben." Tatsächlich spiegeln diese auf einen bestimmten Aspekt reduzierten, ungeschönten Darstellungen des Geschlechtsverkehrs eine falsche Realität wider. "Es handelt sich hier um einen künstlichen Ersatz für die Sexualität", so Jacques Waynberg weiter, "mit verkürztem Blickwinkel. Es ist, als ob wir, um Französisch zu lernen, nur französische Krimis lesen würden. Pornofilme spiegeln nicht die ganze Sexualität wieder." Das birgt die Gefahr, dass hier eine ganze Generation heranwächst, die "unfähig sein wird, sich ein reiches und erfülltes Sexualleben aufzubauen."
Pornos haben die Sexualerziehung ersetzt. In den Schulen wird Sexualität nur unter ihrem wissenschaftlichen und biologischen Aspekt behandelt, in den Familien spricht man in der Regel wenig darüber und die Diskussionen unter gleichaltrigen Freunden beschränken sich auf erfundene oder tatsächliche "Leistungsvergleiche".
"Männer sind ständig von Angst ergriffen, und nur die Größe zählt für sie", erklärt Jacques Waynberg. "Das einzige Ziel des Mannes besteht darin, die klaffende Öffnung der Frau durch die Penetration auszufüllen. Das ist die so genannte ‚Kastrationsangst’."
Sex, ein flüchtiges Produkt der Konsumgesellschaft
Die Pornografie hat vor allem die sexuellen Praktiken beeinflusst. Und schafft Leistungsdruck: Der Mann als nicht ermüdender Hengst muss - wie Rocco Siffredi! - eine Erektion nach der anderen produzieren können und systematisch Analverkehr betreiben. "Die Situation ist sehr beunruhigend", kommentiert Jacques Waynberg. "Der junge Zuschauer eines Pornofilms identifiziert sich mit den Darstellern, die Sex von Berufs wegen praktizieren, natürlich ist das nicht die Norm. Gefühle gibt es hier nicht. Das führt zwangsläufig zu einem Komplex. Auch die Praktiken liegen nicht in der Norm: Analverkehr, Triolismus, Orgien usw. Männer und Frauen, die sich davon zu sehr beeinflussen lassen, fragen sich schließlich, ob sie ‚normal’ sind, wenn sie daran keinen Gefallen finden.“ Die Sexwelle stellt nach Ansicht des Anthropologen, Psychiaters und Sexologen Philippe Brenot eine echte Gefahr dar: "Der Pornofilm ist das schlechteste Beispiel für Sexualität: Körper werden nicht als Ganzes betrachtet, Geschlechtsorgane werden in Großaufnahme gezeigt, das Tempo ist heftig, die Worte und Gesten stecken voller Gewalt … All das zusammengenommen führt zur Abwertung des anderen und von einem selbst." Für Erotik ist kein Platz mehr, das "sexuell Korrekte" nimmt überhand.
Hinzu kommt, dass der Mann immer als dominant und die Frau als eine Kreatur dargestellt wird, deren einzige Rolle darin besteht, sich den tierischen Gelüsten des Herrn zu unterwerfen – eine austauschbare, zum Objekt degradierte Partnerin. Aufgrund dieser Darstellungen neigen Jungen dazu, die Frauen in zwei Kategorien aufzuteilen: die "leichten Mädchen", mit denen man alles machen kann – eine traurige Veranschaulichung dieser Einstellung ist der "Gangbang" oder die Gruppenvergewaltigung - und die anderen, an die man sich eventuell gefühlsmäßig binden kann.
Manche Experten sprechen heute auch von der "Sexualisierung der Kindheit". Für die erste sexuelle Beziehung liegt der Altersdurchschnitt zwar bei 17 Jahren, aber es scheint banal zu werden, dass Jugendliche immer früher erstaunliche Erfahrungen machen. In manchen Schulhöfen sind Fellatio und Masturbation an der Tagesordnung, die Umkleiden und Toiletten müssen streng bewacht werden, und ganz groß in Mode ist der "Fuck friend" als Symbol für den Sexkonsum als flüchtiges Produkt, das nur der kurzfristigen Befriedigung dient.
Pornografie macht süchtig und unterwirft
Der letzte markante Aspekt unserer modernen Pornokonsumgesellschaft sind die Handys, die wie Digitalkameras oder -fotoapparate immer häufiger dazu eingesetzt werden, einen eigenen Amateurfilm zu drehen bzw. Sexszenen, "Happy Slapping"-Aktionen und andere grundlose Gewalttaten zu filmen und das Video anschließend ins Internet zu stellen.
Die jungen Generationen machen sich diese Verfahren zu eigen und leben damit sowohl einen gesellschaftlich anerkannten Exhibitionismus aus als auch den ewigen Phalluskult.
Einen weiteren Gefahrenaspekt der Pornografisierung der modernen Gesellschaft hatte schon Alexander Solschenizyn erkannt, der sagte, man unterwerfe Menschen besser mit Pornografie als mit Wachtürmen. Zahlreiche Breitenstudien über das Phänomen der Pornografie bekräftigen diese Theorie. Als Hauptgefahr gilt die kulturelle Verarmung durch suchtartigen Überkonsum der Pornografie.
Die sinnliche, emotionelle und existenzielle Wirklichkeit tritt zugunsten falscher und verzerrter, virtueller Wahrheiten in den Hintergrund. Aber die 1953 mit dem Playboy-Magazin entstandene neue sexuelle Ordnung dient noch einem anderen Gott: Derzeit setzt die Pornoindustrie jährlich knapp 60 Milliarden Euro um.







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