Die Produktion von Jugendbüchern verzeichnet seit mehreren Jahren einen Anstieg. Wie steht es mit dem Verkauf in den Buchhandlungen?
Es werden in der Tat immer mehr und immer bessere Kinder- und Jugendbücher produziert, und entsprechend dem vergrößerten Angebot steigt auch die Anzahl der Leser: Die Kinder verbringen ihre Zeit nicht, wie allgemein angenommen, vor dem Fernseher oder mit Videospielen. Sie haben eine riesige Auswahl an Büchern, auch wenn bestimmte Serien das Angebot in Wirklichkeit etwas einschränken. Inhaltlich zeichnen sich keine eindeutigen Trends ab: Die eher realistischen Romane entwickeln sich gut, aber „Girly“-Serien der romantischen Art haben ebenfalls großen Erfolg. Und die attraktive graphische Gestaltung kommt dem Jugendbuch sehr zugute: Noch nie waren Stile und Formate so vielfältig und abwechslungsreich.
Und was wählen die Kinder aus? Klassischere Formen scheinen ihnen im Allgemeinen besser zu gefallen als graphisch sehr perfekt aufgemachte Bildbände …
Gelegentlich irrt man sich in der Zielgruppe: Manche Titel sind echte Zeichenbände, die zwar den Eltern hervorragend gefallen, Kinder aber überfordern. Den Geschmack der Kleinen kann man einfach nicht „formatieren“. Kinder sind, wie andere Leser auch, sehr unterschiedlich. Manche Sechsjährige lesen eher herkömmliche, graphisch und narrativ konventionell gestaltete Geschichten. Andere kleine Leseratten dagegen sind ungeheuer neugierig und suchen innovativere Bücher.
Das wirklich Neue ist, dass Kinder selbst ihre Wünsche anmelden …
In diesem Punkt hat sich tatsächlich etwas verändert. Wie oft habe ich schon Eltern erlebt, die versuchten, ihrem Kind ein bestimmtes Buch in die Hand zu drücken, obwohl das Kind etwas ganz anderes lesen wollte! Auf dem Schulhof funktioniert die Flüsterpropaganda sehr gut. Zum Teil entstehen Moden auch durch das Fernsehen: Nach der Ausstrahlung von „Titeuf“ (der kleine Rotzlöffel mit der tollen Tolle) als Animationsfilm stürzten sich die Kinder sogleich auf den gleichnamigen Comic. Ein anderer Grund für das Kreisen der Handelsstrategien um das Kind ist seine Rolle als Entscheidungsträger. Ein Beispiel: Wenn die Lehrerin die Story eines Buches erzählt hat, wollen es manche Schüler sofort kaufen, um in den Besitz dieses Lesestoffs zu kommen. Sie füllen ihren Bücherschrank selbst, manche mit einer Reihe, andere mit einem Lieblingsautor, wieder andere wahllos.Sie scheinen kein Verfechter der Altersempfehlungen für Bücher zu sein …
Ich finde das völlig absurd! Kinder können wie jeder andere Leser auch Lust auf ein schwieriges Buch haben, wenn sie sich ihm gewachsen fühlen, oder umgekehrt, lieber etwas Leichteres auswählen. Ferner hat das Leseniveau sehr wenig mit dem Alter zu tun, alles hängt von der geistigen Entwicklung des Kindes ab. Die Aufteilung des Literaturangebots nach Altersgruppen scheint mir unpassend. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Man kann eine „mittlere“ Literatur ausmachen, die jugendliche Leser und junge Erwachsene miteinander verbindet. Wie viele Erwachsene lesen Harry Potter? Wie viele Bücher, die große Erfolge bei den Erwachsenen hatten, wurden als Jugendbücher neu verlegt? Vor allem in bestimmten Genres – Krimis, fantastische und Science-fiction-Literatur – verschwimmt die Grenzlinie zwischen Jugend– und Erwachsenenliteratur. In unserer Buchhandlung stehen diese Regale dicht nebeneinander, der Übergang vollzieht sich beinahe nahtlos: Ich stelle oft fest, dass unsere Kunden zwischen beiden Bereichen hin und herlaufen. Ob Jugendliteratur oder nicht, Hauptsache: Es ist Literatur!
Das Gespräch führte Tibo Bérard








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