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Im Gespräch mit... - 28/03/05

Julian Roman Pölsler

Drehbuchautor und Regisseur


Julian Roman Pölsler, Drehbuchautor und Regisseur der Polt-Filme, Dienstag, 29. März 2005, um 22.45 Uhr: "Polterabend"

Thomas Neuhauser (T.N.):Herr Pölsler, der erste Kriminalroman der Polt-Reihe von Alfred Komarek erschien 1999 unter dem Titel „Polt muss weinen“ und erhielt gleich den renommierten Glauser- Preis als bester deutschsprachiger Krimi. Wie sind Sie auf diese eigenwillige Figur des Kriminalinspektors Simon Polt aufmerksam geworden und wussten Sie gleich, das will ich verfilmen?
 
img_petit_polsler_04.jpg.imageDataJulian Roman Pölsler (J.R.P.): Ich habe ja vorher zehn Jahre in Deutschland gearbeitet und habe dort sehr schöne Filme machen dürfen. Ich habe sehr viel für den Bayerischen Rundfunk und für das ZDF gemacht. Dann gab es Vorgespräche mit dem ORF, dass ich doch wieder einmal in Österreich filmen solle. Es gäbe da einen Roman von Alfred Komarek und der sollte ganz anders sein, als alle anderen Kriminalromane. Es sollte endlich ein Film dabei herauskommen, der ganz anders sei als alle die bekannten Krimis, die man auf deutschsprachigen Sendern sehen kann. Das hat mich natürlich neugierig gemacht.
 
T.N.:So ist es dann ja auch geworden.
 
J.R.P.: Wir haben uns bemüht, es so zu machen.
 
T.N.: Was ist das besondere an Simon Polt? Dass der Schrecken auch in der idyllischen österreichischen Weinbauernszene ganz dicht unter der Oberfläche lauert – das ist sicher ein Aspekt, aber das kann nicht alles sein.
 
J.R.P.: Ich glaube, das was die Leute an Simon Polt fasziniert, ist, dass er die Kriminalfälle löst, ohne dass er dafür Autoverfolgungsjagden, Schießereien oder Schlägereien braucht, sondern dass er in sich etwas spürt - einen Sinn für Gerechtigkeit, und dass er dem folgen muss. Auch wenn das zur Folge hat, dass er sich immer wieder gegen Freunde und eigentlich gegen sein ganzes Dorf stellen muss. Er will wissen: „Wie war es wirklich?“ Und ich glaube, das gefällt den Leuten. Er ist kein Held im klassischen Sinn, sondern er ist ein Held, der still ist, und der durch Beharrlichkeit zu so etwas wie der Wahrheit kommt. Obwohl die Wahrheit bei den Polt-Krimis immer wie eine Zwiebel ist, mit verschiedenen Schalen.
 
T.N.: Aber dieses ländliche Weinbauernmilieu spielt doch sicher auch eine Rolle, dass die Menschen gesehen haben: „Das ist eine besondere Figur.“
 
img_petit_polsler_01.jpg.imageDataJ.R.P.: Ja, natürlich. Mir ist es so gegangen, als ich den ersten Polt - Roman gelesen habe, da musste ich mir hinterher sofort eine Flasche Weißwein aufmachen und ein Glas trinken. Und das haben wir auch im Film zu transportieren versucht. Mein Kameramann Fabian Eder, der hat ja auch großen Anteil daran, dass das so erfolgreich geworden ist, weil er dieses Milieu in sehr schöne Bilder umgesetzt hat. Aber ich glaube nicht, dass das speziell auf dieses Weinviertelmilieu beschränkt ist, dieses „die Wahrheit liegt unter der Oberfläche“. Ich glaube, es gibt viele Landstriche in Österreich und ich glaube, auch in Deutschland, so wie ich es kennen gelernt habe, wo das auch so ist.
 
T.N.: In Frankreich ja auch. Man fühlt sich manchmal ein bisschen an frühe Chabrol-Filme erinnert, der ja auch gern in der Provinz gezeigt hat, dass die idyllische Oberfläche sehr brüchig ist.
 
J.R.P.: Absolut richtig. Das ist es ja gerade. Ich bin ein großer Verehrer des französischen Kinos und mich haben die französischen Filme immer sehr beeindruckt, und ich habe den Polt-Roman gelesen und das Gefühlt gehabt: „Jetzt kann ich endlich mal einen französischen Film im Weinviertel drehen.“
 
img_petit_polsler_02.jpg.imageDataT.N.: Die vierteilige Polt-Reihe auf ARTE in diesem Monat endet mit der Erstausstrahlung der neuesten Folge mit dem schönen Wortspiel „Polterabend“. Diesmal mit dem wunderbaren Josef Bierbichler, der sich in das Milieu hervorragend einpasst. Was hat Polt diesmal zu klären?
 
J.R.P.: Jetzt, in diesem letzten Fall, sieht man zum ersten Mal Blut. Man hat ja nie Blut gesehen. Dieses Blut hat der Kommissar, er ist ja keine Kommissar sondern ein Gendarmerie-Inspektor, das hat also der Gendarmerie-Inspektor Polt an seinen Händen. Es geht darum, dass ein Mann in einer Weinpresse gefunden wird. Der ist dort festgefroren. Als die Männer Eiswein pressen, wird ihm das Genick gebrochen. Und da stellt sich natürlich die Frage, wie dieser Mann da hineingekommen ist. Im Zuge der Ermittlungen geht es auch über die Grenze hinüber. Das niederösterreichische Weinviertel liegt ja an der tschechischen Grenze und das war ja einmal eine sehr harte Grenze. Polt fährt also nach Tschechien und ermittelt im Rotlichtmilieu. Es stellt sich aber heraus, dass der Fall nur am Rande mit diesem Rotlichtmilieu zu tun hat, dass vielmehr die Menschen im Wiesbachtal, wie das Tal ja im Roman und auch im Film heißt, etwas zu verschweigen haben.
 
T.N.: Ist das eigentlich nicht erstaunlich und natürlich zugleich auch sehr erfreulich, dass eine so ruhig-melancholische Figur eines Landgendarmen in einem fast kontemplativen Krimi so erfolgreich sein kann? Hat Sie das überrascht?
 
img_petit_polsler_03.jpg.imageDataJ.R.P.: Ich sag ja immer, und das ist mein Credo, ich bin überzeugt - und das glauben mir viele Fernsehverantwortliche nicht - aber ich glaube ganz fest daran, und der Erfolg von Polt gibt mir Recht: Die Zuschauer können sehr wohl zwischen einem langweiligen und einem langsamen Film unterscheiden. Der Polt ist ein langsam erzählter Film aber deswegen nicht langweilig.
 
T.N.: Mit dieser Unterscheidung kann man sich anfreunden. Die Musik von Haindling gefällt mir immer sehr gut und passt natürlich auch sehr schön zu dieser Atmosphäre. Haben Sie Haindling gleich von Anfang an dafür gewinnen können?
 
J.R.P.: Ja, ich habe schon mit Haindling 1999 bei meiner Anzengruber-Verfilmung „Der Schandfleck“ zusammengearbeitet. Das war auch sehr erfolgreich – nicht zuletzt wegen der wunderbaren Musik. Wir haben den Bayerischen Fernsehpreis dafür bekommen und haben uns sehr gefreut. Dann haben wir gesagt, was ist der nächste Streich, und dann habe ich von diesem Inspektor Polt erzählt. Haindling war sofort Feuer und Flamme. Beim Drehbuchschreiben habe ich immer Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ gehört, und da der erste Roman im Herbst spielt, hab’ ich immer den Herbstsatz gehört, und hab’ dann mit dem Haindling darüber geredet. Der hat dann vorgeschlagen, so eine Art „Haindling bläst Vivaldi“ zu machen. Es war ja von Anfang an geplant, dass es vier Filme werden sollten – vier Romane, vier Filme, die in den verschiednen Jahreszeiten spielen – und da würde sich das doch anbieten.
 
T.N.: Die letzte Folge, am 29. März 2005 auf ARTE, ist also „Polteraben“. Aber das kann es ja eigentlich nicht gewesen sein. Wie geht es denn weiter mit Simon Polt?
 
J.R.P.: Zur Zeit arbeite ich gerade an einer neuen Figur, die auch Alfred Komarek geschrieben hat. Das ist Daniel Käfer. Das spielt im Steirischen Salzkammergut. Das ist ganz anders, aber auch sehr schön. Da geht es weniger um einen Krimi, das ist eher ein Rätselfilm. Nachdem Käfer im Salzkammergut sich und seine Heimat gefunden hat, soll es aber im Weinviertel wieder mit Polt weitergehen, das hat mir Alfred Komarek verraten, aber nähere Details will er noch nicht sagen. Wobei ich weiß aber nicht, ob er nichts sagen will, weil er es selbst noch nicht weiß, oder weil er keine Lust hat, jetzt schon darüber zu sprechen.
 
T.N.: Julian Pölsler, schönen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf die nächsten Polt-Folgen.
 
Das Interview führte Thomas Neuhauser, ARTE Deutschland, März 2005

 
  • Kurzbiografie: Julian Roman Pölsler
 
Drehbuchautor und Regisseur
Julian Roman Pölsler wurde am Kreuzberg im Paltental/Steiermark geboren. Er studierte an der Wiener Filmakademie, am Max-Reinhardt-Seminar und am Institut für kulturelles Management.
Pölsler war Regieassistent bei Axel Corti und Xaver Schwarzenberger. 1996 erhielt er für die zweiteilige ORF/BR-Produktion "Die Fernsehsaga - Eine steirische Fernsehgeschichte" den Erich-Neuberg-Preis. Für seine Inszenierung der ORF/BR-Koproduktion des Anzengruber-Romans "Der Schandfleck" wurde der Filmemacher 2000 mit dem Bayerischen Fernsehpreis Blauer Panter ausgezeichnet.
Seit dem Jahr 2000 ist Julian Roman Pölsler mit der Verfilmung von Alfred Komareks "Polt"-Reihe befasst, die er im März 2003 abschloss. Zu allen vier TV-Adaptionen der Krimis von Alfred Komarek verfasste der Regisseur auch die Drehbücher.
Julian Roman Pölsler lebt und arbeitet in Wien und München.

Erstellt: 09-03-05
Letzte Änderung: 28-03-05