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18/12/08

Julius von Bismarck - Image Fulgurator

Goldene Nica in der Kategorie Interactive Art.


Analoge Manipulation im Digitalzeitalter : Julius von Bismarcks Fulgurator lässt uns den eigenen Augen misstrauen

Eine Geste hat sich mit der Verbreitung immer billigerer Digitalkameras eingebürgert: Sofort nach dem Schnappschuss gleicht man das fotografierte Bild ab mit Wunsch oder Wirklichkeit. Sieht es nicht so aus, wie es aussehen sollte, wird noch mal geknipst. Der Mensch sieht die Welt immer mehr durch das Fenster seiner Apparatur, und durch die Bilder, welche er sich von ihr macht.

Genau diesen Moment des Abgleichs von Bild und fotografiertem Objekt macht sich der Berliner Kunststudent Julius von Bismarck zunutze. Sein Image Fulgurator, den er technisch-schlicht "Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Fotografien" nennt, projiziert subversive Botschaften oder Motive in Bilder hinein, welche in genau jenem Moment von anderen geschossen werden. Man reibt sich die Augen – nur auf dem Foto ist die Manipulation zu sehen, aus der Wirklichkeit ist sie schon wieder verschwunden. Hat das Auge Recht, oder der Fotoapparat? Für seine Erfindung erhielt von Bismarck die Goldene Nica in der Kategorie Interactive Art.

Der Image Fulgurator sieht aus wie eine Kamera, ist aber eigentlich ihr Gegenteil. Er nimmt nichts auf, sondern schmuggelt Bildinformationen in Motive herein, auf welche Touristen oder Fotoreporter ihre Objektive richten. Dazu hat der Künstler in eine Spiegelreflex-Kamera einen Sensor eingebaut, der in der Umgebung ein anderes Blitzlicht erkennt. Ist der Fulgurator dann auf das anvisierte Objekt gerichtet, so löst er zeitgleich und für die Fotografierenden unmerklich seinen eigenen Blitz aus, der die gewünschte Botschaft für den Bruchteil einer Sekunde wie von Geisterhand ins Motiv einzeichnet. Das funktioniert mit jeder beliebigen Kamera – vorausgesetzt es wird ein Blitzlichtgerät verwendet.

Auch wenn Julius von Bismarck hier nur mechanisch-elektronische Technologie verwendet und keine Computerchips benötigt, so sieht er sich durchaus in der Tradition des "Hacking" – er ist ein Bilder-Hacker. Touristen, die den nunmehr herausgeputzten Berliner Reichstag ins Visier nehmen, projiziert er Flammen rund um die Fenster und brennt ihnen sprichwörtlich etwas Vergangenheit aus den finsteren 30er Jahren ins Bild ein. Bei der jüngsten Rede von Barack Obama an der Berliner Siegessäule ergab sich vor Tausenden Pressefotographen ein anderes dankbares Interventionsfeld: Während der amerikanische Präsidentschaftskandidat imagegerecht eine bessere Welt prophezeit, fulguriert der Ars Electronica-Preisträger ihm inmitten des allgemeinen Blitzlichtgewitters mit seiner Medienwaffe ein leuchtendes Kreuz ans Rednerpult. Eine Friedensbotschaft anlässlich der Olympischen Spiele in Peking? Bevor er sich dann schnell vor den misstrauischen Polizeiagenten in Sicherheit bringen muss, lässt von Bismarck am Platz des Himmlischen Friedens auf dem gehuldigten Mao-Portrait ephemer eine Friedenstaube Platz nehmen, "inspiriert von Magrittes Mann mit Melone" sagt er, und zeigt, dass er sich durchaus in der Tradition subversiver Avantgarde verstanden wissen will. Ein Gruppenfoto vor dem Brandenburger Tor? Ist Julius von Bismarck zugegen, prangt auf dem Torbogen ein gleißendes "Google"-Logo.

Da drängen sich viele Fragen auf. Zum Beispiel, ob sich der Fulgurator statt für künstlerisch-politische nicht auch gewinnbringend für Werbebotschaften anwenden ließe? Vorsichtshalber hat Julius von Bismarck ein Patent angemeldet, und hofft, dass dieses unerwünschte Nachahmer abhalten wird. Viel elektronische Post bekommt er dieser Tage, nicht nur von Interessenten: "Auch Drohbriefe sind dabei, manchmal von Leuten, die mich davor warnen, ihnen die Fotos kaputt zu machen... "

Doch der Fulgurator ist mehr als ein schelmischer Bastler-Gag – es ist auch eine medientheoretisch subtil durchdachte Arbeit. Denn rein technisch wäre die heute anachronistisch anmutende Spiegelreflex-Apparatur mit dem leistungsstarken Blitzlichtaufsatz schon vor 40 Jahren möglich gewesen. Doch erst seit man nicht mehr auf die Entwicklung von Filmen warten muss, hat der Erfindergeist da gefunkt. Und erst so entfaltet sich mit der Verbreitung der Digital-Pocket-Kameras durchaus analog jene verstörende Wirkung, im Sichtfenster zwischen Fotografiertem und Wahrgenommenem einen Störfaktor zu erfahren.

Ist dies aber nun eine interaktive Kunstarbeit? War es beim Gründungsmythos der Kategorie "Interactive Art" der Ars Electronica vormals selbstverständlich, dass es sich um via Computer ermöglichte Mensch-Maschinen-Kommunikation handelt, so stellt diese Bedingung heute kein Qualitätsmerkmal mehr da. Sicher, der Betrachter soll eingeladen werden mitzuwirken, zu kommunizieren, zu konstruieren, mitzuschaffen, er soll zum "Interaktor" werden. Bei Julius von Bismarck wird er das auch – nur weiß er nichts davon.


  • Das Interview

Wie funktioniert der Image Fulgurator ?

Wie schärft die Arbeit das Bewusstsein dafür, dass wir uns mit unserer Wahrnehmung im Zeitalter digitaler Bilder kritischer auseinandersetzen sollten ?

Wie kommt es, dass erst mit der Digitalfotographie dieser durchaus analoge Fulgurator seine Wirkung entfaltet ?

Die Arbeit hat den Hauptpreis der Kategorie Interactive Art erhalten – inwieweit ist sie überhaupt interaktiv ?

Wie reagieren Leute, denen Sie Ihre Motive aufdrängen ?

Als Künstler spielen Sie ein doppeltes Spiel : Sie manipulieren einerseits Bilder anderer Menschen, andererseits brauchen Sie ja aber auch Photo-Assistenten, welche die von Ihnen provozierten Effekte auch im Bild festhalten, sodass Sie diese wiederum als Ihre Kunst zeigen können...

Erstellt: 04-09-08
Letzte Änderung: 18-12-08


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